Eadweard Muybridge - Tate Britain London

Ein fliegendes Pferd

Eine Retrospektive des einflussreichen Bewegungsfotografen Eadweard Muybridge in der Tate Britain.

Vor Eadweard Muybridge wurden Ross und Reiter in der Malerei auf eine Art dargestellt, dass sie in der Realität wohl im nächsten Moment eine Bauchlandung hingelegt hätten. Nach Muybridge wusste man endlich, wann genau der Vierbeiner welchen Huf auf die Erde setzt. Denn erst mit Hilfe der zwölf Kameras, die der 1830 in England geborene Fotograf entlang einer Rennbahn positionierte und durch das vorbeigaloppierende Pferd eine nach der anderen selbst auslösen ließ, konnte der Galopp in übersicht­liche Einzelschritte aufgelöst werden. Und Muybridge nebenbei noch den zuvor viel diskutierten Beweis erbringen, dass sich ein Pferd einen Moment lang ohne jede Bodenhaftung tatsächlich fliegend fortbewegt.

Im Folgenden nahmen Muybridges Kameras weitere komplizierte Bewegungsabläufe auseinander: einen Fechtkampf, einen Stabhochsprung, einen Salto, zu dem erschwerend auch noch eine Taube durch die Bildanordnung fliegt. Die Sequenzfotos schlüsselten auf, was im Detail passiert, wenn Frauen waschen, bügeln oder nackt die Treppe hinuntersteigen, wenn Männer ein Podest besteigen, Kinder rennen und Kakadus die Flügel schwingen. Die meisten seiner heute berühmtesten Bildsequenzen wurden in dem Buch "Animal Locomotion" (1887) zusammengefasst und später von Künstlern wie Marcel Duchamp ("Nu descendant un escalier"), Francis Bacon (zahlreiche homoerotische Körperstudien "after Muybridge") oder auch Gerhard Richter ("Akt, eine Treppe herabsteigend") variiert.

Darüber in Vergessenheit gerieten Muybridges unter dem Künstlernamen "Helios" veröffentlichten Gesellschaftsstudien, Stadtansichten und frühen Landschaftsaufnahmen, wie sie vielfach entlang neuer Handels­wege und in der spektakulären Natur des kalifornischen Yosemite-Nationalparks entstanden sind (Muybridge war 1852 in die USA emigriert). In der von der Corcoran Gallery of Art in Washington erarbeiteten Ausstellung, die nun unter dem Titel "Helios. Eadweard Muybridge in a Time of Change" in der Londoner Tate Britain 300 Fotos, Alben, Stereografien, Negative, Notizbücher, patentierte Apparaturen und andere Objek­te zusammenträgt, ist neben einer fünf Meter breiten Panoramaansicht von San Francisco auch ein von Muybridge entwickeltes, originales "Zoopraxiskop" zu sehen. Ein Gerät, das mittels schneller Rotation einer Bildscheibe die Einzelaufnahmen in Be­wegung zurückversetzt: Ein bockiger Muli scheint im Geflacker nun tatsächlich wieder mit den Hinterbeinen auszuschlagen. In Muy­bridges Geburtsort Kingston upon Thames wird die Schau
um eine reiche Sammlung an weiteren solcher Bildscheiben ergänzt (Kingston Museum, 18.9.2010 bis 12.2.2011), die in diesem den Film vorwegnehmenden Verfahren Af­fen zum Klettern und Frauen zum Tanzen bringen.

"Eadweard Muybridge"

Termine: 8. September bis 16. Januar 2011, Tate Britain, London. Weitere Station: San Francisco Museum of Modern Art, 26. Februar bis 7. Juni 2011. Der Katalog ist im Steidl Verlag erschienen und kostet 65 Euro.
http://www.tate.org.uk/britain/exhibitions/eadweardmuybridge/default.shtm

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