Alberto Giacometti - Basel

Bildhauer und Designer

Die Fondation Beyeler widmet Alberto Giacometti eine fulminante Retrospektive im Kreis seiner Familie.
Bildhauer und Designer:Der Bildhauer als Designer

Giacometti Skulpturen im Louisiana Museum, Kopenhagen

Alberto Giacometti werden so viele Ausstellungen gewidmet, dass man sich fragt, wie dem berühmten Schweizer Bildhauer überhaupt noch neue Aspekte abgewonnen werden können. Die Fondation Beyeler versucht es mit einem Familientreffen und möchte mit gut 100 Arbeiten aus allen Phasen das epochale Werk aus dem fruchtbaren Künstler-Umfeld der Giacomettis erklären.

Der Vater Giovanni war einer der führenden Neo-Impressionisten der Schweiz und der wichtigste künstlerische Lehrer Albertos, der Onkel Augusto entwickelte eine eigenwillige Malerei aus Farbflecken und starken visuellen Effekten. Die anderen Mitglieder der Familie wurden Albertos Modelle und Helfer. Die Mutter Annetta, seine spätere Frau Annette, und Bruno, der als Architekt die Moderne in der Schweiz pflegte, kehren in Bildern, Zeichnungen und Skulpturen immer wieder. Ohne die technische Hilfe Diegos wären in Paris viele Werke nicht gelungen.

So leiten in den ersten Räumen denn auch Arbeiten von Vater und Onkel die Ausstellung ein und münden in einen Dialog mit dem jungen Alberto, der den Kopf des Vaters in einer Reihe eindrücklicher Versuche bis hin zu einem fast abstrakten Volumen entwickelt. Von hier aus geht es in den seelischen Innenraum der surrealistischen Jahre mit einer Reihe selten zu sehender Arbeiten, die den Betrachter teilweise auffordern, sie zu bewegen.

Der Rückwendung Alberto Giacomettis in den Außenraum ist das Gelenkstück der Ausstellung gewidmet. Den Höhepunkt markiert eine Zelle mit einer einzigen von seinen winzigen Skulpturen, der es gelingt, von einem riesigen Sockel aus monumentale Wirkung zu erzielen und den Raum zu beherrschen. Hier ist eine Stille und Kraft zu erleben, wie sie Kunst nur in seltenen Glücksmomenten entfaltet. Sind wir hier bereits aufgefordert, um die Skulptur herumzugehen und sie von allen Seiten zu betrachten, so zeigen die nachfolgenden Räume en detail, wie die Bewegung, also die Veränderung von Entfernungen, es Giacometti ermöglichte, zu einer normalen Körpergröße seiner Werke zurückzufinden. Erst als er eine Skulptur auf ein Rollwägelchen setzte, das er zufällig von seinem kleinen Neffen zur Hand hatte, sah er einen Weg, die Distanz, die er zum anderen empfand, zu überwinden. Die Skulptur durfte wieder groß werden, man konnte sie oder sich selbst ja auch von ihr entfernen.

Wie sich ihre Erfahrung mit wechselnden Entfernungen verändert, wie wir bald mitten hineingeraten in die Figuren für die Manhattan Plaza oder uns Äonen von anderen Skulpturen entfernt fühlen, ist das große Erlebnis dieser fulminanten Schau. Skulpturen deuten durch winzige Körperdrehungen selbst Bewegung an und verändern Masse wie Erscheinen mit jedem Schritt, den wir gehen. Gipse mischen sich mit Güssen, die Leihgaben sind vom feinsten. Das hat Kurator Ulf Küster luftig und mit großem Atem inszeniert und die offenen Räume der Fondation Beyeler mit ihren Ausblicken in die Natur dazu genutzt, einen freien Parcours zu erstellen, in dem Skulpturen und Besucher ein einziges Raumambiente erstellen.

Dabei dient die Malerei der Überprüfung der Wahrnehmung des Künstlers. Das zeigt eine fabelhafte Gruppe von Atelierbildern, in denen Größenverhältnisse und Dialoge in dem engen Studio durchgespielt werden, das der Künstler in Paris über Jahrzehnte hatte. Hier wird man bei aller Begeisterung jedoch auch gestehen dürfen, dass der Maler in seinem Herzen Bildhauer blieb, wenn er zum Pinsel griff. Der dreidimensionalen Erfassung des Raums gehört sein primäres Interesse, hier sind ihm die unvergesslicheren Werke gelungen.

Nicht zuletzt wartet die Retrospektive mit einer veritablen Überraschung auf: In einem Kabinett präsentiert Küster den Bildhauer als Designer. Alberto hat in seinen surrealistischen Jahren zum Broterwerb an die 100 Designobjekte für Jean-Michel Franck, den Innenarchitekten der Pariser Haute volée, entworfen. Viele wurden produziert. Unter den Lampen und Vasen besticht besonders ein Taschenleerer von 1930, eine kleine Ablage für Schlüssel und anderes Utensil aus Jacken- und Hosentaschen. Man würde ihn sofort für den eigenen Gebrauch bestellen, wäre er nur zu haben. Mit seinem vorragenden Dorn steht er den surrealistischen Skulpturen besonders nahe und macht deutlich, wie sehr die Befragung des inneren Raums des Subjekts, für den Giacometti damals Sinnbilder schuf, auch die Gebrauchsobjekte beeinflusst hat.

Sie sind denn auch viel roher und ungestümer als die Stahlmöbel des Bruders Diego. Die Löwenköpfe an den Armlehnen von dessen Stühlen werden die Hände nicht fressen, die sich um sie klammern; sein Baum wird die Kleider, welche die Hausbewohner über seine metallenen Äste hängen, nie in einer Bö abschütteln. Das ist alles wunderbar, und man würde nur zu gerne so ein Stück in der Wohnung haben, weil es die Natur von einer lieblichen Seite zeigt, die das Gemüt beruhigt, das der berühmtere Bildhauer so tiefgreifend verstört empfunden hat. Hier ist der Dialog mit der Familie aus dem Beginn der Ausstellung noch einmal aufgegriffen, bevor die Besucher sich hemmungslos der Kunst Albertos hingeben dürfen.

Termin: bis 11. Oktober in der Fondation Beyeler, Riehen / Basel
Katalog: Hatje Cantz Verlag