Ostalgia - New York

Der Geist des Sozialismus

Ausgerechnet das Gespenst Sozialismus, vor dem viele Amerikaner nach wie vor dermaßen Angst haben, dass sie sogar Gesundheitsreformen ablehnen, weht frischen Wind in ein New Yorker Museum. "Ostalgia" erstreckt sich auf vier Etagen des New Museum und bringt die Arbeiten von mehr als 50 Künstlern aus den ehemaligen Ostblock-Ländern und der früheren Sowjetunion zusammen.

Die Ausstellung "Ostalgia" funktioniert wie ein Essay, in dem die Künstler von Unterdrückung, Zensur, sozialen Missständen, ihrer Kultur, von der Geschichte ihres Landes, von dem großen Umbruch oder ihrer eigenen Geschichte erzählen. Oder, wie der Ausstellungstitel ahnen lässt, sich sentimental an alte Zeiten erinnern, in denen andere Werte als Geld, Besitz oder Erfolg zählten. Es geht um das unterdrückte Leben im Sozialismus – und ebenso um das vermeintlich freie Leben ohne den Sozialismus.

Viele der Arbeiten, die von in den USA weitgehend ungekannten Künstlern stammen, haben eine Dringlichkeit, die einem vor Augen führt wie seicht, auf Effekte und den Markt ausgelegt so mache Ausstellungen der Kollegen aus dem Westen sind. Als soft und schick, als leichte Kost mit wenigen Kalorien, beschrieb Holland Cotter von der New York Times das Programm des New Museum in der Vergangenheit. In "Ostalgia" seien jedoch selbst die leichtesten Arbeiten in der Realität verankert und die Ausstellung "eine komplette Mahlzeit für Erwachsene". Schließlich stellte Kunst im früheren Ostblock eine Gegenkultur dar.

Während die Rumänin Irina Botea die Fernsehaufnahmen der Revolution in ihrem Land von unwissenden amerikanischen Studenten nachspielen lässt, tritt der Berliner Michael Schmidt mit seinen grobkörnigen Fotos von Teenagern, Naziflaggen, den Olympischen Spielen oder beschmierten Zigarettenautomaten, die er in den Jahren nach der Wiedervereinigung gesammelt hat, eine Reise in die deutsche Psyche an. Deimantas Narkevicius lässt Filmaufnahmen von einer Lenin-Statue, die irgendwo in Litauen vor großem Publikum demontiert wurde, rückwärts laufen, so dass Lenin wie ein heilbringender Engel über den Menschen schwebt. Auf den zweiten Blick scheint eben nichts so zu sein wie man glaubt. Was die amerikanische Weltsicht mit der Einteilung in Gut und Böse nach wie vor schwer erschüttern dürfte.

Die von Massimiliano Gioni kuratierte Ausstellung steckt voller individueller Höhepunkte. Weil sie offiziell nicht als Kunst betrachtet wurde, stellte die Fotografie zur Zeit des Sozialismus eines der gesellschaftskritischen Schlupflöcher dar. So porträtierte die ostdeutsche Fotografin Helga Paris Fabrikarbeiterinnen in der DDR und der ukrainische Fotoraf Boris Mikhailov einfache Leute, die nackt in ihren ärmlichen Behausungen gezeigt wurden. Beeindruckend sind die intimen Bilder des in Sibirien geborenen Nikolay Bakharev, die er von Russen beim Sonnenbaden schoss. Der in Odessa lebende Sergey Zarva übermalte die Titelblätter eines russischen Magazins, um Politiker und Landsleute in Monster zu verwandeln. Der 2003 gestorbene Outsider-Artist Alexander Lobanov, der sein Leben als Taubstummer in psychiatrischen Anstalten in Russland verbrachte, malte sich selbst zwischen Waffen neben Stalin und Lenin. Der britische, in Berlin lebende Künstler Phil Collins interviewte frühere Professoren des Marxismus, nachdem sie den Glauben an ihre Weltordnung verloren hatten. Und Andrei Monastyrski, der Gründer des Kollektivs Collective Actions, der Russland 2011 auf der Biennale in Venedig vertritt, installierte im Rahmen der Ausstellung ein Transparent von 1977 auf der Insel Governors Island vor der Südspitze Manhattans, wo sich seine Worte an die Statue of Liberty zu richten scheinen. "Ich beschwere mich über nichts und mag es beinahe hier."

Der Moskauer Konzeptkünstler David Ter-Oganyan platzierte im Museum und im Aufzug seine aus Konsumgütern wie Olivenöldosen oder Chipstüten gebastelten Bomben. Die Zutaten scheint er im Bio-Lebensmitteltempel "Whole Foods" gleich um die Ecke des Museums gefunden zu haben. Handelt es sich bei der Arbeit um einen schlechten Scherz auf Kosten des Kapitalismus? Oder ist der Kapitalismus nichts anderes als eine tickende Bombe? Mehr als 20 Jahre nach dem Fall der Mauer in einer Zeit in der wirtschaftlichen Misere, der Gier nach Millionen und der Banken-Krisen stellt sich die Frage nach einer neuen gesellschaftlichen Perspektive. Vorerst aber half der russische Milliardär Leonid Mikhelson mit seiner Stiftung die Ausstellung zu organisieren und zu finanzieren. Und die New Yorker Galerien, so ein Bericht im Observer, haben sich längst auf die Suche nach Künstlern und einem neuen Markt in Osteuropa begeben.

Ostalgia

New York, New Museum bis zum 25. September 2011
http://www.newmuseum.org/exhibitions/440

Mehr zum Thema auf art-magazin.de