Walton Ford - Bestiarium

Der Maler und das liebe Vieh

Walton Ford spaltet mit seinen grausam-schönen Tierszenen die Kritik und fasziniert das breite Publikum. Seine Schau "Bestiarium" geht nach dem großen Erfolg in Berlin nun nach Wien – art besuchte Ford vorab in Massachusetts.

Unter den Schimpansen gibt es die Art der Bonobos. Regiert werden die Affenrudel von den Weibchen. Um ihre Macht auszubauen, nehmen sich die Äffinnen möglichst viele Liebhaber, so dass sich die Männchen niemals sicher sein können, ob es sich bei den Nachfahren um die eigenen handelt oder nicht. "Eine wunderbare Geschichte", findet Walton Ford. Es sind Anekdoten aus dem Tierreich, alte Reiseberichte von Entdeckern oder Kriegssagen und Abenteurergeschich­ten, in denen es um den brutalen Kampf zwi­schen Mensch und Tier geht, die den Künstler zu seinen Arbeiten anregen.

"Space Monkey" heißt das Bild, auf dem er die Bonobo-Story verarbeitete. Den Titel borgte er sich von dem gleichnamigen Song der Rockikone Patti Smith. "Erst die Kunst lässt uns bestimmte Dinge in unserer Umwelt wahrnehmen", meint Ford und schlägt einen kühnen Bogen. "Ohne Feminismus, ohne weibliche Forscherinnen, ohne starke Frauenbilder und Patti Smith gäbe es für uns kei­ne Bonobos." Es geht Ford bei seinen Ar­beiten um die wechselhafte Beziehung zwischen Natur und Kultur. Patti Smith gefiel die Botschaft. Nachdem sie das Bild in einer Ausstel­lung gesehen hatte, nahm sie Kontakt mit Walton Ford auf. Die beiden Künstler überlegen, ein gemeinsames Buch mit Smiths Gedichten und Fords Radierungen herauszubringen.

Mit seinen kolossalen Aquarellen und der Ausstellung „Bestiarium“ gelang dem Amerikaner der Überraschungserfolg im Hamburger Bahnhof in Berlin. Es war sein erster großer Auftritt in Europa, jetzt folgt die zwei­te Station in der Wiener Albertina. Viele Kritiker, vor allem aber das Publikum, waren begeistert vom Aufmarsch der Bestien. Die Ausstellung war ein mutiger Schachzug des unorthodoxen Ausstellungsmachers Udo Kittelmann. Fords Tierstudien provozierten die Frage, ob Arbeiten wie diese überhaupt in ein Museum für zeitgenössische Kunst ge­hören. Schwülstig, kitschig, sentimental nann­­ten sie dann auch einige von Kittelmanns Kollegen in einer Fernsehdiskussion. Sie sprachen von konzeptueller Schmalbrüstigkeit: Bei der Erkenntnis "Die Bestie Tier ist eine Projektion des Men­schen, die wahre Bestie der Mensch" hande­le es sich nicht gerade um eine intellektuelle Höchstleistung. Und wie üblich wurde Ford an dem 1851 gestorbenen Ornithologen John James Audubon gemessen, dessen Vogelmotive in Amerika Kaffeetassen und Kalender schmücken.

Antiquierte Tierillustrationen auf Ac­tion-Größe aufgebläht

Aus der Tatsache, dass ihn der egozentri­sche Audubon seit Kindheitstagen begeistert hat, macht der Künstler kein Geheimnis. Und sicher: Hinter seinen Werken verbergen sich keine sonderlich komplexen Ideen. Aber wer vor den lebensgroßen Bildern grau­samer Kreaturen steht oder vor einem sich über mehrere Meter erstreckenden Triptychon, kann sich der Wirkung kaum entziehen. Es wundert einen nicht, dass Kri­ti­ker die Werke oft an Filme erinnern. Ein amerikanischer Journalist verglich sie treffend mit den Arbeiten der Brüder Joel und Ethan Coen: clever, brutal, ab­surd und verführerisch. Mit Hilfe von hand­ge­schriebenen Randnotizen und bizarr anmutenden Auszügen aus Reisetagebüchern oder Erzählungen lässt Ford, der ursprünglich tatsächlich Filme machen woll­te, Geschichten im Kopf ablaufen. Dass Ford die antiquierte Form der Tierillustration auf Ac­tion-Größe aufbläht und seine detailverliebten Aquarelle auf spezielles Papier malt, dem er mit verdünnter Erdfarbe eine antiquarische Pa­tina verleiht, gibt den Arbeiten etwas abgründig Absonderliches; der merkwürdi­ge Reiz des Obsessiven umgibt sie.

Fords Kritikern ist sicher auch sein schnel­ler Markterfolg suspekt. Zu seinen Sammlern zählen die Rocklegende Mick Jagger, Modedesigner Tom Ford oder die Stilikone Daphne Guinness. Seit Ford seine Bestien 1997 das erste Mal bei seinem New Yorker Galeristen Paul Kasmin in einer Einzelausstellung zeigte, verkauft er gut. Kasmin würde über Kontakte zu exzentrischen briti­schen Aristokraten verfügen, die zu seinen ersten Sammlern zählten, erzählt der Maler; seine Arbeiten kosten inzwischen mehr als 400 000 Dollar. Hedgefondsmanager David Ganek erwarb "Borodino" (2009), auf dem sich Wölfe auf einem Schlachtfeld über die Leichen von Napoleons Armee hermachen. Maia Norman, Modedesignerin und Frau von Damien Hirst, druckte Fords verstörendes Bild "Sensations of an Infant Heart", in dem ein Affe einen Papageien erwürgt, auf die Lederjacken ihrer neuen Kollektion. Bei dem Papageien handelt es sich um das ge­liebte Haustier des jungen Audobun, das vom Affen seiner Stiefmutter getötet wurde.

Wiederbelebt wird das Historienbild

Bereits vor 15 Jahren hat sich Ford aus New York City in die ländlichen Berkshires von Massachusetts zurückgezogen. Sein Atelier befindet sich in der morschen Bretter-bude eines ehemaligen Eisenbahngebäudes in dem kleinen Ort Great Barrington. Der Fußboden ist mit Geschichts- und Kunstbüchern, Kopien, Fotos und Skizzen übersäht. Seine Plastiktiersammlung hat er in Kisten verstaut, viele seiner Bücher lagern in Kartons. Nach zehn Jahren in der unbeheizten Bude wird Ford bald in fürstliche Atelierräume mit Kamin und Designerküche ziehen. An der Staffelei hängt seine neueste Arbeit. Sie zeigt einen monströsen Grizzlybären in einer kalifornischen Landschaft. Der Gigant kämpft gegen Lederlassos, mit denen ihm Cowboys zu Leibe rücken. Das Bild war für den früheren Gucci-Designer Tom Ford bestimmt, der Walton Ford einen komplet­ten Raum in seinem neuen Haus in Santa Fe widmen wollte. Doch leider hat der Designer mit fi­nanziellen Problemen zu kämpfen; das Groß­projekt wurde abgesagt.

Walton Ford malt nur drei bis sechs Bilder im Jahr. Mit dem Thema Bestien hat er längst nicht abgeschlossen. „Ich verändere damit nicht die Sprache der Malerei“, gibt er zu. Aber er gräbt sich im­mer tiefer in seine Materie hinein, ähnlich wie Francis Alÿs, der eine Düne um ein paar Zentimeter versetzen lässt, oder Christian Marclay, der sich wie besessen sei­ner Plattensammlung widmet. Beide Künstler schätzt er. Seine Bilder seien weder als Ver­klärung früherer Zeiten zu verstehen noch als Anklage des Menschen, der die Natur ausbeutet. "Ob den Eisbären der Lebensraum davonschmilzt, beschäftigt mich nicht", sagt Ford. "Aber dass eine Armee moralisch kaputtging, als ihre toten Kameraden von Wölfen gefressen wurden – das interessiert mich." Wiederbelebt wird also nicht nur das klassische Genre der Tierillustration, sondern auch das Historienbild. In "Le Jardin" von 2005 setzte Ford einen mit einem Rudel Wölfe kämpfenden Stier in einen manikürten französischen Garten. Bei dem Stier habe er sich einen durch Versailles laufenden George W. Bush vorgestellt. Was die Menschen mit den Tieren anstellen, entspringe der sadistischen amerikanischen Kul­tur, die im Irak oder in Guantánamo ih­ren Ausdruck gefunden hat.

"Die ehrgeizigsten Werke, die ich je gesehen hatte"

Walton Ford wurde 1960 in Larchmont, New York, geboren. Er zeichnete bereits als Junge, hielt sich eine Schlange als Haustier, die er fleißig mit Ratten fütterte, und war wie besessen von der Idee, ein Wesen wie King Kong könnte irgendwo auf einer verwunschenen Insel leben. Noch heute treibt sich Ford gern in der Einsamkeit der Wälder herum und wandert jedes Jahr allein 250 Kilometer durch menschenleere Natur. Sein Interesse für Geschichte begann mit der eigenen Familienhistorie. Fords Vorfahren stammen aus dem Süden des Landes. Sie hielten Sklaven und hatten sich „ihr logi­sches Konstrukt aufgebaut, um zu recht-fertigen, dass Sklaven keine menschlichen Wesen sind“.
Ford besuchte die Rhode Island School of Design in Providence. Eine Studienreise nach Italien mit seiner späteren Ehefrau, von der er sich gerade scheiden lässt, führte ihn zur Malerei. Der Student sah die Fresken­malerei von Giotto und Pietro Lorenzetti und wollte mit seinen Bildern Geschichten aus einer Welt ohne Fotografie erzählen. "Es waren die schönsten, ehrgeizigsten Werke, die ich je gesehen hatte", erzählt Ford. Eine zweite, sechsmonatige Reise nach Indien 1994 verstärkte das Interesse an der Tierwelt noch. In Indien kam sich Ford vor wie der hässliche, weiße Kolonialist, der mit seinen westlichen Vorstellungen aneckte.

Zu­rück in den USA setze er zunächst in Indien vorkommende Tierarten als Symbole für sein kulturelles Unverständnis ein. Sich selbst porträtierte er als Star, weil die Vogelart dafür bekannt ist, andere Vögel aus ihrem Le­bensraum ver­drän­gen zu wollen. Es dauerte zwölf Jahre, in denen sich Ford als Zimmermann durchschlug, bis er von seiner Kunst leben konnte. Aquarellfarben, das traditionel­le Mittel der Naturkundler, wählte er bewusst. Denn Ford schwebten bei sei­ner Arbeit Forschungsreisende vor, die in der Fremde mit Farbe und Pinsel Eindrücke von einer völlig anderen Kultur oder einem wilden Tier festhielten, das sie zum ersten Mal in ihrem Leben sahen. "Mich fasziniert die Spannung, die geherrscht haben muss, als ihre Bilder entstanden." Vielleicht wird Walton Ford eines Tages doch zu seinem ursprünglichen Plan zurück­kehren und sich am Film versuchen. Die tra­gische Lebensgeschichte des Vogelkundlers John James Audubon hält er für einen fantas­tischen Stoff. Vorher aber will sich der Künst­ler dem größten Biest seiner Karriere widmen, einem mindestens 15 Meter langen Wal, den er wie üblich in Lebensgröße malen und der ihn über Jahre beschäftigen wird. Natürlich handele es sich nicht um ei­nen friedlichen Planktonfresser, sondern um ein Raubtier, sagt Ford. "Es wird ein Moby-Dick werden. Ein richtig harter Typ."

"Bestiarium"

Termin: bis 10. Oktober, Albertina, Wien. Literatur: Pancha Tantra, Taschen Verlag, 320 Seiten, 49,99 Euro
http://www.albertina.at/jart/prj3/albertina/main.jart?rel=de&content-id=1202307119260&reserve-mode=active&ausstellungen_id=1253865734410

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