Joachim Patinir - Ausstellung

Die Landschaft spielt die Hauptrolle

Das Museo del Prado ehrt den flämischen Erfinder eines Genres
Der Erfinder der Landschaftsmalerei:hat eine große Ausstellung im Madrider Prado

Rast auf der Flucht nach Ägypten", um 1522, 121 x 177 cm

Joachim Patinir ist ein großer Unbekannter der Kunstgeschichte, das überlieferte Werk beschränkt sich auf 29 Gemälde. Der Madrider Prado besitzt vier davon und nahm dies als Anlass, dem Flamen eine große Museumseinzelausstellung auszurichten. Und schaffte das schier Unglaubliche: Mit Ausnahme einiger Werke, die wegen ihres fragilen Zustandes nicht reisen durften, ist es dem Haus gelungen, 21 davon in die Ausstellung zu holen, zu der ein Catalogue Raisonné erscheinen wird. Dazu werden 27 Bilder und Zeichnungen weiterer Landschaftsmaler – Vorgänger und Nachfolger – gezeigt, so von Rogier van der Weyden, Hans Memling, Joos van Cleve und Quentin Massys.

Patinir gebührt die Ehre, der Erste gewesen zu sein, der die Landschaft zum Thema der Malerei gemacht hat. Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten seiner Zeit, spielt bei ihm die Landschaft die Hauptrolle, die Menschen sind oft nur Staffage. Das war der Beginn eines völlig neuen Genres. Noch 1650 hatte der englische Miniaturmaler, Musiker und Schreiber Edward Norgate in seiner Abhandlung über das Malen mit Wasserfarben bemerkt, dass tatsächlich noch kein Wort für diese Art der Malerei existierte. Allerdings war ein deutscher Maler in dieser Hinsicht visionär. „Ein ‚gut landschafft mahler‘ hat Albrecht Dürer ihn genannt und damit erstmals den Begriff ‚Landschaft‘ als Gattungsbezeichnung außerhalb der italienischen Kunst eingesetzt“, konstatierten im Jahr 2003 die Organisatoren der Ausstellung „Die Flämische Landschaft 1520–1700“ in der Villa Hügel in Essen.
Dürer war im Mai 1521 Gast im Hause Patinir, wo die Hochzeit des Hausherren gefeiert wurde. Das ist eines der wenigen gesicherten Daten aus dem Lebenslauf des Flamen. Sein Geburtsdatum wird mit „um 1480/85“ angegeben, es ist nicht bekannt, wie Patinirs Jugend verlaufen ist und bei wem er gelernt hat. Sein Sterbedatum lautet „vor dem 5. Oktober 1524“.
1515 wurde Patinir in die Antwerpener St. Lucas-Gilde aufgenommen. Man weiß, dass er mit dem Maler Quentin Massys befreundet war und dass er zu einem Maler von europäischem Rang wurde, dessen Landschaften sogar bis nach Venedig verkauft wurden. Patinir hat fast nur religiöse Motive in weiten, oft dramatisch ausgeleuchteten Landschaften gemalt. Sie sind meist nach demselben Schema aufgebaut: Im Vordergrund spielt sich, klein und bescheiden, das eigentliche Geschehen ab. Dahinter aber türmt Patinir bizarre Felsen und wuchtige Wolkenberge auf, darunter sattgrüne „kaleidoskopartig reich gestaltete Landschaft“, so Nils Büttner in seinem Band „Landschaftsmalerei“, durchsetzt bisweilen mit kleinen Ansiedlungen Und alles verliert sich in fernen, bläulichdunstigen Horizonten. „Die Landschaften Patinirs mit ihrer weiten Überschau werden in der neueren kunstwissenschaftlichen Literatur gerne als ‚Weltlandschaften‘ bezeichnet“, so Büttner.
Patinir hatte einen internationalen Boom der Landschaftsmalerei ausgelöst. Büttner konstatiert allerdings, dass „die zeitgenössische Kunsttheorie für diese Bilder damals nur Verachtung übrig hatte“. Der italienische Künstlerbiograf Giorgio Vasari (1511 bis 1576) lästerte jedenfalls, dass inzwischen „jeder Flickschuster eine deutsche Landschaft“ besäße.

Termin: bis 7. Oktober. Katalog: 42,11 Euro.

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