Andreas Gursky - Kopenhagen

Based on a true story

Andreas Gursky inszeniert Realität mit Bildschärfe. Manches ist tatsächlich geschehen, manches hätte nur so sein können. Noch bis Mitte Mai gibt es seine intensiven Fotografien im dänischen Louisiana Museum of Modern Art zu sehen. art-Korrespondent Clemens Bomsdorf berichtet von seinen Eindrücken.

So locker plaudernd habe ich Poul Erik Tøjner, den Direktor des Museums Louisiana vor den Toren Kopenhagens, selten erlebt. Und er kann es. Stehend und ohne merklich auf die Notizen zu gucken, redet er vor einem für das Museum ungewöhnlich großen Pressecorps eine geschätzte halbe Stunde über Andreas Gursky.

Die Arbeiten des deutschen Fotografen erzeugen bei Betrachtern häufig Ehrfurcht; oder auch einfach nur Furcht – aufgrund der Preise, die das Niveau von Luxusvillen erreichen, und wegen der Formate, die bedeuten, dass die Arbeiten nur in Museen und solchen Häusern mit entsprechend großen Wänden Platz finden können. Aber auch die Umsetzung der Motive hat manches Mal sakrale Dimensionen. Immerhin musste das Louisiana Museum of Modern Art keine der Arbeiten kaufen, um die Schau machen zu können. Da ist es gut, wenn einer wie Tøjner Gurskys Arbeit sozusagen auf den Teppich holen kann und dessen perfektionistische Fotografien zugänglich macht.

"Realistische Literatur schildert nicht, was gewesen ist, sondern beschreibt Dinge, wie sie sein könnten. So ist es auch mit Gurskys Bildern. Sie sind manipuliert, aber es ist nichts Unmögliches zu sehen. Es hätte so sein können", so Tøjner. Das Wort "fotorealistisch" bekommt da eine ganz andere Bedeutung. Gurskys fotografische Weltsicht ist aus vielen Blicken aus der Realität zusammengesetzt, diese mögen bearbeitet worden sein, aber er nimmt – ganz Becher-Schüler – das Dokumentarische als Ausgangspunkt. "Er macht, wofür Journalisten und Fotografen gekündigt würde: ändert die entstandene Fotografie, damit sie besser passt", sagt Tøjner und zeigt das wenig später beim Rundgang exemplarisch am Beispiel des Bildes "F1 Pit Stop I" (2007). Die Arbeitskleidung der Teams, die an den dreckigen Autos rumwerkeln, ist blitzblank sauber. Der Pulk Menschen, der um die Rennwagen steht, zu perfekt ausgeleuchtet, um ohne Nachbearbeitung entstanden zu sein, während die Zuschauer dahinter in der Dunkelheit beinahe verschwinden. "Wie so häufig ist alles in dem Bild scharf, und man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll", sagt Tøjner.

Boxenstop mit Luder

Kaum ein Sport dürfte mit so viel Hektik und so viel Lärm verbunden sein wie die Formel-1-Autorennen. Eine Fotografie ist immer stumm, doch kann sie in der Vorstellung Lärm erzeugen. Gurskys Arbeit hingegen strahlt trotz des Motivs eine solche Stille aus, dass sie in eine Kirche gehängt werden könnte, ohne deplatziert zu wirken. Die Teams auf seinem Bild scheinen erstarrt, als wären sie wirklich eingefroren worden. Nachdem ich ein paar Minuten andächtig den Blick über die Arbeit habe schweifen lassen, erkenne ich in dem Querformat eine Art Triptychon. In der Mitte des Bildes, zwischen dem roten und dem weißen Rennwagen und den jeweils in entsprechender Farbe gekleideten Teams, steht mit den Rücken zum Betrachter eine blonde Frau. Während die zwei Teams Overall und Helm tragen und jedes Stückchen Haut verdeckt ist, hat die Frau lange blonde Haare und lange braune Beine. Ein Boxenluder? Schwer zu sagen, jedenfalls wird ihr durch Positionierung und die vielen menschlichen, körperlichen Attribute eine Sonderrolle zugeschrieben.

Ähnlich sakral ist das Bild "Madonna I" (2001), aufgenommen beim Konzert der amerikanischen Sängerin. Ursprünglich hatte sie am 11. September auftreten sollen, wegen des Terroranschlags wurde das Konzert verschoben. Madonna selbst, links auf der Bühne gut zu erkennen, ist für das Bild gar nicht so wichtig, viel entscheidender sind tausende Zuschauer, die alle fast genauso scharf zu erkennen sind wie der Star. Bei Gursky bekommt jeder seine Würde. Er hat das Bild wie so häufig aus vielen Bildern zusammengesetzt, um alles unabhängig vom Abstand zur Kameralinse scharf zeigen zu können. Manipulation? Ja, aber schließlich ist er Künstler und nicht journalistischer Fotograf. Die Konzertbesucher sind nicht nur Madonnas Publikum, sondern Individuen, die jedes für sich genommen wichtig sind.

In der Ausstellung fehlen weder ältere Motive von Gursky, noch kleinere Formate. Letztere aber enttäuschen meist. Sie können allenfalls helfen, anders auf die Großformate zu schauen, erlauben aber nicht wie die riesigen Bilder, Überblick und Detail gleich viel Aufmerksamkeit zu schenken. Die älteren Aufnahmen hingegen zeigen einen Gursky mit Schnappschussästhetik. "Ruhrtal" (1989) beispielsweise, eine hohe Betonbrücke über einem Feld und ein Spaziergänger sowie "Mülheim, Angler" (1989), sitzende Angler an einem mit Bäumen gesäumten Fluss, dürften völlig unmanipuliert sein. Sie zeigen Motive, in denen der Mensch in der Natur oder Kulturlandschaft nur am Rande vorkommt. Aufnahmen, wie sie ähnlich zu tausenden in Fotokisten zu Hause oder auf Flohmärkten zu finden sind.

"Ocean I" (2010) zeigt Madagaskar, einen Teil Afrikas, Indiens, Japans und Australiens aus Weltraumsicht. Solch ein Motiv sei schwer zu bekommen, so Tøjner, der Künstler habe eigens Satellitenbilder der NASA erhalten und diese um das Wasser ergänzt, das bei solchen Aufnahmen größtenteils fehle. Mit dem Smartphone vor der Aufnahme stehend, dauert es allerdings nur Sekunden, um mit Google Maps in etwa das gleiche Motiv auf das Display zu bekommen. Für seine Nordkorea-Serie hat Gursky Propagandaveranstaltungen besucht und die Aufmärsche und Paraden beeindruckend dargestellt. Natürlich muss sich Gursky den Vorwurf gefallen lassen, sich politisch vereinnahmen zu lassen. Doch der Fotograf wurde nicht vom Diktator beauftragt, zeigt vielmehr dessen Ästhetik so, dass offenbar wird, das es die eines totalitären Regimes ist. Auf dem Weg nach Hause gehe ich an einem Elektronikladen vorbei und schaue die DVD-Auswahl an. Gleich zweimal steht auf der Hülle "Based on a True Story". Auch das wäre ein schöner Titel für die Gursky-Retrospektive gewesen.

Andreas Gursky

bis 13. Mai, Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Schweden
http://www.louisiana.dk/uk/Menu/Exhibitions