Kunst der Sinti und Roma - Galerien

Wir müssen auch in die Museen

Werke von Sinti und Roma finden immer mehr Beachtung. Galerien in Berlin und Budapest und zeigen Roma-Kunst. Im Oktober folgt eine Museumsausstellung in Warschau.
Endlich:Werke von Roma und Sinti finden Beachtung

Kunst gegen das Vergessen: Ceja Stojkas "Die Schönen von Auschwitz", ohne Jahresangabe

Mit Vorurteilen gegenüber der Roma-Kultur zu brechen und immer wieder zu überraschen, das sind die Maxime von Moritz Pankok. Seit 2010 leitet der Großneffe des Malers Otto Pankok die erste Galerie für zeitgenössische Kunst der Sinti und Roma in Berlin-Kreuzberg.

Seine Galerie "Kai Dikais" ("Ort des Sehens") versteht er als einen "Raum der Kontinuität" für 15 Roma-Künstler aus ganz Europa.

Das Portfolio ist viefältig: Da gibt es die düsteren Malereien der kürzlich im Alter von 80 Jahren gestorbenen Ceija Stoijka, die vom "Porajmos" (dem Verschlingen) erzählen, wie der Holocaust von den Roma genannt wird. Aber dazu gehören auch die paradoxen Performances von Delaine Le Bas’. Im vergangenen Jahr zeigte die britische Romni ihre "Hexenjagd" bei der Biennale in Korea. "Le Bas' Kunstwerke verknüpfen Probleme der Roma immer mit subjektivem Erleben", erklärt Galerist Pankok. "Mit Rückgriffen auf Märchen oder die Unschuld von Kinderspielzeug verhandelt sie einen utopischen Heimatbegriff: als Wunsch der Minderheit, dazuzugehören. Man glaubt, Home, Sweet Home zu sehen, aber das ist feiner, britischer Humor."

Immer mehr Galerien zeigen inzwischen Roma-Künstler, deren Emanzipation ihren Anfang mit dem ersten Roma-Kongress 1971 nahm. Damals wurden eine Flagge mit Wagenrad und die Hymne "Gelem, Gelem" zu Symbolen der 600 Jahre alten Gemeinschaft erhoben. Mit neuem Selbstbewusstsein stellen sich diese Künstler Diskriminierungen und Vertreibungen entgegen, die in fast ganz Europa bis heute zum Alltag der Sinti und Roma gehören. Beispielhaft spazierte etwa die ungarische Malerin Omara 1989 mit einem unfertigen Gemälde in die Nationalgalerie Budapest und fragte den dortigen Kurator, ob sie es beenden sollte. Ihr Bild zeigte eine weinende Frau auf einem Operationstisch, im Hintergrund vermummte Ärzte, die ihre Augäpfel entsorgen.

Als Meilenstein der Selbstbehauptung gilt der erste Roma-Pavillon, der 2007 in Venedig auf einer Biennale zu sehen war. "Paradise Lost" war sein Titel. In mittelbarer Folge entstand das jährliche Festival Romanale in Gent. "Paradise Lost"-Kuratorin Timea Junghaus hat Anfang dieses Jahres in Budapest, wo rassistischen Übergriffen nicht selten sind, ihre "Gallery 8" eröffnet. Gemeinsam mit Veronka Vaspál stellt sie in einer Altbauwohnung vor allem ungarische Roma-Künstler aus und sucht die Auseinandersetzung mit den "Gadschos", den Nicht-Roma. Auch Omaras OP-Bild ist in der "Gallery 8" zu sehen. Wie die meisten anderen Werke erinnert es allenfalls noch formal an die "naive Kunst" eines János Balázs, die den westlichen Markt einst als "Gipsy industry" bediente. Die Frauenporträts von Henrik Kállai und auch das Familienbild auf einer Parkbank von Teréz Orsós überraschen mit inhaltlicher Klarheit. "Es ist vor allem die Kunst der Roma-Frauen wie Orsós, die mich aufgrund der doppelten Minderheitenposition fasziniert", so Junghaus. "Aber in der Kunst der Roma gibt es keine ästhetische Klammer."

Auch für Galerist Pankok bedeutet "das Sammeln und Sichtbarmachen von Roma-Kunst, eine lebendige Kultur in ihrer Vielfalt zu zeigen". Und entschlossen fügt er hinzu: "Ein Ort wie meine Galerie Kai Dikais wäre nicht mehr notwendig, sollte es gelingen, Sinti und Roma angemessenen Raum und ein Ansehen für ihre Kultur zu gegeben." Für Pankok ist das Ziel klar: "Wir müssen auch in die Museen." – Der erste Schritt gemacht. Im Oktober werden Arbeiten Delaine le Bas` in der Nationalen Kunstgalerie Zacheta in Warschau gezeigt.