Thomas Demand - Hamburger Kunsthalle

Papierräume des Verbrechens

Die Galerie der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle zeigt ab Freitag die Ausstellung "Camera" von Thomas Demand. Der Künstler präsentiert beklemmende Papierwelten, die durch ihre perfekte Inszenierung von Realität verblüffen.

"Das meiste Geld habe ich in die Stellwände gesteckt," sagt Demand und zeigt begeistert auf die grautapezierten Stellwände. So eine Aussage erwartet man nicht von einem Künstler, dessen große Ausstellung "Camera" am Freitag in der Hamburger Kunsthalle eröffnet wird. Schließlich sind die Trennwände nur als Hintergrund der ausgestellten Fotografien gedacht.

In dieser eigens für die Galerie der Gegenwart entwickelten Installation zeigt die Hamburger Kunsthalle Werke aus den Jahren 2005 bis 2007. Es geht um Verbrechen, Beweisfotos und Überwachungen. Klingt alles sehr politisch und aktuell, doch Thomas Demand macht keine politische Kunst. "Ich weiß gar nicht, was das eigentlich sein soll", behauptet er.

Der 1964 in München geborene Demand macht Kunst, die sich nicht wirklich einordnen lässt. "Ich bin weder ein Maler, noch ein Fotograf, eigentlich bin ich ein Bildhauer", sagt er. Ein Bildhauer, der Fotos macht, wäre wohl am treffendsten. Denn beim zweiten Blick auf seine Fotografien bemerkt man, dass es sich bei der Abbildung nicht um einen existierenden Raum, sondern um eine Rekonstruktion handelt. Alle Möbel, Gegenstände, ja sogar die Wände auf dem Foto sind aus Papier und Pappe gebastelt.

Als Student der Bildhauerei in Düsseldorf hatte Demand begonnen, kleine Skulpturen aus Papier zu bauen und sie mit Hilfe von Fotografien zu dokumentieren. Die Entscheidung, gerade so eine Kunst zu machen sei "keine Ich-wache-morgens-auf-und-mache-das-jetzt-Entscheidung, sondern ein evolutionärer Prozess" gewesen. "Ich habe mit kleinen Papierskulpturen vor der Kamera herumexperimentiert und dabei entdeckt, dass, sobald mehrere Objekte auf einem Foto auftauchen, sie immer auch Fragen nach ihrem Ort und dem narrativen Kontext hervorrufen", erzählt er. "Außerdem sind die Kommunikationsmöglichkeiten von Fotografie viel größer als die der Malerei." Und so kommt es auch, dass Demands Bilder dem Betrachter bekannt vorkommen. Grund für diese Assoziation ist die Quelle, aus der der Künstler seine Informationen schöpft: die Klatsch- und Skandalpresse.

"Geheime Orte, an die kein Besucher jemals zuvor gekommen ist"

Thomas Demand baut Tatort- und Pressefotografien als Papiermodell in seinem Atelier detailgetreu nach und fotografiert sie anschließend ab. Auffällig ist hierbei die seltsame Spannung der Bilder, die durch das Tilgen jeglicher Lebewesen aus den Tatorten herbeigeführt wird. Die Fotografien wecken beim Betrachter Erinnerungen an beiläufig Wahrgenommenes wie etwa lange vergangene Nachrichten. Erkennbar ist dies an der Fotoserie "Klause" (2006), die collageartig den Ort eines mutmaßlichen Verbrechens in Burbach im Saarland beleuchtet, das 1992 in der Presse für Aufsehen sorgte. Der Fall wurde nie aufgeklärt, daher stellen die Fotografien auch nicht das Geschehen dar, sondern nur das, was der Betrachter aufgrund der Medienbilder damit verbindet. Demand hat diesen Fall recherchiert, den Tatort aufgesucht und als Modell nach den publizierten Pressebildern nachgebaut.

Der Ort an sich – menschenleer und ungreifbar – wie wir ihn auf Demands Bildern sehen, ist banal; seine emotionale Aufladung bekommt er erst durch die Dinge, die wir wissen. Ähnlich verhält es sich bei der Arbeit "Embassy" (2007), bei der der Künstler selbst investigativen Journalismus betrieben hat und die Orte auf den Fotos aufgesucht, aus dem Gedächtnis nachgebaut und fotografiert hat. So weit war vor ihm keiner vorgedrungen, handelt es sich bei den Bildern doch um die Nigerianische Botschaft in Rom, aus der bei einem Einbruch Unterlagen entwendet wurden, die dem amerikanischen Geheimdienst als Argument für den Irakkrieg dienten. Diese Bilder zeigten dem Betrachter geheime Orte, an die kein Besucher oder Journalist jemals zuvor gekommen ist.

Auch wenn nicht jeder Besucher die unterschiedlichen Tatorte ohne Hilfe des Begleittextes wiedererkennt, so bestechen die Fotos doch durch eine verblüffende Vortäuschung von Realität. Die Ausstellung ist eine gelungene Schau, in der der Besucher in einer Scheinwelt aus Pressefoto und Realität zu schwimmen scheint, sich in den stets menschenleeren Räumen gefangen fühlt und gleichzeitig die seltsame Atmosphäre dieser Bildwirklichkeiten genießt.
Diese selbstverständliche, undramatisch inszenierte Welt verschafft dem Betrachter ein beklemmendes Gefühl, das – und somit hat sich Demands Geldeinsatz in die Stellwände gelohnt – durch die Enge der Ausstellungsräume nur unterstrichen wird.

"Thomas Demand. Camera"

Termin: 4. April bis 6. Juli, Galerie der Gegenwart, Hamburger Kunsthalle, Hamburg.
http://www.hamburger-kunsthalle.de/start/start.html

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