Bilder einer Metropole - Essen

Street Art vor 1900

Mit prächtigen Boulevards, Bahnhöfen, Ausstellungspalästen und dem technischen Weltwunder Eiffelturm erfindet sich das Paris um 1900 als moderne Stadt. Die Maler und Fotografen der Belle Epoque entdecken das Leben auf den Straßen als Thema. Das Museum Folkwang zeigt "Bilder einer Metropole"

Der Essener Museumsdirektor steht im Regen an der Pariser Place de Dublin und hält einen in eine Klarsichtfolie eingelegten Farbausdruck in die Luft. Darauf ein Gemälde von Gustave Caillebotte, das aus exakt derselben Position heraus den Platz im Hintergrund zeigt. Der Künstler hat ihn 1877 gemalt, an einem Tag, so regnerisch wie heute. Die Straßengabelung, die Fassaden der Häuserzeilen: Sie se­hen fast unverändert aus. Ein paar parkende Mopeds, Verkehrsschilder, Ampeln, Bäume und ein Graffito an der oberen Hauswand mö­gen hinzugekommen, die Pflastersteine durch Asphalt ersetzt worden sein – die städtebauliche Form, die Paris in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verpasst wur­de und sich ins innere Bilderalbum aller Paris-Touristen eingebrannt hat, prägt das Gesicht der französischen Hauptstadt bis in die Gegenwart.

Dabei kam die uns heute so vertraute Ge­stalt seinerzeit wie ein Schock über die Stadt. Brachial und ohne Rücksicht auf Verluste vollzog sich die Umgestaltung, die Napoleon III. ab 1853 durch seinen Präfekten Georges-Eugène "Baron" Haussmann durchführen ließ: 40 000 mit überwiegend einheitlicher Fassadengestaltung neu gebauten Häusern mussten zunächst 20 000 alte weichen; die historisch gewachsene Stadtmitte auf der Ile de la Cité machte einem luftigen Komplex öffentlicher Gebäude Platz. Selbst die Trink- und Abwasserkanäle waren nach Haussmanns Bereinigungsmaßnahmen derart aufgeräumt, dass touristische Rundfahrten durch die Kanalisation angeboten wurden. Die Stadt verändere sich schneller als das Herz eines Sterblichen, ächzte der Dichter Charles Baudelaire: "Das alte Paris gibt es nicht mehr."

Dafür gab es neue, vierspurig zu befahrende Boulevards, breite Bürgersteige, neue Brücken und großzügige öffentliche Parks, die die Bürger zum Rausgehen einluden. Karl Marx verteufelte noch den "Vandalismus Haussmanns, der das historische Paris wegfegte, um dem Paris des Bummlers Platz zu schaffen" – die Bürger nahmen die zahl-
rei­chen Anreize neuer Freizeitvergnügungen ebenso dankend an wie die Maler und Schriftsteller, die sich nun unter freiem Him­mel mit Sujets bedienten. "Ach, dieses Paris", ruft der Maler Claude in Emile Zolas Roman "Das Werk" von 1886 aus: "Uns gehört es, wir brauchen es nur zu nehmen." Maler wie Camille Pissarro und Pierre Bonnard fan­gen das lebhafte Treiben auf den Avenuen und Boulevards der Großstadt mit schnellen Pinselstrichen ein; Auguste Renoir liefert heitere Momentaufnahmen aus Parks und gut besuchten Gartenlokalen. Walter Benjamin sah mit solch "aufgeregtem Impressionismus" die kontemplativere, spurensuchende "Schildkrötenmethode" abgelöst, mit der sich im alten Paris die Flaneure durch die engen Passagen geschoben hatten (tatsächlich wurden um 1840 Schildkröten an der Leine spazieren geführt): Der "Boule­vardier" ließ sich vom "oberflächlichen Anlass", vom "Exotischen, Pittoresken" des neuen Stadtbilds bezaubern. "Die Stadt", erklärt Hartwig Fischer, Leiter des Essener Museum Folkwang und Wahlpariser, "wird zum Salon der Menschen, in dem sie sich verlieren."

Eine par excellence städtische Kunst

Die neuen "Aktualisten" (Zola) blicken wie Vincent van Gogh oder Edouard Manet vom Montmartrehügel aus über die – oft schneebedeckten – Dächer der Stadt. Sie befinden die Gasometer der Vororte (Paul Signac) als ebenso abbildungswürdig wie Brücken, Quais und Lastkähne (Félix Vallotton) entlang der Seine. Gern gemalt wird auch rund um den neuen Bahnhof Saint-Lazare, wobei hier der fauchende, formauflösende, jede architektonische Ordnung vernebelnde Dampf der Eisenbahnen die Impressionisten offensichtlich mehr als jedes technische Detail begeistert. Arnold Hauser hat in seiner "Sozialgeschichte der Kunst und Literatur" den Impressionismus als "eine par excellence städtische Kunst" bezeichnet: indem er die "Stadt als Landschaft" entdeckt; vor allem aber, weil der Impressionismus "die Welt mit den Augen des Städters sieht" und "die Wandelbarkeit, den nervösen Rhythmus, die plötzlichen, scharfen, sich aber sogleich wieder verwischenden Eindrücke des städtischen Lebens schildert".

Rund 80 solcher Lebensschilderungen aus dem Paris der Zeit von 1860 bis 1900 kommen unter dem Titel "Bilder einer Metropole" im Museum Folkwang zusammen. Darunter solch seltene Leihgaben wie Caillebottes an der Place Dublin gemalte "Straße in Paris, an einem Regentag" (1877) aus dem Art Institute of Chicago oder Renoirs "Tanz im Moulin de la Galette" (1876), den das Pariser Musée d’ Orsay entleiht, dessen einflussreiche Gründungsdirektorin Françoise Cachin als Kuratorin des Malereiteils gewonnen werden konnte. Dieser wird durch etwa 125 Fotografien kontrastiert, die die Hausmannisierung der Stadt vergleichsweise uneuphorisch dokumentieren.

"Haussmanns Paris ist eine enorme Heuchelei"

Denn die Fotografen, die die Auf-, Umbau- und Abbruchprozesse mit enzyklopädischem Anspruch festhalten, haben im Gegensatz zu den sich ihre Gegenstände entschieden frei wählenden Malern überwiegend im Auftrag des Kaisers, des nachkaiserlichen republikanischen Staats und beider Bauherren agiert: Auguste Hippolyte Collard fotografierte für die Regierung systematisch Brücken und neue Wasserwege; Edouard Baldus hielt sämtliche Bauphasen des neuen Louvre fest; Louis-Emile Durandelle begleitete im Auftrag des Architekten Charles Garnier den Bau seiner Oper; Henri Rivière lieferte schwindelerregend schöne Fotos aus dem (offenen) Inneren des 1889 gebauten Eiffelturms. Einen der größten Schätze des Pariser historischen Museum Carnavalet, aus dem die meisten fotografi­schen Leihgaben nach Essen kommen, stellen die 425 Aufnahmen dar, auf denen Charles Marville (1862 zum "amtlichen Fotografen von Paris" ernannt) für die Geschichtsbücher noch einmal alle Straßen ablichtete, die Haussmanns "grands travaux" zum Opfer fallen sollten. Darüber hinaus hinterließ Marville den Stadtarchiven formvollendete "Porträt"-Serien, in denen er eine Typologie von Gaslaternen, Litfaßsäulen und Pissoirs des neuen Paris erstellte.

Das Fotografen und Maler verbindet, ist ein urteilsloses Hinnehmen dessen, was ihnen als neuer Lebens­raum vorgesetzt wird. Andere waren kritischer: "Haussmanns Paris ist eine enorme Heuchelei", schimpfte der Schriftsteller Zola. "Von den Plätzen und den großen Parks mit ihren Blumen blickt dir ein geheucheltes Lächeln entgegen. Sie sollen den gärenden Unrat tarnen, den Pesthauch der Stadt abwenden." Denn der Kaiser und sein Präfekt hatten zwar im Zentrum ein nach außen hin prachtvolles "Paris de Luxe" kreiert. Doch im Inneren der Häuser hielt sich vielfach die alte Stickigkeit. Und die Armut wurde, nachhaltig, an den Stadtrand verscho­ben: Heute stellt die infrastrukturelle Anbindung der durch ihre Gewaltbereitschaft berüchtigten "Banlieue" eine der dringendsten stadtplanerischen Herausforderungen Europas dar.

Sozialkritik ist nicht die Sache der Impressionisten

Sozialkritik mag die Sache der Impressionisten ebenso wenig wie der fotografi­schen Dokumentaristen ihrer Zeit gewesen sein: Hauser hält für die Epoche allgemein ein "Sichabfinden mit der Rolle des Zuschauers" fest, einen "Standpunkt der Distanzhaltung, des Zuwartens, des Nichtengagiertseins". Zur "Hauptstadt der Moderne" ha­ben die Maler Paris mit anderen Mitteln gemacht. So setzen sie beispielsweise den auf die Stadt Blickenden selbst ins Bild: als Eindrücke aufnehmenden Boulevardier, den die in ihrer Geräumigkeit beschleunigte Großstadt umspült. Oder auch als distanzier­ten Beobachter, der sich dem Straßenleben hinter ein Fenster oder auf den Balkon entzieht. Caillebotte, van Gogh, Pissarro, Edvard Munch – sie alle malen in Paris Männer auf Balkonen, Blicke vom Balkon aus oder aus in höheren Stockwerken gelegenen Fenstern heraus. Der Vorstellung, dass sich die Welt erst im Auge ihres Betrachters zusammensetzt, werden Impressionisten und ihre Nachfolger mit einer Malerei gerecht, die ihre Mittel immer mehr von jedem wiedererkennbaren Gegenstand ablöst. Auf dem Weg in die Abstraktion beginnt ein motivgewaltiges Ding wie die Stadt ab etwa 1900 eher hinderlich zu werden.

"Bilder einer Metropole"

Termin: bis 30.1.2010 im Museum Folkwang in Essen; Katalog: Steidl Verlag, 38 Euro
http://www.museum-folkwang.de/