Loredana Nemes - Interview

Man hört die Spannung einer Stadt

Loredana Nemes wurde 1972 in Sibiu, Rumänien, geboren. Mit 13 Jahren flieht sie mit ihrer Familie vor dem Ceausescu-Regime, der kommunistischen Diktatur, nach Aachen. "Das fluchtartige Verlassen meiner Heimat hat mein Leben gespalten, meine Wurzeln gekappt." In der Galerie Anna Augstein Fine Arts ist bis zum 18. Oktober ihre Ausstellung "Von Männern" zu sehen. art sprach mit der Berliner Foto-Künstlerin über ihre neue Serie "Über Liebe", ihre Reisen durch die Metropolen der Welt und Gefangene im Untergrund der U-Bahn.
"Von Männern":Interview mit Loredana Nemes

Loredana Nemes: Aus der Serie "Über Liebe"

Frau Nemes, sind Sie verheiratet?

Loredana Nemes: Ich fühle mich häufig verheiratet. Ich war in einigen Städten und hatte wunderbare Bräutigame, mit denen ich jetzt innerlich verheiratet bin – natürlich losgelöst von der Hochzeitszeremonie.

Für Ihre Serie "Über Liebe" inszenieren Sie Hochzeitsbilder mit fremden Männern. Sie sind die Braut. Wie entstand dieses Projekt?

Begonnen habe ich die fotografische Arbeit dazu 2006, jedoch war der Samen schon früher gelegt worden, 1998 etwa, bei den Vorbereitungen für meine eigene Hochzeit. Wir haben sie abgesagt, drei Wochen vorher. Es blieben bereits gekaufte Geschenke als Trost, viele Erinnerungen und dieses Kleid, was dann acht Jahre in meinem Kleiderschrank hing, das ich versucht habe bei Ebay los zu werden und in Brautläden gebracht habe, um es dort zu verkaufen. Es war ja nagelneu und ungetragen, aber niemand wollte es haben. Irgendwann habe ich verstanden: Es sollte wohl mir gehören oder bei mir bleiben. Dann war natürlich die ganz große Frage, was geschieht damit? Zeremonielles Verbrennen mit sinnlosem anschließenden Betrinken? Alles mögliche habe ich durchdacht, nichts schien richtig. Und eines Morgens kurz vor einer großen Reise, die 2006 anstand, habe ich mir gedacht, vielleicht nehme ich es mit auf die Reise.

Wie haben die Männer auf Sie als unbekannte Braut reagiert?

Ich war positiv überrascht über die Offenheit und die Fähigkeit vieler. Nach einem Blickaustausch und einem Moment des Beobachtens, habe ich die Männer angesprochen. Es war jedes Mal ein Geschenk, wenn jemand tatsächlich stehen blieb, sich vom Weg für wenige Momente abbringen ließ und sagte, ja, ich wage es. Die meisten waren zuerst verwirrt und wollten wissen, warum und wozu. Ich habe als erstes die Frage gestellt, ob dieser Mann eine Frau liebt und mir etwas darüber erzählen möchte. Die meisten waren zuerst verwirrt. Ich habe ihnen gesagt, dass es im Kontext einer fotografischen Arbeit steht und dass ich mir wünsche nach dem Gespräch, so eine intime Antwort erfordert schon eine große Offenheit und viel Mut, ein Bild mit ihnen zu machen, und zwar so, als wäre ich die Frau, die sie lieben. Es kamen die verrücktesten, intimsten, zärtlichsten Antworten. Es war jedes Mal eine enorme Reise.

Das Projekt ist ja auch auf einer großen Reise entstanden: Sie haben in Sibiu, Washington, New York, Madrid, Kreta, Oslo und Berlin fotografiert. Konnten Sie regionale Unterschiede feststellen?

Ich mache mich nicht auf diese Reisen, um Schlüsse zu ziehen. Aber ich denke, die Ausstellung lässt manche Schlüsse zu. Die möchte ich gerne dem Betrachter überlassen. In manchen Ländern gibt es mehr Offenheit, mehr Körperlichkeit, dann aber wiederum gibt es eine Distanz im gleichen Land. Ich finde es schwierig, Vielfältigkeit in Regeln zu fassen. Das möchte ich nicht.

Gab es eine besonders skurrile Begegnung?

Ich hatte fast immer ganz besondere Gefühle. Ich habe versucht, so zu denken, so zu fühlen, als wäre derjenige, der neben mir steht, wirklich mein Bräutigam, mit dem ich durch dick und dünn zu gehen hoffe, durch gute und schlechte Zeiten. Und dann kommt so eine Wärme auf. Man blickt herüber und entdeckt kleine Feinheiten: Die Stimme, die Schüchternheit oder die Selbstverständlichkeit, mit der jemand da steht, ein Blick, oder nur ein Zucken. Ich erinnere mich, wie mir einer erzählte, dass er seine üppige Frau sehr liebt, aber noch viel mehr ihre genialen Füße. Oder ich erinnere mich an einen Mann, dessen Traurigkeit so groß war, obwohl das Bild so lustig ist, das zwischen uns entstanden ist. Er lebte fern von seiner Ehefrau und seinem Kind, weil sie es so entschieden haben. Ein Dritter hat am Ende seiner Aussage gefragt: "Und Du, liebst Du jemanden?" Es gab immer Überraschungen, weil die Männer auch die Pose bestimmen, es ist ihr Liebesdiskurs, ihre Version von Visualisierung. Nichts habe ich vorgeschlagen. Ich stehe da und mache alles mit.

In "Über Liebe" stellen Sie neben das Bild den gedruckten O-Ton des fremden Bräutigams, den wir aber auch hören?

In der Ausstellung hören wir die verschiedenen Liebesmusiken. Vieles verstehe ich nicht. Ich stand neben den griechischen Männern und habe nur gestaunt über die Schönheit des Klangs. Der Inhalt wurde mir erst später zugänglich, durch Übersetzerinnen, die mir geholfen haben. Aber es ist toll, die verschiedenen Sprachen zu hören und daran erinnert zu werden, dass trotz dieser Globalisierungsaktion, von der wir immer sprechen, die Geheimnisse der einzelnen Sprachen überleben. Der Ton erweitert die Arbeiten. Man hört neben der Sprache die Spannung einer Stadt, so auch die Energie New Yorks.

Der zweite Bildzyklus ihrer Ausstellung "Von Männern" zeigt Männercafés im Berlin der Nacht. Sind Sie mal in eine dieser kleinen Parallelwelten eingedrungen?

Allein der Blick von außen ist schon ein Eindringen in diese türkischen, orientalischen, arabischen Cafés. Ich wollte gar nicht eindringen, sondern es vielmehr beim Geheimnis belassen. Die Besitzer haben mich aber immer eingeladen. Als Frau ist das wahrscheinlich leichter. Es ist ein Blick, der mit dem Geheimnis spielt. In einer Zeit, in der wir kaum Geheimnisse haben, sind wir konfrontiert mit einem Geheimnis. Unsere Welt hält kaum Geheimnisse aus. Mich hat es gereizt, ein Geheimnis bleiben zu lassen, was hinter der Milchglasscheibe passiert. Ich will es nur andeuten. Man sieht etwas, aber vieles bleibt im Unklaren. Einmal blicke ich als Berlinerin darauf, die kulturell außen steht, aber ich blicke auch als Frau darauf, die zusätzlich noch mal ausgeschlossen ist. Vielleicht würden die eigenen Frauen dieser Männer ebenso darauf blicken.

Waren Ihre Fotografien schon immer alle schwarz-weiß?

Bis jetzt, ja. Bis jetzt war die Reduktion der Farbe immer wichtig, fast notwendig. Aber es ist kein Diktum, keine Regel. Ich denke, es kann bestimmt einmal ein Projekt kommen, das Farbe benötigt. Ansätze dazu sind schon im Kopf.

In all ihren Bildern sehe ich eine besondere, suchende Distanz.

Nähe und Distanz ist so etwas wie das Hauptthema. Obwohl ich bei den "Under Ground"-Bildern sehr nah war – zwischen 1,5 und 2 Metern ist die Entfernung zum Gegenüber in der U-Bahn – ist doch viel Distanz da, weil ich versucht habe, niemandem zu nahe zu rücken. Ich wollte die reisenden Stadtnomaden nur einfangen, und ihnen dabei ihren Raum lassen, ihren Alltag, und möglicherweise auch das Gefühl, dass sie eben nicht beobachtet sind. Dieser sich unbeobachtet wähnende Mensch ist das Interessante für mich. Die erschütternde und authentische Gebärde im Alltag, so ungestellt und undurchdacht, finde ich am spannendsten.

Sie haben in Paris, Moskau, London, Berlin, New York und Bukarest Fahrgäste in der U-Bahn fotografiert. Was ist das Besondere an der U-Bahn-Atmosphäre?

Es ist an sich erstmal dieser geschlossene Raum. Die Menschen können nicht entkommen – zumindest nicht zwischen zwei Haltestellen. Sie müssen sich irgendeine Privatsphäre schaffen, die sie diese gefangene Nähe zu allen anderen Menschen aushalten lässt. Diese Zeit muss überbrückt werden. Sie isoliert einen von der städtischen Architektur und allen anderen äußeren Einflüssen. Diese Situation wirft den Menschen für mich auf sich selbst zurück. Ich kann den Dialog eines Menschen mit seinem Inneren, manchmal auch mit seiner Außenwelt, mit seinem Nebenpassagier, sehr intensiv beobachten und natürlich fotografieren.

Loredana Nemes – "Von Männern"

Termin: bis zum 18. Oktober, täglich 12-19 Uhr, Samstag 11-16 Uhr, Montag geschlossen, Galerie Anna Augstein Fine Arts, Berlin
http://www.augstein-finearts.com/

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