Richard Serra - Monumenta

Scharfe Schatten im Sonnenschein

Unter der 60 Meter hohen Glaskuppel im Pariser Grand Palais richtet Richard Serra monumentale Stahlplatten zu einem Spazierweg auf, "Promenade" heißt seine Installation. Der amerikanische Bildhauer schickt die Besucher der zweiten "Monumenta"-Ausstellung auf einen Gang durch die größte Ausstellungshalle der Stadt – durch einen Garten aus fünf emporragenden und leicht geneigten Stahlkolossen.

Unter der gigantischen Glaskuppel des Grand Palais ragen fünf Stahlscheiben in den Himmel. Wie Masten von im Sturm schwankenden Schiffen sind sie leicht zur Seite geneigt, als könnten sie jeden Augenblick umstürzen. Zugleich strahlen die 17 Meter hohen Platten, deren rostige Oberfläche sich weich anfühlt wie kühle Haut, eine meditative Ruhe aus. "Promenade" hat der amerikanische Bildhauer Richard Serra seine enorme Installation genannt. Bis zum 15. Juni ist sie in der größten Museumshalle von Paris zu sehen und zu betasten.

Serra hat mit seinen fast jeden Rahmen sprengenden Großplastiken die zeitgenössische Bildhauerei revolutioniert. Er ist nach Anselm Kiefer der zweite Künstler, der in der 2007 begonnenen Reihe "Monumenta" im Grand Palais ausstellt.

Der Deutsche hatte in der profanen Kathedrale aus Glas und Gusseisen an den Champs Élysées mit massiven Betonquadern und in sich zusammenfallenden Türmen eine Weltuntergangsstimmung beschworen. Serras Skulpturen haben die lichtdurchflutete, 13 500 Quadratmeter große Halle in einen Zen-Garten unter Glas verwandelt. Bei Sonnenschein werfen die vier Meter breiten und nur 13 Zentimeter dicken Scheiben scharfe Schatten. Am späten Abend – die Ausstellung ist täglich bis 23 Uhr geöffnet – wirken sie wie maßlose Grabsteine unter dem Sternenhimmel.

"Paris ist die Stadt der Spaziergänge, entlang den Champs, entlang der Seine", sagt Serra. "Ich habe eine Promenade im Grand Palais geschaffen, bei der die Besucher Ruhe und Freude empfinden können." Die Stelen sind entlang der Achse des Raumes angeordnet, aber jeweils um einige Zentimeter nach links und rechts verschoben. "Diese Asymmetrie bildet einen Subtext, der Luft in die Gedanken bringen soll", sagt Serra.

Obwohl der 1939 in San Francisco geborene Bildhauer für seine massiven Monumente bekannt ist, war der Grand Palais für ihn eine große Herausforderung. "Die Ausmaße drohen alle Werke zu verschlucken. Ich wusste erst, nachdem ich meine erste Scheibe aufgestellt hatte, dass es funktionieren könnte." Das Prinzip: "Alles strebt in die Höhe, um mit der 60 Meter hohen Kuppel zu harmonieren."

Die Scheiben, die vom Stahlkonzern Arcelor Mittal gegossen wurden und in Deutschland ihre rostige Oberfläche erhielten, wiegen jeweils 75 Tonnen. Ihr Transport auf Sattelschleppern nach Paris war eine wahre Herkulesaufgabe. Wäre das Portal zwei Zentimeter schmaler, hätten sie nicht hindurchgepasst, berichtet Ausstellungsmitarbeiterin Maud Verot. Zwei Kräne seien notwendig gewesen, um die Platten aufzurichten. Nun, inmitten des 200 Meter langen Glaspalastes, wirken sie leicht, fast filigran. Und trotz ihres Gewichtes und ihrer Neigung von 1,69 Grad drohe keine Umsturzgefahr, sagt Serra: "Dafür müsste man sie mit einem Gewicht von 25 Tonnen umdrücken."

Der Grand Palais feiert mit der "Monumenta"-Reihe seine wunderbare Restaurierung, die zwölf Jahre dauerte. Das Gebäude wurde 1900 für die Weltausstellung errichtet und sollte, wie der Eiffelturm, einst abgerissen werden. Inzwischen ist der Palais, dessen wieder strahlende Kuppel auch von der Seine zu sehen ist, zu einem der innovativsten Pariser Ausstellungsorte geworden.

"Die Künstler erhalten eine 'Carte Blanche', sie haben keine Vorgaben", sagt Verot. "Monumenta" soll sich in die Riege wichtiger internationaler Veranstaltungen einreihen, für die neue Werke geschaffen werden. Das Motiv: Zeitgenössische Kunst mit der modernen Gesellschaft und ihren Herausforderungen zusammenzubringen.

Mit der Premiere, Anselm Kiefers "Sternenfall", hat der Grand Palais im vergangenen Jahr schon einen Erfolg gefeiert. 3 800 Besucher schauten sich täglich sein monumentales Werk an. Serra, so hofft die Museumsleitung, werde 3 500 Menschen pro Tag anlocken. Mit Lesungen und Tanzveranstaltungen um die Stahlscheiben herum wird seine "Promenade" begleitet. Nächster Künstler der "Monumenta"-Reihe ist der Franzose Christian Boltanski, dessen Werkzyklus im kommenden Jahr gezeigt wird.

Tobias Schmidt/AP

"Monumenta 2008: Richard Serra"

Termin: bis 17. Juni, Grand Palais, Paris.
http://www.monumenta.com/2008/