Radar - Jochen Wagner

Jochen Wagner über Marco Schuler

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Der Studienleiter der Evangelischen Akademie Tutzing und Kunstliebhaber Jochen Wagner, 51, über den deutschen Künstler Marco Schuler.
Radar: Marco Schuler:Jochen Wagner über seinen Lieblingskünstler

Marco Schuler: "Rubberhead", 2005, Scooterreifen, 53 x 30 x 34 cm

Als "Boxbeutel" (2006) betitelt Marco Schuler seinen gummierten Sandsack mit Frauenperücke und wirft ihn als Sprachspiel in den Ring. Sein Konstrukt "Vermesser" (2006) zeigt zwei kopflose Gesellen, von denen einer samt Klappstuhl auf dem Steiß des gebückten Anderen in einer angespannten Sitzhaltung steht. Zusammen bilden sie ein Janusgesicht.

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Strecken Teaser

Als "Doppelböcke" aus dem selben Jahr konzipierte Schuler zwei Rücken an Rücken sitzende menschähnliche Rümpfe mit großen Dosen statt Köpfen, die mit Arbeitshandschuhen an ihren Holzarmen einen Klotz und eine Scheibe aus Holz halten. Und seine zerschlitzten Scooterreifen, umgestülpt und zu gummierten Luftikussen verknotet, tragen Namen wie "Widderchen" (2002), "Nero", "Rubberhead" und "Proton" (alle 2005). In Schulers Werk begegnet man außerdem großmauligen, militant gespreizten "Kampfkirchen" (2007) aus Karton und Hammerschlaglack.

Allerweltsmaterialien wie Holz, Metall, Pappe, Plastik oder Gummi mimen vertraute Dinge bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Verquere, keine harmonischen Dinge steigern das Niedliche ins Monströse, zeigen im Zarten das Dämonische. Skulpturen, Gemälde und Selbstinszenierungen wie "Apache" (2003), "Turntabler" (2002), "Schuler gräbt" oder "Schuler zieht sich an" (jeweils 2000) verdinglichen das Menschliche und vermenschlichen die Dinge. Ein hellschwarzer Wachsguss ("Treffer", 2002) zeigt ein Antlitz, verkniffen, mit einem Loch in der Stirn. Haben es die Projektionen beim Austritt oder ein Projektil beim Eintritt ins Hirnstüberl hinterlassen?

Denk-Dinge und "real stuff"

Es sind Denk-Dinge, an denen Marco Schuler schuftet, schraubt, sägt, schweißt, lackiert, gießt, töpfert, malt, zeichnet, klebt und filmt. Sichtlich kraftraubend kommen die Materialien in Form. Da die Einfälle aus seinem Körper kommen, möchte er sie zu Körpern verwandeln. Erst mit dem allmählichen "Verfertigen" verkörpert sich die Idee. Auch körperlich etwas machen, griechisch "poiein", ist Poesie. Ob die mit dem Material fühlende Schinderei auch die Spaltung in geistige und körperliche Arbeit überwinden kann? Arbeit ist gleich Kraft mal Weg. Letzerer ist bis zum Aufscheinen der Idee im Sinnlichen oft weit. Sensation vor Reflexion – das klingt banal, doch Marco Schuler will in einer Medienwelt voll symbolischer Repräsentation mit seinen Assemblagen aus gescheiterter Materie einen "real stuff" beglaubigen. Doch haben nicht Dogma und Konsum alles Reale fest im Griff? Sowohl Religion als auch Ökonomie brauchen ja keine mitwirkende Kreativität. Sie fabrizieren fertige Wahrheiten und fertige Waren. Der Verbraucher soll sie gefälligst in Andacht und Gehorsam willig schlucken. Da sündigt bereits, wer noch Lust am Selbermachen verspürt. Was wollte ich, bevor ich musste? Was konnte ich, als ich noch durfte? Nur wenige machen damit im gegenwärtigen Hype Millionen. Museen, Mäzene, Sammler und Konzerne eifern um die Deutungshoheit der Kunst zwischen Preis, Sinn und Geheimnis. Unsummen konsekrieren Kunstwerke zu profitablen Hostien des Marktes. Mag ein mit Diamanten besetzter Totenkopf die Ikone des toten Kapitals sein, so ist es bei Marco Schuler der kristalline "Demon" (2007) aus gefrästem Hartschaum, mit Autolack versiegelt, der zur Perfectio erstarrt und zum Himmel schaut. Design statt Sein, das der Hedonismus global zertrümmert? Wieviel Kommerz verträgt die Kunst, wieviel Kunst der Kommerz?

Das spontane Über-sich-hinaus-wachsen

Wir sind voll erstarrter Unruhe wie der "Rouler" (2007), eine Holzfigur mit Rädern in Händen und Füßen. Machen wir und sehnen uns dennoch nach einem Nicht-von-uns-gemachten? Auch Marco Schuler zerstört manch Geschaffenes wieder, nicht um der Trümmer, sondern um des neuen Freiraums willen. Nur viel Chaos kann einen Stern gebären. Man muss den Karneval zitieren, jenen Ausnahmezustand, der das Oberste zu unterst kehrt, Knechte zu Herren macht, das "carne vale", das fliehende Fleisch mit dem Himmelswagen, dem "carrus navalis", in Fahrt bringt. Er liebt das Sprunghafte, den "jump", das spontane Über-sich-hinaus-wachsen. Authentisch sein, authentes (griechisch = mit eigener Hand) tun, das Jetzt packen, maintenant (französisch = mit den Händen ziehen) – wer will das nicht. Fern postmoderner, gleichgültiger Vielfalt sucht auch sein Körper seinen "Gegen-Stand", wie etwa im "Totentanz" (2004). Er ist schon ein komischer Gläubiger. Technik versus Humanum: Das dominiert – bis zum Blick nach drunten: "Gulli" (2005). Einzig die äußere Natur mag man bei ihm vermissen. Aber was zeugt treffender von ihr? Übertrieben dafür die innere Natur. Als sollten die Triebe ein Gegenmodell zum "ich denke" sein, zu diesem "ich verwirkliche mich" nach Konto, Dax, Tacho, Waage, Terminkalender, Fernsehprogramm und Horoskop. Nein: Wo ist ein Loch im Zaun? Eine Heterotopie, ein Zeit-Raum, ein Spiel-Raum?

Einspruch gegen das Fix-und-fertige

Er kippt seine Vexierbilder so lange hin und her, bis im Entstellten etwas Unentstelltes, im Allerhöchsten unsere Zerstörlichkeit sich spiegelt. Stets ist das Handwerkliche sein Einspruch gegen das Fix-und-fertige. Und wenn er Rot und Schwarz ins Spiel bringt, etwa in der erotischen Mortifikation "Testarossa" (2006) aus Holz und Lack im Plexiglasschrein, dann scheint mit "rouge et noir" der Künstler dem "homo ludens" näher als dem "homo faber" oder "homo sapiens". Entweder oder! Kein Ikarus ohne Crash, keine Kunst ohne Blessuren, keine schöpferische Verausgabung ohne körperliche Erschöpfung. Es gilt das Bild, besser: die Gestalt vom ich, die wir hegen, aus Codes, aus Zahl, Bild, Buchstabe, Paragraphen, DNS und Bytes, all dem logozentrischen Stückwerk zusammenpuzzeln: computare. Marco Schuler ist in Bewegung.

Biographie: 1972 geboren in Bühl; 1993 Studium der Philosophie in Freiburg; 1994 der Bildhauerei in München; 1998 Meisterschüler bei Professor Olaf Metzel; 2000 Projektstipendium der Erwin-und-Gisela-Steiner-Stiftung, München; 2002 DAAD-Projektstipendium in Los Angeles; Gewinner diverser Förder- und Kunstpreise für Bildende Kunst. Marco Schuler lebt und arbeitet in München.

Marco Schuler: "Roadrunner"

Termin: bis 1. März 2009 in der Städtischen Galerie Reutlingen, Eberhardstraße 14, Reutlingen. Nächste Ausstellungen: März 2009 Häusler Contemporary Zürich, April 2009 Städtische Galerie Bühl, mit Galerie Nikolaus Bischoff zur Messe nach Berlin und Bewerber auf der "Liste 9" in Basel.
http://www.reutlingen.de/ceasy/modules/cms/main.php5?cPageId=1221&view=publish&item=article&id=564