Piet Mondrian/De Stijl - Paris

Mondrian und der ganze Rest

Das Centre Pompidou vereint eine faszinierende Mondrian-Retrospektive mit einer wirren Ausstellung über De Stijl. art-Redakteur Tim Sommer findet: eine vertane Chance, Wechselwirkungen der Avantgarde zu ergründen.

Eigentlich gibt es keinen besseren Ort für eine Mondrian-Ausstellung als das Centre Pompidou, wo man durch Glasröhren ratternd vom Boden der Tatsachen in den Pariser Himmel fährt. Ganz oben ist dort nun Piet Mondrians Atelier an der Rue du Départ 26 rekonstruiert, als Brutkasten der Moderne in der gebauten Zukunftsvision. Und natürlich stielt dieses Zimmer den Bildern etwas die Schau, weil hier jeder den großen Traum des Spätzünders Piet Mondrian ein bisschen nachträumen kann. Vom weiß gestrichenen Rattan-Sessel beim gusseisernen Kohleofen aus wird jede Wand zum Bild, das ganze Leben zur Kunst.

Leider zerfällt die Schau rund um diese Utopisten-Zelle in sehr ungleiche Teile. Bis zu seinem 40. Lebensjahr war Pieter Cornelis Mondriaan, geboren 1872 in Amersfoort, ein mittelmäßiger niederländischer Maler, ziellos schwankend zwischen Symbolismus, Expressionismus, Naturalismus, Impressionismus, dabei aufgeheizt durch theosophische Errettungsideen und so arm wie man sich einen verirrten Avantgardisten in der Kunstprovinz nur denken kann. Diese Jahre werden leider nur angedeutet und punktuell belegt, ebenso wie der entscheidende Denkanstoß durch die Begegnung mit dem Kubismus, der erst Mondrians Blick auf den Gegenstand, dann sein ganzes Weltbild revolutionierte.

Es ist eine Radikalisierung im besten Mannesalter, wie sie ganz selten in der Kunstgeschichte ist. Zwischen 1912 und 1920 erfindet sich der Maler neu, aus Mondriaan wird Mondrian, der manche seiner Bilder cool mit einem P. M. signiert – sie sind nun ohnehin ganz unverwechselbar. Die Geschichte, wie der Suchende seine Stillleben und Landschaften zunächst immer weiter abstrahiert, bis er schließlich die Eigengesetzlichkeit, das eigene Recht der Bilder erkennt und zum Dogma erhebt, ist oft erzählt worden. Aber selten konnte man wie hier diese Schritte Jahr für Jahr an ganzen Konvoluten nachvollziehen und so den Reichtum begreifen, der in der selbstgewählten Beschränkung auf Streifen und Farbflächen liegt.

Leider lässt es das Centre Pompidou nicht damit bewenden und schaltet dahinter eine ziemlich wirre Retrospektive der niederländische De-Stijl-Bewegung, die zudem nicht leistet, was hier zu erwarten wäre: Die Geschichte der Wechselwirkungen zwischen Mondrian und den holländischen Malern, Architekten und Designern um Theo van Doesburg aufzuzeigen – und deren Beziehungen zu Bauhaus und russischer Avantgarde. War er das Genie, an dem sich die anderen abarbeiteten, oder summiert sich in seinem Werk nur das Denken einer Gruppe? War die große, vergebliche Suche nach der Formel für Harmonie und Regelhaftigkeit im modernen Leben ein Gemeinschaftsprojekt oder eine einsame Herkulesaufgabe für Mondrian? Das lässt die Schau völlig offen.

Mondrian / De Stijl

Termin: bis 21. März 2011im Pariser Centre Pompidou
http://www.centrepompidou.fr/

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