Stephan Balkenhol - Hamburg

Ich will nicht plaudern

In Hamburg schaukeln bereits einige Holzskulpturen des Bildhauers Stephan Balkenhol auf Elbe und Alster, kaum wegzudenken ist der "Mann auf der Giraffe" vor Hagenbecks Tierpark. In den Deichtorhallen startet jetzt die bisher größte Ausstellung des Bildhauers, in der sich bekannte Werke aus den achtziger Jahren mit speziell angefertigten aktuellen Arbeiten vermischen. Balkenhol lädt ein in seine "Arche Noah".
Willkommen in Balkenhols "Arche Noah":Balkenhol in den Deichtorhallen

Stephan Balkenhol und Deichtorhallen-Direktor Robert Fleck (r.) in der Ausstellung, die heute offiziell in Hamburg eröffnet wird

So reduziert und zurückhaltend wie seine Holzskulpturen wirkt auch ihr Schöpfer. Stephan Balkenhol zählt seit den achtziger Jahren international zu den bekanntesten deutschen Bildhauern, auch wenn seine Werke bisher weder auf einer Documenta noch auf einer der wichtigen Biennalen gezeigt wurden. Kaum etwas liegt dem Künstler ferner als die Selbstinszenierung. Statt dessen setzt er lieber seine stetig wachsende Skulpturenfamilie in Szene, so wie nun in den Deichtorhallen.

Die Wiederholungen in Stilistik und Motivik innerhalb seines Werks haben den Künstler in den letzten Jahren angreifbar gemacht. Nicht selten forderten Kritiker neue Abzweigungen des endlosen "Holzwegs", auf dem Balkenhol sich bewege. Der Künstler jedoch hält an seinen grob bearbeiteten und farbig bemalten Holzskulpturen unbeirrbar fest und sagt dazu nur mit einem Augenzwinkern: "Ich bin einfach leidenschaftlicher Bildhauer, und man soll das machen, was man kann."

Seit drei Jahren hat Balkenhol sich auf seine bisher größte Ausstellung vorbereitet und speziell dafür neue Skulpturen gefertigt. Zwar wird Deichtorhallen-Direktor Robert Fleck als Kurator genannt, die Verantwortung über die Schau obliegt jedoch im Wesentlichen dem Künstler selbst – in einem Haus wie den Deichtorhallen, das über einen sehr niedrigen Etat verfügt, keine Seltenheit. Und doch musste sich Fleck erst daran gewöhnen, dass selbst Logistik und Leihverkehr der Ausstellung einzig Sache des Künstlers waren. "Er ist ein intensiver Arbeiter", sagt Fleck über den Bildhauer, welcher seine Werke in diversen Galerien der Welt "aufbewahrt" und weder ein eigenes Lager, noch einen Assistenten oder Buchhalter braucht.

Dem "visuellen Analphabetismus" entgegensteuern

Seit Wochen ist Balkenhol vor Ort und maßgebend an der Realisation beteiligt. Er bezeichnet es als Teil der Produktionsarbeit, seine Werke eigenhändig zu platzieren. Dabei verfolgt er vor allem die Absicht, die Symbiose zwischen Kunst und Raum stärker zu betonen. Er ist davon überzeugt, dass es wichtig sei, die Fähigkeit des räumlichen Sehens nicht zu verlieren: "Durch die Medien ist man zu sehr an die zweidimensionale Sichtweise gewöhnt und weiß gar nicht mehr um die Wirkungskraft von Körpern im Raum." Diesem visuellen Analphabetismus will die Ausstellung, die sich auf 3000 Quadratmeter erstreckt, entgegenwirken. So wirken neben den überdimensional großen Skulpturen die kleineren Körper aus der Entfernung oft erstaunlich monumental.

Balkenhols Vorstellung von Kunst manifestiert sich in der Ausstellung auch durch die von ihm entworfene Anordnung der Räume. Einen Einstieg bieten die ersten drei kleineren Säle, in denen vor allem Werke aus den achtziger Jahren zu sehen sind – angefangen mit Balkenhols Arbeiten für sein Diplom, über die bekannte Skulptur "Löwe" bis hin zu den "12 Freunde"-Porträts, die sich zu einem großen Wandrelief verbinden. Im Hauptraum wird der Blick auf die fünf Paravents freigegeben, die lediglich durch hölzerne Halbzylinder gestützt werden und durch Reliefs und Zeichnungen gestaltet sind. An diesen großen Raum gliedern sich zu beiden Seiten Nebenräume an, die jeweils einen thematischen Schwerpunkt aufweisen. Neben einem "Musikraum", in dem das Wort Instrumentenkörper eine ganz andere Bedeutung erhält, gibt es zum Beispiel gleich mehrere Tierräume. In einem weiteren Themensaal zeigen eigenwillige Interpretationen von Gesellschaftsspielen, dass Kunst ohne das spielerische Moment und Fantasie nicht funktioniert. Mit der unbeschwert anmutenden Motivik des "Spielraums", überdimensional großen Dominosteinen und bunten Holzwürfeln bricht eine an der weißen Wand angebrachte, am Strick erhängte Holzskulptur.

Alles andere als "heiß und fettig"

Als Schüler Ullrich Rückriems begann Balkenhols Karriere Anfang der achtziger Jahre in Hamburg. Balkenhol sei, so betonte sein Lehrer einst, der einzige seiner Klasse gewesen, der es verstanden habe, die Skulptur aus einer Form herauszuarbeiten und dabei sowohl die figurale Täuschung der Minimal Art mit einzubringen, als auch die Abbildung des Menschen wieder zum Teil der Kunst zu machen. Aus den Sockeln erheben sich die Skulpturen, die keinen Beitelschlag verleugnen. Kein Riss im Holz wird kaschiert, kein Körper glattgeschliffen. Balkenhol gehört zu einer starken Künstlergeneration, die es in den achtziger Jahren geschafft hat, eigene Richtungen durchzusetzen. Von Gruppierungen wie den "Jungen Wilden", die sich als Gegenströmung zu den Positionen der Konzeptkunst und Minimal Art verstanden und ab 1978 ihre "Wilde Malerei" prägten, setzte sich Balkenhol bewusst ab: "Die 'Jungen Wilden' haben ja auch wieder angefangen, den Menschen abzubilden und das war sicher auch gut, aber mir war das zu heiß und fettig, wie Fastfood, ihre Kunst kam mir vor wie ein Schlager von Nena zum Beispiel. 90 Prozent von ihnen sind ja auch mittlerweile wieder verschwunden."

Er jedoch ist geblieben. Und deshalb startet heute seine große Retrospektive in den Deichtorhallen. Dem Besucher eröffnet sich durch die grobe Bearbeitung des archaisch anmutenden Materials Holz eine haptische Wahrnehmungsebene, durch die Größe, Konturen und Oberflächen der Skulpturen förmlich spürbar werden. "Ich will etwas erzählen, aber nicht plaudern, ein Angebot machen, aber die Geschichte nicht zu Ende erzählen, sondern offen lassen für den Betrachter", sagt Balkenhol. An 140 Skulpturen, davon 65 Tieren und 75 Menschen, zudem Fotographien, Reliefs, Kinderzeichnungen vom Sohn des Künstlers kann sich der Besucher ab heute am Weiterdenken erproben.

Stephan Balkenhol

Termin: bis 14. Februar 2009, Deichtorhallen, Deichtorstraße 1 – 2, Hamburg
http://www.deichtorhallen.de