MoMA Erweiterung - New York

Mit dem Herzen eines Bulldozers

Das Museum of Modern Art wird erweitert. Das anliegende Folk Art Museum muss dem gigantischen, gläsernen Neubau weichen. New York ist empört.
Goodbye MoMA:Gigantischer MoMA-Neubau empört New York

"Goodbye MoMA": Blick auf den neu gestalteten Eingang des Museum of Modern Art an der 53. Straße nach den Plänen von Diller Scofidio + Renfro

"Lieber Freund", heißt es in der Email, die Glenn Lowry, der Direktor des Museum of Modern Art, in die Welt hinausschickte und in der er die Zukunftspläne für sein Museum ankündigte. "…ich freue mich, Ihnen bezüglich unseres Projekts aufregende Nachrichten zu überbringen."

Bei dem Projekt handelt es sich um den heiß diskutierten Ausbau des erst vor zehn Jahren neu erweitertem MoMA. Die so aufregenden Nachrichten lösten eine Welle der Empörung aus. Denn bei dem MoMA handelt es sich um einen Ort, zu dem viele New Yorker eine äußerst emotionale Beziehung pflegen. Schon mit dem Ausbau im Jahr 2004 stieß die Museumsleitung all die New Yorker MoMA-Liebhaber vor den Kopf, die heute noch beklagen, dass ihr geliebtes Museum den Charme eines Einkaufszentrums und damit seine Seele verloren hat. Zehn Jahre später ist in Boomtown New York zu boomenden Zeiten für die Kunst bereits die aktuelle MoMA-Version zu klein. Was zum nächsten Konflikt führte: Das von Architekturkritikern und New Yorkern geliebte Gebäude des früheren American Folk Art Museum, das ganz einfach das Pech hat, sich neben dem mächtigen MoMA zu befinden, soll abgerissen werden, um dem Museumgiganten Platz zu machen.

Warum wird schon wieder gebaut?

Es müsse weiter wachsen, heißt es aus dem MoMA. Als der Neubau 2004 vollendet war, hatten sich die Besucherzahlen in der Zwischenzeit mit drei Millionen pro Jahr nahezu verdoppelt. Sich eine Ausstellung im MoMA anzusehen, fühlt sich an manchen Tagen wie der Besuch eines Kaufhauses beim Schlußverkauf an. Wobei viele Besucher sich die Arbeiten sowieso nicht mehr ansehen, sondern ihre Smartphone-Kameras zücken. Wenn die Touristen weiter in die Stadt strömen und die zeitgenössische Kunst noch mehr an Zugkraft gewinnt, werden wohl auch die zusätzlich geplanten Quadratmeter nicht ausreichen.

Warum wird abgerissen?

2007 hatte das MoMA ein leeres, an das Museum grenzendes Grundstück an einen Bauherren verkauft. Teil des Deals ist, dass das Museum drei Etagen für Ausstellungsräume in dem Luxustower erhält, den Jean Nouvel für 1,3 Milliarden Dollar auf dem Grundstück bauen wird. Baubeginn ist für diesen Sommer geplant. Problematisch an der Erweiterung war jedoch, dass man das heutige Museum durch einzelne Gänge mit den neuen Galerien im Nouvel-Tower hätte verbinden müssen. Bei den Massen, die durch das MoMA strömen, eine problematische Angelegenheit. Als dann das Folk Art Museum in finanziellen Schwierigkeiten steckte, schlug das MoMA zu, beglich die Schulden von 32 Millionen Dollar und übernahm das Gebäude, das seitdem leer steht.

Das Jahr fängt mit sehr schlechten Nachrichten für sehr gute Architekten an, schrieb der Architekturkritiker Paul Goldberger in der Vanity Fair und nannte die Abrisspläne für das Folk Art Museum einen fatalen Fehler. Nachdem das Team von Diller Scofidio + Renfro, das hinter dem New Yorker Erfolgsschlager High Line steckt, nach Möglichkeiten suchte, das erst vor 13 Jahren von Tod Williams und Billie Tsien erbaute Museum in den geplanten, neuen MoMA-Komplex zu integrieren, wurden alle Vorschläge verworfen. Um das 26 Meter hohe Gebäude mit der charakterstarken Bronze-Fassade retten zu wollen, hätte man ihm zu viele Wunden zufügen müssen, hieß es. Auch Architekturhistoriker Barry Bergdoll, der im MoMA die Design- und Architekturabteilung leitet, musste Diller Scofidio + Renfro rechtgeben. "Es ist es ein ethisches Problem, das Gebäude zu retten", so Architektin Liz Diller. Man hätte so viele Elemente beseitigen müssen, das letztlich die Integrität des Gebäudes verloren gegangen wäre.

Was wird gebaut?

Der neue MoMA-Anbau auf dem Grundstück des Folk Art Museums soll circa 2019 stehen und besteht aus Glasboxen, die sich zum Bürgersteig öffnen lassen. Eine "Gray Box" für Performances sitzt über der sogenannten Kunst-Bucht, in der es eine ausfahrbare Glaswand und auch sonst viel Glas und Platz für große Installationen gibt. Der Skulpturengarten, einer der heiligen Ruhestätten der City, öffnet zu freiem Eintritt während der Museumszeiten die Türen für die Öffentlichkeit.
Das Problem der dringend benötigten zusätzlichen Galerien, damit endlich mehr Werke aus der Sammlung gezeigt werden können, will das MoMA mit dem Nouvel-Tower lösen. Die drei Etagen in den unteren Geschossen sollen zwischen 2800 und 3700 Quadratmeter Ausstellungsfläche bringen. Was der Größe einer Mega-Galerie von Chelsea entspricht. "Es ist ungefähr ein Gagosian", rechnet Kritiker Jerry Saltz vor. Es wird also weiter viel Kunst im Lager bleiben.
Viele Freunde hat sich das MoMA mit den neuen Plänen nicht gemacht. "Ein Museum mit dem Herzen eines Bulldozers" titelte die New York Times. Hier einige der zahlreichen Kritikerstimmen.

Michael Kimmelman, Architekturkritiker bei der New York Times:

"...der Ausbau, der zum geplanten Abriss führt, ist einfach nur mehr MoMA-Wahnsinn."

"Das MoMA ist mehr oder weniger wie andere Bauunternehmer in Midtown und wartet darauf, Grundstücke zu verschlingen, um mit seinem eigenen, funkelnden Glaspalast zu expandieren."

"Das MoMA ist jetzt verstopft und freudlos...Nicht, weil es ein Opfer seines eigenen Erfolges, sondern weil das Museum das Opfer seiner eigenen Philosophie ist."

Peter Schjeldahl, Kunstkritiker beim New Yorker:

"Das Modewort auf der Pressekonferenz für die Ausbaupläne war Transparenz, um die Definition von transparent als offen, frei und offenherzig heraufzubeschwören. Aber es bedeutete wirklich nur Glas. Viel Glas. Nicht, um zu sehen, sondern um hindurchzusehen."

"Die Popularität und relative Geringwertigkeit und raum- und kalenderfüllende Effizienz solcher Arbeiten (Installationen und Performance-Kunst) haben Museums-Administratoren dazu inspiriert, Kunst in eine Service-Industrie umzugestalten."

Justin Davidson, Architekturkritiker beim New York Magazine:

"Vielleicht wird es mehr Freude bereiten, die Picassos zu sehen, und der ganze Komplex wird sein kaltes Corporate-Gefühl verlieren. Aber bislang fühlt sich das Design nicht wie ein optimistischer Jubelruf, sondern wie ein trauervoller Chor der Kompromisse an."

Paul Goldberger, Architekturkritiker für Vanity Fair:

"Eine Stadt, die es gestattet, eine solche Arbeit (das Gebäude des Folk Art Museum) nach gerade einem Dutzend Jahren verschwinden zu lassen, ist eine Stadt mit einem defekten architektonischen Herz. Eine große Kulturinstitution, die keine geeignete Verwendung für ein solches Gebäude finden kann, ist eine Institution mit einer fehlerhaften architektonischen Vorstellungskraft."

"Das Gebäude von Williams und Tsien auf der 53rd Street – ein Straßenzug, der größer und größer erscheint, kommerzieller und weniger vielfältig – ist außerdem das letzte Relikt von etwas, das einem angemessenen Maßstab nahekommt. Das Folk Art Museum abzureißen mag als Maßnahme für das MoMA Sinn machen. Aber es lässt sich schwer erkennen, wie es aus New York einen besseren Ort machen wird.


Jerry Saltz, Kunstkritiker vom New York Magazine:

"Ich habe das beste Museum moderner Kunst meiner Generation gesehen und wie es vom Wahnsinn zerstört wurde."

"Die Treppenaufgänge und Event-Räume und offenen Boxen sollen anscheinend dem Revival der lebhaften Kunstformen dienen und zeigen mir, dass Diller Scofidio + Renfro keine Museumsdesigner sind. Sie sollten bei Touristenattraktionen und Event-Architektur bleiben. "

"...ich werde niemals diese unglaubliche Sammlung richtig ausgestellt sehen. Goodbye MoMA, ich habe Dich geliebt."

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