Christoph Schlingensief - Venedig

So schön wie in Venedig kann es im Himmel gar nicht sein!

Auf der Biennale in Venedig vertritt Christoph Schlingensief Deutschland im nationalen Pavillon. Wie aber macht man eine Ausstellung mit einem toten Künstler, der eine große Show plante, aber nicht mehr ausführen konnte? Kuratorin Susanne Gaensheimers Gratwanderung zwischen Ehrung und Verklärung
Einen Löwen für den Provokateur:Die Entstehung des deutschen Pavillons

Christoph Schlingensief bei der Eröffnung von "18 Bilder pro Sekunde" in München, 2007

In einem Hinterhofbüro in Berlin Kreuzberg diskutiert eine Gruppe von Leuten heftig über die Details einer Ausstellung. Es geht um Licht und Flachbildschirme, um Schulbänke und Lehmmauern, um Filmrechte und Finanzen. Man beugt sich über ein Modell, das aussieht wie eine Mischung aus Kirche und römischer Tempelanlage. Rechts gibt es eine Rollstuhlrampe, über dem Eingang hängt ein Schild mit der Aufschrift „EGOMANIA“. Die Diskussion ist hitzig, leidenschaftlich, manchmal auch ganz sanft. Plötzlich sagt einer: „Christoph hat Flatscreens immer gehasst!“

Eine ganz normale Arbeitsbesprechung zur Vorbereitung der Biennale-Ausstellung im Deutschen Pavillon in Venedig. Eine spiritistische Sitzung, eine Geisterbeschwörung zum Ergründen des künstlerischen Konzepts. Denn der Künstler, der dort ausstellen soll, ist tot. Christoph Schlingensief, Filme- und Theatermacher, Performer, Provokateur und schonungsloser Selbtdarsteller ist am 21. August 2010, kurz vor seinem 50. Geburtstag und vier Monate nach seiner Biennale-Nominierung, an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

Die Kuratorin

„Das war echt Horror“, sagt Susanne Gaensheimer, die Kommissarin des Pavillons. „Als ich ihn gefragt hatte, war ich so sicher, dass er das schafft. Klar hat man gesehen, dass er krank war, aber er hatte so viel Energie.“ Die Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt hatte für den Venedig-Auftritt bewusst einen Künstler außerhalb des typischen Kunstkontexts gewählt. Die Museumswelt hatte Christoph Schlingensief bis dahin nur gestreift – etwa 2007 mit seiner Filminstallationen „18 Bilder in der Sekunde“ im Münchner Haus der Kunst. Besser bekannt war er für unverschämte Theaterinszenierungen, grausam-groteske Kinofilme und radikale Politperformances. Seine Biennale-Berufung hatte im Kunstestablishment denn auch für Unmut gesorgt. Gerhard Richter schimpfte, das sei ein „Skandal“: „Die nehmen einen Performer, dabei haben wir tausende Künstler“.

Jetzt war der „heilige Narr und geniale Wüterich“ (Der Spiegel) also gestorben, noch bevor er allen beweisen konnte, dass er genau der Richtige gewesen wäre für den problematischen, mit Nazi-Vergangenheit belasteten deutschen Kunsttempel in Venedig. „Christoph hat den Pavillon nicht als Ort gesehen, vor dem man vor Ehrfurcht in die Knie geht und in dem man sich dann letztlich selbst monumentalisiert. Er sah ihn als neutralen Ort “, sagt Susanne Gaensheimer. Als sie Schlingensief letztes Jahres das Projekt antrug, habe er nicht lange gezögert. Schon am nächsten Tag schickte er folgende SMS: „Wenn alle Fragen und Peinlichkeiten erlaubt sind, dann würde ich das total gern machen!“

Dabei hätte das Biennale-Gespann kaum unterschiedlicher sein können. Auf der einen Seite die kühle, wortkarge, analytische Kunsthistorikerin, die Ausstellungen über „Narration und Langsamkeit“ organisiert, auf der anderen Seite der quirlige, widersprüchliche Performer mit der Struwelpeterfrisur und dem Bubenlächeln, der redet wie ein Wasserfall. Kumpanei war da nicht im Spiel. Gaensheimer hat Schlingensief vor der Biennale-Berufung nie getroffen. „Es war mir wichtig, einen Künstler meiner Generation anzusprechen, der mit seiner Arbeit die künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen der letzten Jahrzehnte der wiedervereinigten Bundesrepublik nicht nur begleitet, sondern maßgeblich mitbestimmt hat“, sagt sie. „Ich halte Christoph Schlingensief für einen ganz bedeutenden Künstler dieses Landes, der immer vollkommen rückhaltlos, auch sich selbst gegenüber, eine Position geäußert und behauptet hat, in aller Deutlichkeit und Direktheit.“ Die Überdeutlichkeit, mit der die Kuratorin das doch eigentlich Selbstverständliche betonen muss, zeugt indess von dem Dilemma, in dem sie mit dieser Nominierung steckt. Denn Kenneth Anger, Paul McCarthy und Tino Seghal hin oder her, Performance und Film mag seit 50 Jahren offiziell zum Kanon der zeitgenössischen Kunst gehören, im künstlerischen Alltag sind die Zäune zwischen Film-, Theater- und Kunstwelt immer noch straff gespannt. Und wer in zu vielen Manegen turnt, wird von keinem Zirkus für voll genommen.

Der Künstler

Wer also war der Mann mit dem Megaphon wirklich? Die größten Schlagzeilen machte Christoph Schlingensief in den letzten zehn, 15 Jahren mit Theaterspektakeln, bei denen er Neonazis und Behinderte auf die Bühne holte, mit Todesdrohungen gegen Politiker und einer „Parsifal“-Inszenierung mit verwesenden Feldhasen in Bayreuth. Angefangen hat alles in Oberhausen. Dort wurde Schlingensief 1960 geboren, Einzelkind, Vater Apotheker, Mutter Kinderkrankenschwester, ein lebhafter Junge, der bereits als Achtjähriger mit Vaters Super-8-Kamera erste Filme dreht. Die Legende vom Wunderkind fehlt in keiner Biografie, ebenso wenig wie der Ruhrpott-Bezug. Schlingensief hat diesen Mythos selbst gepflegt. Frühe Kinderfilme, seine katholische Erziehung, das Verhältnis zu den Eltern tauchen in seinen Arbeiten ebenso auf wie die stillgelegten Zechen, die ihm oft als Filmkulisse dienten. Eigentlich träumt Schlingensief davon, große Kinofilme zu drehen. Doch an den traditionellen Filmhochschulen wird er abgelehnt. Also geht er bei dem Avantgarde-Regisseur Werner Nekes in die Lehre – und lernt statt Hollywood-Tricks den sezierenden Blick auf die Filmgeschichte. „Nekes hat mich in dem Sinne versaut, dass er Experimentalfilme machte, ich aber eigentlich Mainstreamfilme machen wollte“, sagt Schlingensief (HUO, CoF). Sein Verhältnis zur deutschen Filmkunst bleibt gebrochen. Einerseits dreht er mit Alfred Edel, Margit Carstensen, Irm Herrmann und Udo Kier – den Schauspielern des Neuen Deutschen Films, die schon bald zum Schlingensief-Kosmos gehören –, andererseits macht er sich über die betuliche Kinoszene lustig. In „Tunguska – die Kisten sind da“ (1983/84), seinem ersten abendfüllenden Spielfilm, schickt er Forscher an den Nordpol, die die Eskimos mit deutschen Avantgardefilmen zu Tode foltern. Im „Deutschen Kettensägenmassaker“ (1990), Schlingensiefs bitterböser Antwort auf die deutsche Wiedervereinigungseuphorie, werden ahnungslose Ossis geschlachtet und buchstäblich zu Wurst verarbeitet. So wird er schnell zum Enfant terrible der Filmbetriebs.

1993 holt Frank Castorf den Theaterneuling an die Berliner Volksbühne. Dort mischt Schlingensief mit Stücken über die deutsche Parteienlandschaft (100 Jahre CDU), Rechtsradikalismus (Kühnen 94) und die 68er-Revolte (Rocky Dutschke) das Theater am Rosa Luxenburg-Platz auf. Außerdem moderiert der Alleinunterhalter Fernseh-Talkshows (Talk 2000) und gründet eine „Partei der Arbeitslosen und von der Gesellschaft Ausgegrenzten“ (Chance 2000). Die Theaterbühne ist für ihn ein flexibler Ort, der auch schon mal aus ein paar Wohncontainern mitten in Wien bestehen kann, in denen Asylbewerber im „Big Brother“-Stil vor laufender Kamera um ihr Bleiberecht spielen („Bitte liebt Österreich“, 2000).

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Mit seiner entgrenzten Theaterarbeit reißt Schlingensief die vierte Wand, die den Zuschauer vom Bühnengeschehen trennt und gegen die schon Bert Brecht revoltierte, mit Getöse ein. Er ist kein analytischer Konzeptkünstler, schon eher ein frecher Gelegenheitsverwerter.  Inspirationen holt sich der Autodidakt vom Boulevard ebenso wie von Joseph Beuys, dessen Begriff der sozialen Plastik er sich lustvoll einverleibt. Auf der Theaterbühne parodiert er aber auch die heilige Ernsthaftigkeit, mit der Fluxus-Künstler wie Nam June Paik oder George Brecht ihre Avantgarde-Rituale zelebrierten.  Sein künstlerisches Prinzip ist ebenso einfach wie wirkungsvoll. Er greift gesellschaftliche Themen auf, die allgemein für Unbehagen sorgen - Neonazis, Terrorangst, Arbeitslosigkeit - und konfrontiert die Zuschauer dann mit ihren eigenen Vorurteilen. 

Schlingensiefs Hartz-IV-Empfänger trinken Bier und pöbeln rum, seine Behinderten schielen und stottern. Das permanente Changieren zwischen Wirklichkeit und Fiktion sorgt für Verunsicherung. Ähnlich wie in der heutigen Politik, gibt es bei Schlingensief keine Eindeutigkeiten mehr. Alles ist möglich und morgen auch das Gegenteil. Schon die frühen, trashigen Kinofilme, in denen Schlingensief mit vollem Körpereinsatz selbst mitmischt, nehmen vieles vorweg, was Künstler wie John Bock und Jonathan Meese ein Jahrzehnt später im Kunstkontext präsentieren werden. "Ich habe mich immer für Künstler interessiert, die die Kunst fast zwanghaft betrieben haben. Eine Form der Schizophrenie war für meine Arbeit und mein Leben immer typisch. Wenn ich nur bei einer Sache wäre, würde ich mich langweilen, käme mein Kopf nicht in Fahrt", beschreibt Schlingensief seine Motivation.

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2004 dann der Ruf auf den Grünen Hügel. Schlingensief, der noch nie eine Oper inszeniert hat, wird für die Regie von Richard Wagners "Parisfal" am Bayreuther Festspielhaus engagiert, dem Walhalla der Opernwelt. Die Proben werden zur Tortur, denn der Wagner-Clan will zwar einen zugkräftigen Namen, aber keine radikal neue Werkinterpretation. Am Ende liefert Schlingensief eine solide Parsifal-Inszenierung mit verschmitzten Beuys- und Afrika-Anspielungen ab, bei der selbst die schärfsten Kritiker fast enttäuscht den großen Skandal vermissen. Damit ist Schlingensief endgültig im Theaterolymp angekommen.  In der bildenden Kunst gilt der Theaterrevoluzzer dagegen immer noch als Geheimtipp.  1997 wurde er von Catherine David zur Documenta eingeladen. Die Aktion "Mein Filz, mein Fett, mein Hase", Schlingensiefs eigenwilliges Beuys-Happening, wird zum Politikum, als der Künstler vor laufenden Kameras von hessischen Polizisten verhaftet wird, weil er auf der Bühne zum Kanzlermord aufruft: "Tötet Helmut Kohl!" "Christoph Schlingensief hatte ein intuitives Gefühl für brennende Themen. Und anders als viele andere Künstler hatte er keine Angst, sich die Finger schmutzig zu machen", sagt Harald Falckenberg. Der Hamburger Sammler, der für unbequeme Performance- Kunst schwärmt, hat eine der wenigen Schlingensief-Installationen, "Animatograph Parsipark (Ragnarök)" von 2005, gekauft. Die Tiefe seines politischem Engagements beurteilt der Sammler dennoch kritisch.  "Ich sehe bei Schlingensief Parallelen zu Martin Kippenberger, beide waren außerordentlich unintellektuell und am Ende nicht wirklich interessiert an einem Diskurs."

Im Januar 2008 dann der Schock. Bei Schlingensief wird Lungenkrebs diagnostiziert, ein Lungenflügel wird entfernt, Chemotherapie, Strahlenbehandlung, das volle Programm. Seine Ängste verarbeitet der Künstler in einem Tagebuch. Die schmerzhaft selbstreflektiven Memoiren ("So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!") werden zum Bestseller. Auch in seinen Theaterarbeiten beschäftigt sich Schlingensief jetzt ausgiebig mit seiner Krankheit, mit Religion und Erlösungsfantasien. Eigentlich hatte sich der notorisch Vielbeschäftigte seit der Krebsdiagnose mehr Ruhe versprochen.  Doch kaum ist die Chemo überstanden, reist er schon wieder nach Afrika. In Burkina Faso will er ein Operndorf gründen, eine Schule, etwas Optimistisches gegen den Krebs-Pessimismus.  Afrika und Wohlfühlwahn werden auch zu Stichworten für die geplante Arbeit im deutschen Pavillon in Venedig.  DER KREBS Bald sitzt Biennale-Kuratorin Gaensheimer zum Brainstorming mit Schlingensief und seiner Truppe am Tisch: Ehefrau und Kostümbildnerin Aino Laberenz, Dramaturg Carl Hegemann, Bühnenbildner Thomas Goerge, Meike Fischer, die Schlingensiefs Stiftung "Festspielhaus Afrika" betreut. Der Künstler will den Pavillon in ein afrikanisches Wellness Center verwandeln, inklusive Sauna, Schwimmbad und Massagekabinen.  Für den pseudosakralen Innenraum stellt er sich Lehmarchitektur vor, Vogelgezwitscher und ein medizinisches Labor, das anhand von Speichelproben genetische Abstammung der Besucher ermittelt.  Vor dem Pavillon will Schlingensief in Anlehnung an frühere Weltausstellungen einen "Menschenzoo" einrichten, in Käfigen sollen Afrikaner alltägliche Dinge verrichten, Computer reparieren oder Bilder im Stil von Gerhard Richter malen.  "Ich wäre allein schon wegen der Finanzen wahrscheinlich tausend Tode gestorben, wenn wir das alles hätten realisieren wollen", sagt Gaensheimer.

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Dann platzt eine Arbeitssitzung in Berlin. Schlingensief muss ins Krankenhaus. Eine Woche später ist er tot.  "Das war wie eine Starre", sagt Gaensheimer.  "Und natürlich wollten alle sofort wissen, was ich jetzt mache." Regelrechte Forderungen habe es gegeben, schnell einen anderen Künstler zu beauftragen, erinnert sich die Kuratorin. Doch sie nimmt sich Zeit, spricht mit allen Beteiligten und wägt ab, ob und wie das überhaupt gehen kann, ein Schlingensief- Projekt ohne Christoph Schlingensief.  DIE KÜNSTLERWITWE Den Ausschlag gab ein Gespräch mit seiner Witwe. "Sie sagte: ,Ganz ehrlich, Christoph hat sich so auf den Pavillon gefreut, das war für ihn neben dem Operndorf das wichtigste Projekt'." Aino Laberenz öffnet die Tür der Altbauwohnung am Prenzlauer Berg in flauschigen Schafwollpuschen. In der Küche stehen ein paar herrenlose Schuhe, ganz so, als hätte sie jemand gerade erst ausgezogen.  "Die gehören Christoph. Es waren die letzten Schuhe, die er getragen hat", sagt sie.  "Manchmal schlüpfe ich hinein und laufe damit durch die Wohnung." Die zierliche Frau mit den wasserblauen Augen hat ein gewaltiges Erbe zu betreuen. Ihr Mann hat 46 Filme, 37 Theaterstücke, sieben Opern, sechs Installationen, Hörspiele, Fotos, stapelweise ungeschnittene Videos und ein unvollendetes Operndorf in Afrika hinterlassen.  Als Schlingensiefs Witwe und Nachlassverwalterin ist sie die Hüterin seiner Ideen - und auch das ultimative Medium für die Verwirklichung seines letzten, posthumen Werks in Venedig. Eine besondere Prüfung für die 30-jährige Kostümbildnerin, die eigentlich niemals im Rampenlicht stehen wollte. Schlingensief und sie lernten sich vor sieben Jahren am Theater in Zürich kennen und führten schnell ein symbiotisches Liebes- und Arbeitsleben. "Es gibt ja diesen Eindruck, dass man alles über Christoph weiß", sagt sie, während sie gedankenverloren an seinem goldenen Ehering spielt, den sie an einer Silberkette um den Hals trägt. "Aber er war auch ein totaler Einzelgänger und eine extreme Privatperson.  Er hatte gar nicht so viele Freunde und Vertrauenspersonen." Die Biennale-Kuratorin beschließt, das Venedig-Projekt weiterzuführen. Und Schlingensiefs Witwe wird jetzt zu ihrer wichtigsten Ansprechpartnerin. "Christoph wusste, dass das eine Art Ritterschlag ist, vergleichbar mit Bayreuth, aber im Kunstkontext", sagt Laberenz. "Mein Anliegen ist es, dass er in seinen Arbeiten ganz lange weiterlebt."

Was zeichnet ein Schlingensief-Werk aus?

Gleichzeitig wird klar, dass sich das ursprüngliche Konzept mit Wellness Center und Menschenzoo ohne ihn nicht verwirklichen lässt. Dazu müsste jemand in Schlingensiefs Haut schlüpfen. "Ich wüsste nicht, wo Christoph die Massage-Bank hingestellt hätte. Das zu entscheiden, hieße, ich würde ihm eine Ästhetik aufzwingen, die nicht seine ist", sagt Aino Laberenz. "Das ist für mich eine Frage des Respekts. Bei einem toten Maler käme ja auch niemand auf die Idee, ein halbfertiges Bild weiterzumalen und am Ende zu behaupten, das ist jetzt ein van Gogh." Statt der heiklen Rekonstruktion eines unfertigen Konzepts verständigt man sich auf eine Ausstellung über Christoph Schlingensief - ein Requiem auf das tote Genie.  Doch auch hier erweist sich der Allroundkünstler als schwierige Wahl. Denn was zeichnet ein Schlingensief-Werk wirklich aus? "Christoph sagte immer, Kunst darf nicht nach Kunst aussehen, sonst ist sie Kitsch", sagt Carl Hegemann, der viele Schlingensief-Stücke mit entwickelt hat.  "Er wollte das Unwahrscheinliche aus der Nicht-Kunst holen, und er liebte den Selbstwiderspruch." Von vergangenen Theateraufführungen existieren nur Videoaufzeichnungen.  Die Bühnenbilder werden nach der Spielzeit verschrottet oder fürs nächste Stück recycelt. Susanne Gaensheimer geht auf Spurensuche, sichtet Filme, konsultiert Weggefährten, Mitarbeiter, Schlingensief- Versteher wie den Filmtheoretiker Alexander Kluge, den Kurator Chris Dercon und den Filmgaleriebetreiber Frieder Schlaich.  In Bayreuth trifft sie Festspiel-Intendantin Katharina Wagner und begutachtet Schlingensiefs "Parsifal"-Bühne, stellt aber fest, dass die Aufbauten die Dimensionen des deutschen Pavillons sprengen würden. Im Lager von Hauser & Wirth, Schlingensiefs Galerie in Zürich, stößt sie schließlich auf einen Altar. 

Venedig, eine Woche vor Ostern. Am Markusplatz schieben sich Trauben von Touristen zur Seufzerbrücke. Die Giardini liegen dagegen noch im Dornröschenschlaf.  Nur im deutschen Pavillon herrscht Aufregung.  Vor einer Woche sind Dutzende von Kisten aus dem Ruhrgebiet in die Lagunenstadt geliefert worden. Neun Meter hohe Fensterbilder wurden zusammen gehämmert, Kirchenbänke installiert, ein Beichtstuhl ausgepackt. 

Der Pavillon

Der lichte Hauptraum des Pavillons hat sich in eine neugotische Kirche verwandelt.  In der Apsis thront sieben Stufen erhöht der Altar samt Kerzen, Monstranz und ausgestopftem Hasen, links ein Krankenbett, rechts Röntgenbilder der Lunge auf einem Leuchtschirm, darüber drei Leinwände, auf denen gerade eine Kreuzigungsszene läuft. Außerdem hängen von der Decke sechs 16-Millimeter- Projektoren, die flimmernde Schwarzweißfilme an die Seitenwände werfen: Eine rundliche Frau streckt ihr üppiges Schamhaar in die Kamera, ein zahnloser Mann geigt auf einem Fernsehmonitor herum ...  "Das sind die zwölf Stationen des Kreuzwegs", erklärt Susanne Gaensheimer, die die Bauarbeiten überwacht. Die Kirchenkulisse im Pavillon war ursprünglich für "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" bestimmt, eine Schlingensief-Produktion für die Ruhrtriennale 2008. In dem Stück verarbeitete er Kindheitserinnerungen, die ei- gene Religiosität, die Suche nach den künstlerischen Wurzeln und die Angst vor dem Tod. "Fluxus-Oratorium" hat er das Stück genannt. Das Bühnenbild ist der Herz-Jesu- Kirche in Oberhausen nachempfunden - Schlingensiefs Taufkirche und der Ort seiner Trauerfeier - und wie gemacht für den Pavillon.

Beinahe schon unheimlich, wie Schlingensiefs Kirchensimulation den unheiligen Kunsttempel verschluckt.  Jetzt beraten Kuratorin und Künstlerwitwe über letzte Details. Das Video-Triptychon muss noch besser synchronisiert, ein Platz für die Kindersärge aus Pappmaché gefunden werden. Auf dem Altar fehlt noch ein Kreuz. Carl Hegemann geht los. Die Flachbildschirme hat er verhindern können.  Jetzt wird er das richtige Kruzifix auftreiben.  Eine halbe Stunde später ist er wieder da, unterm Arm zwei in Zeitungspapier eingewickelte Bronzekreuze vom Antiquitätenladen um die Ecke, und dazu auch noch ein Weihwasserbecken für die Wand.  "Christoph wollte immer, dass sein Werk einen Gebrauchswert hat. Das ist das Schöne an dieser Installation, sie funktioniert als Ausstellung, aber auch als Kirche, in der man beten kann", sagt Hegemann. Dennoch leidet der Dramaturg darunter, dass auf der perfekt ausgeleuchteten Bühne keine Schauspieler zum Einsatz kommen. Zwar wird bis zur Eröffnung der Biennale in den Seitenräumen des Pavillons noch ein Kinosaal eingerichtet und ein Panorama der Afrika- Aktivitäten rund um das Operndorf, auf Monitoren sollen Interviews mit dem Künstler und eine Opernaufzeichnung laufen.  Aber Live-Auftritte mit Liliputanern, Fassbinder- Stars oder Kerstin Grassmann wird es nicht geben. Wehmütig blättert Hegemann im Programmheft des Original-"Fluxus- Oratoriums" mit Textfragmenten von Friedrich Hölderlin, Heiner Müller und Joseph Beuys. Eine Stelle ist markiert, Christoph Schlingensiefs Predigt - das Klagelied eines modernen Propheten: "Ich habe mich verloren und find' mich jeden Tag aufs Neue wieder. Es ist ein Schnellwaschgang, den ich in mir trage. Ich kann mir alles mögliche an Fragen stellen und keine Antworten kriegen.

 

Der Artikel erschien zuerst in art - das Kunstmagazin, Ausgabe 6/2011