Schwerfel On Tour - Reisetagebuch Asien

Schwerfel On Tour: Busan-Biennale

Von Gwangju bis Yokohama – innerhalb von zwei Wochen finden in Südkorea, Festlandchina, Taiwan, Singapur und Japan sieben Biennalen und Triennalen statt. Unser Korrespondent Heinz Peter Schwerfel ist vor Ort – und berichtet exklusiv für art aus den asiatischen Kunstmetropolen. Teil zwei: die Busan-Biennale in Südkorea. In den nächsten Tagen folgen: Shanghai-Biennale, Messe Shanghai-Contemporary und Yokohama-Triennale.
Eine Rundreise durch Asiens Biennalen:Teil zwei – die Busan-Biennale in Südkorea

Eine Biennale nicht für den westlichen Wanderzirkus der Künstler und Kritiker, sondern für das Publikum

Laut bis schrill, frech bis dreist, sexy bis obszön präsentiert sich die international noch wenig bekannte, aber mit großem Ehrgeiz und ebensolchem Etat ausgestattete Biennale von Busan, 2000 gegründet, die in diesem Jahr zum fünften Mal stattfindet.

Ein gigantisches Manga-Mädchen in Missionarsstellung zum Einstieg, schwule Pornofotos des Kanadiers Bruce LaBruce zum (über)deutlichen Auftakt, eine Performance vom Möchtegern-Warhol und Enfant Terrible Terence Koh zur Einstimmung; dazu viele bunte Gemälde und verspielte Mammutinstallation – wo die Biennale von Gwangju den weltläufigen Intellekt ihres künstlerischen Leiters Okwui Enwezor spiegelt, trumpft ihre südkoreanische Schwester mit einem verspielten Bekenntnis zum schlechten Geschmack auf. Das örtliche Publikum war auf Anhieb begeistert – die internationalen Gäste reagierten eher verlegen.

Tatsächlich kann man sich kaum einen größeren Kontrast in Mentalität und Auftritt vorstellen als den Sprung vom im Binnenland gelegenen, bescheidenen und arbeitsamen Gwangju in die kaum drei Autostunden entfernte Hafenstadt Busan. Als sei es in einem anderen Land und einer anderen, leichtfüßigen Kultur beheimatet, gibt sich Busan jung und selbstsicher und signalisiert dem gegenüberliegenden Japan, dass man wirtschaflich und kulinarisch dem berühmten Nachbarn in nichts nachsteht. Busan hat es nicht nötig, großspurig in internationaler architektonischer Moderne zu klotzen wie Shanghai – obwohl eine spektakuläre, viele Kilometer lange Autobahnbrücke die beiden Stadthälften quer über eine große Bucht verbindet und sich hinter dem Strand ein Hochhausturm an den anderen reiht, bleibt die Stadt mit ihren fast sieben Millionen Einwohnern, ihren nummerierten Wohnblocks, den mit Neon gespickten Boulevards, elegant designten Bars und einer mit Fischrestaurants gesäumten Strandpromenade unverkennbar koreanisch.

Heilsamer Exzess beim Freisetzen gewaltsam unterdrückter Energien

In den Luxus-Hotels tummeln sich junge Paare auf Honeymoon, am Strand wird mit "Hana-Bi" gefeiert, einem kleinen, alljährlichen Feuerwerk. Auf der mit Pinien bepflanzten Rambla kurven die Jogger um betrunkene Jugendliche, und das örtliche Kasino-Hotel heißt "Paradise". In Busan sind die Mädchen kesser als in Rest-Korea, die Münder roter und die Röcke kürzer, und nicht nur während des alljährlichen Filmfestivals, des wichtigsten von ganz Asien, lobt man sich als das "Cannes Koreas" – eine selbstbewusste Stadt, die sich auch in Sachen Kunst und Kuratieren ganz auf ihre lokalen Kräfte verlässt.

Denn insgesant vier örtliche, im internationalen Kunstbetrieb völlig unbekannte Kuratoren eher gesetzten Alters haben sich auf den kuriosen Begriff der "Expenditure" als Thema geeinigt, einen vom französischen Philosophen Roland Barthes geprägten Terminus, der den unkontrollierten, aber heilsamen Exzess beim Freisetzen gewaltsam unterdrückter Energien meint. In Busan liegt die Betonung weniger auf heilsam denn auf unkontrolliert, die aus drei großen Hauptschauen und einem halben Dutzend Nebenausstellungen bestehende Biennale ist ein kuratorisches Chaos, in dem sich schon beim ersten Ausstellungsort, dem Museum für Moderne Kunst, nach wenigen Schritten die Frage nach guter oder schlechter Kunst nicht mehr stellt. Man liebt diese Biennale – oder eben nicht.

Ein Tanz mit dem Holzhammer

Im Treppenhaus des Museums für Moderne Kunst wartet gleich neben den Männerpornos von Bruce LaBruce eine Kunstharz-Pietà des Koreaners Yong-baek Lee auf die Besucher, gleich daneben folgt ein großer Saal mit fotografischen Postpunk der Amerikanerin Marilyn Minter. Der Chinese Wenlin Ching stellt Kunstharzskulpturen von Frauenfiguren mit Schweineköpfen aus, die sich unbekannte Drogen in die Brust injizieren. Im Stockwerk darüber denkt der Niederländer Erik van Lieshout filmisch über die sexuelle Attraktion von schnellen Ferraris bei entsprechender Penisgröße ihres Fahrers nach – eine Großbildprojektion, die man von den Kunstledersitzen der zur Installation gehörenden Schrottautos verfolgt.

Bei der allen nachvollziehbaren Auswahlkriterien widerstehenden Hängung gehen stille Arbeiten im kollektiven Kitsch schlicht unter, den die Rollen sowohl Adolf Hitlers als auch des "großen Diktators" Charlie Chaplin nachspielenden Yasumasa Morimura übersieht man ebenso leicht wie das schlichte Suizidvideo "Test Run" der jungen Amerikanerin Alex McQuilkin. Dafür gibt es ganze Raumfluchten kunterbunter Malerei, in denen die schwülstigen Pflanzenbilder eines Ross Bleckner geradezu minimalistisch wirken, aufgeblasene Comics zur Waffengewalt mit digitaler Verstümmelungsfotografie des Inders Bharti Kher abwechselt.

Am zweiten Ausstellungsort, zwei großen Kunstcontainern im Yachthafen, geht der Tanz mit dem Holzhammer weiter. Die Koreanerin Kira Kim hat marktschreierisch einen ganzen Gebäudekomplex aus Markenbrands und Logos nachgebaut, ihr Landsmann Chonbin Park aus Karton einen gigantischen Hund gezimmert, der zu seinem imaginären Herrn aufblickt. Die Filme der Französin Chrystel Egal, einst Assistentin von Bruce Weber beim legendären "Let’s get lost", beschwören Punk, Tattoo und Körperkunst, und Han Su Lee lässt grüne Plastikdrachen tanzen.

Nicht nur eine knallbunte Anhäufung von barockem Postpop

Man muss schon weite Wege gehen, um stillere Gesten zu finden. Etwa, wenn man plötzlich in einem begrünten Raum vor einem echten Baum mit echten Vögeln steht, die durch die Äste hüpfen und so den Baum langsam entlauben – "Paradise lost" heißt die lakonische Arbeit des Koreaners Ligyung.

Spätestens wenn im Skulpturenpark des Apec Naru Parks neben neuen Arbeiten von Robert Morris oder Denis Oppenheim plötzlich symbolisch überladener Kitsch auftaucht, etwa ein bronzenes Ohr mit verstecktem Lautsprecher vom Kanadier Ilan Arthur Sandler oder beim Sea Art Festival die Schönheitsoperationsfotos der Französin Orlan mit Irene Hoppenbergs dank einem Überbau Hunderter reifer Zitronen auch symbolisch überfrachtetem Baumstumpf konkurrieren, weiß der westliche Besucher wirklich mehr, was Ironie heute eigentlich bedeutet. Und ob alles oder nichts in dieser Biennale ironisch gemeint sein könnte.

Eine Urteilsunsicherheit, die man allzu leicht auf die koreanische Gegenwartskultur übertragen kann, auf die Leidenschaft des exotischen Nachahmens beim Karaoke nach Rockmusik, bei französischen Restaurants mit koreanischer Küche, bei modisch kopierten BMS's und Mercedes der Marken Hyundai und Kia. Und der Liebe zu einem schwülstigen, erdschweren Symbolismus, vor allem in der gegenständlichen Skulptur. Wenn man dann aber Zeuge wird, wie nach einer lahmen offiziellen Vernissage später am Abend nach dem Rockkonzert plötzlich Hunderte begeisterter Teens und Twens das Museum für Moderne Kunst stürmen, dann begreift man, dass Busan nicht einfach eine knallbunte Anhäufung von barockem Postpop organisiert hat, sondern eine Biennale, die dem Selbstbewusstsein dieser Stadt gerecht wird. Eine Biennale nicht für den westlichen Wanderzirkus der Künstler und Kritiker, sondern für das Publikum. Ein Kompliment, das nicht nur ironisch gemeint sein kann.

"Busan-Biennale"

Termin: bis 15. November. Orte: Busan Museum of Modern Art, Gwangalli Beach, APEC Naru Park, Busan, Südkorea.
http://www.busanbiennale.org/