Christian Boltanski - Monumenta Paris

Monumentales Inferno

Notgedrungen hat sich der französische Künstler Christian Boltanski für die dritte "Monumenta"-Schau für eine Materialschlacht entschieden: über 50 Tonnen gebrauchte Kleider, 100 Neonröhren und 200 Lautsprecher lassen das Pariser Grand Palais im Rhythmus von Herzschlägen erbeben.
Monumentales Inferno:Boltanskis "Monumenta" im Pariser Grand Palais

Christian Boltanskis "Monumenta"-Materialschlacht "Personnes" im Pariser Grand Palais

Kunst nicht als ästhetische, sondern als dramatische, alle Sinne beanspruchende, unvergessliche Erfahrung: Wie seine beiden Vorgänger Anselm Kiefer und Richard Serra hat sich auch der Franzose Christian Boltanski bei der dritten Ausgabe der Pariser Mammutschau "Monumenta" unter der riesigen Glaskuppel des Grand Palais notgedrungen für die Materialschlacht entschieden – über 50 Tonnen gebrauchte Kleider, Tausende verrostete Blechdosen, ein 25 Meter hoher Kran, über 100 Neonröhren und 200 Lautsprecher, die das gesamte Gebäude im Rhythmus von Herzschlägen erbeben lassen.

Doch im Gegensatz zu Kiefer und Serra macht Boltanski zum ersten Mal die wirklich monumentalen Dimensionen des 1900 für eine Weltausstellung gebauten Grand Palais sichtbar. Und er will keine Kunst zum Anschauen, sondern eine begehbare Bühne, auf der er seine Vision von der Vergänglich- und Vergeblichkeit allen Lebens, den Leitmotiven seiner künstlerischen Arbeit seit über vierzig Jahren, inszeniert.

Vergänglich ist das Leben und sind die im Grand Palais gezeigten Werke, die – im Gegensatz etwa zu Kiefers Häusern – nicht vermarktet werden können, sondern nach Ausstellungsende zerstört und recycelt werden. Boltanski hat, inspiriert vom Dichter Dante und seinen Kreisen des Inferno, einen Parcours durch eine Hölle auf Zeit konzipiert. Er beginnt mit einer über 30 Meter breiten und vier Meter hohen Mauer aus metallenen Keksdosen, wie er sie schon seit den späten sechziger Jahren für seine Altäre anonymer Verstorbener benutzt, um die Habseligkeiten von Abwesenden zu sammeln. Diese Mauer trennt den Besucher von der Realität vor dem Grand Palais, vor Wirklichkeit und Draußen, vor der winterlichen Stadt Paris mit den eleganten Champs-Elysées und all ihrer lebendigen Geschäftigkeit des Winterschlussverkaufs. Ein tiefes Murmeln von basslastigen Herzschlägen, das an eine Vernichtungsfabrik erinnert, kündigt über die Mauer hinweg den Zugang in eine andere, eine künstlerische Welt an.

"Wie bist du gestorben?"

Bei Boltanski ist der Grand Palais zur Industrieanlage menschlicher Existenz geworden, er erinnert an Massenvernichtung der Shoah, Gefangenenlager und Sanatorien. Der Künstler hat zugunsten der Emotion auf alle Kauzigkeit, allen Humor, jede Spur von Optimismus verzichtet. Hinter der Mauer sind im gesamten Längsschiff des Grand Palais in Rechtecken Altkleider auf dem Boden ausgebreitet, fein säuberlich nach Farbe und Größe geordnet. An metallenen Stelen hängen fahle Neonröhren und kleine Lautsprecher, die das dumpfe Gemurmel der Herzschläge beim Nähertreten ablösen in hellere, individuell unterscheidbare Rhythmen. Der Herzschlag als letzte, als einzige Spur menschlichen Lebens, als intimstes, unverkennbares und doch unheimliches Charakteristikum jedes Individuums.

Der Herzschlag hat seit zwei, drei Jahren in Boltanskis Werk die Fotografie als letzte Erinnerung Verschwundener abgelöst. Deshalb kommt im Grand Palais Fotografie nicht vor, ungewöhnlich für eine Ausstellung des Künstlers, der durch seine Altäre und Monumente mit Amateurfotografien anonymer Menschen bekannt wurde. Aber selbst der Herzschlag ist ausnahmsweise nicht Symbol für Überleben und Zukunft, sondern er führt zu einem gigantischen Berg aus Altkleidern, auf den ein lautloser Kran mit einer roten, fünffingrigen Klaue – die Hand Gottes, der willkürlich Leben nimmt, aber auch schenkt, so der Künstler – weitere Kleiderstücke durch die Luft flattern lässt.

"Personnes" nennt der 65-jährige Boltanski seine Installation, was im Französischen sowohl "Personen" als auch "Niemande" bedeutet. Er hat den Zeitpunkt der "Monumenta" vom Sommer in den Januar verlegt, denn dann ist es kalt und unwirtlich im unbeheizbaren Grand Palais; die Sonne spendet schon am Nachmittag keine Wärme mehr, das Gebäude leuchtet bis zur Schließung um 22 Uhr im kalten Licht der Neonröhren. Wer nach "Personnes" Trost sucht, den schickt der Künstler per Metro in die südöstlichen Pariser Vororte, ins dortige kleine Museum MAC/VAL. Dort findet als Fortsetzung von "Monumenta" seine Ausstellung "Après" statt, bestehend aus in schwere Mäntel gekleideten Holzskulpturen im Halbdunkel, die beim Näherkommen der Besucher schlichte, existentielle Fragen nach dem jeweilgen Ende stellen. "Wo kommst du her?", "Hattest du Angst?", "Wie bist du gestorben?" – Fragen, auf die auch die Kunst keine Antworten weiß. Die Boltanski aber als "Après", als "Danach" durchaus tröstlich meint – als Ruhe nach dem Sturm der Vernichtung, des Infernos. Ein geheiztes Nichts zum Nachdenken über Vergänglich- und Vergeblichkeit.

"Monumenta 2010 / Christian Boltanski"

Termin: 13. Januar bis 21. Februar, Grand Palais, Paris. TV-Porträt "Die möglichen Leben des Christian Boltanski", 18. Januar, 23.15 Uhr, ARTE
http://www.monumenta.com/2010/