Amish Quilts - Kaufbeuren

Ackerfurche oder Avantgarde

Zufall oder Wesensverwandtschaft? Bettdecken-Quilterinnen des 19. Jahrhunderts fanden zu ähnlichen Formen wie Künstler der geometrischen Abstraktion

Sie tragen bis heute altmodische Hosenträger statt Gürtel, Organzahäubchen und Schürze über dunkelfarbigen Kleidern, ziehen Strohhüte sportiven Baseballcaps vor. Die Amischen, eine im 18. Jahrhundert aus dem Elsass und Lothringen in die USA eingewanderte konservativ protestantische Glaubensgemeinschaft, leben innovationsresistent und rückwärtsgewandt: Sie pflegen vortechnologische Lebensformen und fahren lieber Pferdekutsche statt Auto.

Paradoxerweise hat die auf Einfachheit und Überschaubarkeit setzende Gemeinde in Handarbeit gefertigte Formen hervorgebracht, die ausgerechnet mit denen der progressivsten Kunstavantgarden verglichen werden. Das Kunsthaus Kaufbeuren präsentiert sie nun unmittelbar nebeneinander: Acht handgesteppten, zwischen 1880 und 1950 gefertigten amischen Patchwork-Bettdecken aus der Sammlung Caroline Wöhrl werden geometrische, konkrete, konzeptuelle, minimalistische und der Op Art zuzurechnende Werke von 20 Künstlern aus den sechziger Jahren an die Seite gestellt, darunter Josef Albers, Rupprecht Geiger, Imi Knoe­bel oder Victor Vasarely. Was sie formal überaus augenfällig zusammenhält, ist eine Vorliebe für Quadrate und Streifen.

Eine Entwicklungslinie zwischen Ami­schen und Abstrakten hingegen gibt es nicht: Dass die folkloristischen Quilts den Künstlern der Sechziger keinesfalls als Vorlage dienten, ist Kuratorin Susanne Flesche wichtig hervorzuheben. Dass zwar beide eine klare Geometrie und großflächig aufgetragene Farben favorisierten, sie aber grundverschiedene Impulse zur Wahl ihrer Mittel motivierten. So abstrahierten die Quilterin­nen ihre Muster aus ihrer in der Landwirtschaft wurzelnden Lebenswelt, die Künstler hingegen bezogen sich auf die Kunstgeschichte selbst: Während die Streifen ("bars") der amischen Näherinnen auf mit dem Pflug gezogene Ackerfurchen verweisen, rufen Streifenkünstler wie Günter Fruhtrunk oder Daniel Buren den histori­schen Konstruktivismus oder ganz allgemeine Konzepte des Sehens auf. Die Form des "Floating Diamond" ziert bei den Amischen nicht nur Decken, sondern auch den Deckel ihres gemeinschaftsstiftenden Hymnenbuchs, welches ein geometrisch-abstrakter Künstler wie François Morellet mit seinen gleichfalls auf die Spitze gekippten Quadraten garantiert nicht im Sinn hatte.

In Kaufbeuren wurde die 1974 geborene Künstlerin Esther Stocker mit einer Installation beauftragt, die Quadrate und Streifen in den dreidimensionalen Raum überträgt und damit einen weiteren, wenn auch nur formalen Bogen von der Ackerfurche in die Gegenwart schlägt.

Amish Quilts und die Kunst der 60er Jahre

Kaufbeuren, Kunsthaus
bis 6. November
http://www.kunsthaus-kaufbeuren.de/aktuell.htm