Bilanz 2007 - Kritikerumfrage

Bilanz 2007: Ja zur Wunderkammer

Wir haben wichtigen Kunstkritikern diese drei Fragen gestellt: 1. Welche Ausstellung des Jahres 2007 war für Sie die wichtigste und warum? 2. Welche Ausstellung des Jahres hat Sie am meisten enttäuscht oder geärgert und warum? 3. Welche Künstlerin bzw. welcher Künstler, deren/dessen Werk Sie 2007 erstmals begegnet sind, hat Sie am meisten interessiert?

Hanno Rauterberg, "Die Zeit", Hamburg

1. Was von dieser Documenta 12 bleibt, ist Verblüffung: Wie konnte es einer so heiteren, eigensinnigen, auch neugierigen Ausstellung gelingen, den Feuerzorn vieler Kritiker auf sich zu ziehen? Allein das spricht für die D12: dass es ihr gelang, die von den eigenen Erfolgen sedierte Kunstszene aufzumischen. Der Streit war gewaltig, der Zustrom des Publikum ebenfalls – und selbes wird gewiss für den Nachruhm gelten.

2. Nichts dagegen, dass manche Galerien neuerdings wie Museen auftreten, etwa Contemporary Fine Arts (CFA) aus Berlin. Warum aber müssen Museen wie Galerien daherkommen? So geschehen in der Hamburger Kunsthalle, die dem CFA-Künstler Daniel Richter gleich zwei Stockwerke überließ und auch im Katalog auf tiefere Analyse und Wertung verzichtete – der Künstler als König, das Museum sein Lakai.

3. Seit es Künstler gibt, erzählen sie von Tod und Sterben, auch Yang Zhenzhong tut dies auf eine ungewohnt eindringliche, nicht zudringliche Weise – indem er Menschen aus aller Welt dabei filmt, wie sie eine Wahrheit aussprechen, von der alle wissen und doch am liebsten nichts wüssten: "I will die."

Matthias Dusini, "Falter", Wien

1. Undogmatisch, gelehrt und verspielt, stellte die von Helmut Draxler in der Wiener Secession kuratierte Ausstellung "Shandyismus – Autorschaft als Genre" unter Beweis, wie eine kuratorische Arbeit jenseits von wissenschaftlicher Pingeligkeit und populistischer Plattitüde aussehen kann.

2. Die Schau "Gartenlust – der Garten in der Kunst" des Wiener Belvedere durchforstete die Kunstgeschichte nach Kraut und Rüben und gewährte Einblick in die Praxis kommerzieller Museumsausstellungen, die kuratorische Sorgfalt durch Google-Recherchen ersetzt.

3. Der Wiener Künstler Stefan Sandner schafft mit seinen auf Leinwand gemalten Vergrößerungen handschriftlicher Notizen und Kritzeleien suggestive Fakes von Authentizität, die die Grenze zwischen konzeptuellem Ready-Made und expressiver Malerei verwischen.

Pilippe Dagen, "Le Monde", Paris

1. Ganz ohne Zögern die Retrospektive von Annette Messager im Centre Pompidou. In einer überragenden Inszenierung spaziert der Besucher durch ein Labyrinth der Überraschungen, vom Burlesken ins Tragische und vom Sexuellen ins Poetische. Messager etabliert sich damit endgültig als eine Vertreterin der Sonderklasse unter jenen, die eigene Biografie und persönliche – und gleichzeitig universelle – Chronik zu ihrem Arbeitsmaterial machen.

2. Die neunte Lyon-Biennale, die langatmig, konfus, ohne jeglichen Zusammenhalt und ohne klare Haltung in durcheinander gewürfelte kleine Einzelstände meist mittelmäßiger Qualität zerfällt. Wo man von einer Veranstaltung dieses Niveaus doch kohärente Vorschläge und gezielte Auswahl erwarten sollte, wie sie etwa die diesjährige Biennale in Venedig bot. Die Verweigerung einer Auswahl wurde in Lyon auf den Gipfel getrieben: schnell gemacht, schnell angeschaut und noch schneller wieder vergesssen.

3. Agathe May hat bis heute sehr wenig ausgestellt. Ihre Arbeit entzieht sich jeder Aktualität: Sie arbeitet mit Grafik, jeder Abzug ist handcoloriert. In befremdlichen Kompositionen liefern ihre Bilder eine dezidierte Chronik des täglichen Lebens, meist in Porträts heranwachsender Mädchen, die sie durch formale Konzentration aufs Wesentliche in Embleme unserer heutigen Welt verwandelt. Ihre Arbeit ist stimmig und von formaler Meisterschaft.

Richard Cork, "Financial Times" und "The Guardian", London

1. Die originellste und überraschendste Ausstellung fand im Lismore Castle in Irland statt. William Burlington und seine Frau Laura arbeiteten mit der Sammlerfamilie Rubell aus Miami zusammen, um eine wunderbar unvorhersehbare, herausfordende Sommerschau mit dem Titel "Titled/Untitled" zu organisieren. Die Rubells besuchten Lismore und wählten Porträts aus dem historischen Besitz der Devonshire-Collection aus. Die Burlingtons wiederum reisten nach Miami und brachten von der Sammlung der Rubells ein Dutzend Film- und Videoarbeiten internationaler Künstler mit.

2. Die "Rock ’n’ Roll 39-59"-Schau in der Fondation Cartier in Paris war eine enttäuschend flaue Angelegenheit. Der exzellente Katalog hatte eine größere Wirkung als die meisten Ausstellungsstücke.

3. Rosalind Nashashibi und Lucy Skaer, die den wunderbar eindringlichen Film "Flash in the Metropolitan" im Spike Island-Centre in Bristol zeigten. Sie haben sich bei Nacht in New Yorks Metropolitan Museum gestohlen. Mit einer flackernden Taschenlampe und von Wärtern unbehelligt scheinen sie frei durch das Gebäude zu wandern: Wir werden konfrontiert mit überraschenden Blicken auf Skulpturen aus verschiedensten Epochen und Zivilisationen.

Barbara Basting, "Tages-Anzeiger", Zürich

1. Alfredo Jaar, Retrospektive im Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne. In einem Kunstjahr, in dem so vieles in der Breite verlief, war diese Retrospektive eine wohltuend konzentrierte Tiefenbohrung, die eindringlich die hochbrisante Auseinandersetzung des chilenischen Künstlers mit Bildern und ihren politischen Hintergründen seit 1979 zeigte.

2. Robert Gober, Retrospektive im Schaulager in Basel. Aus Gruppenausstellungen hat man Robert Gober als Lieferanten eigenwilliger spätsurrealistischer Aperçus in Erinnerung, doch in der Häufung einer Retrospektive zeigt sich, wie begrenzt sein Kosmos aus Waschbecken-, Abfluss- und Männerbein Variationen ist.

3. Christoph Wachter/Mathias Jud, im Internet und beim Basler Festival der elektronischen Künste „Shift“ 2007. Die beiden Medienkünstler haben mit ihrem Projekt www.picidae.net ein Instrument geschaffen, mit dem sich die Internetzensur in Ländern wie China umschiffen lässt – eine zeitgemäße Adaptation des vielzitierten Klee-Diktums, wonach Kunst nicht das Sichtbare wiedergibt, sondern sichtbar macht.

Holger Liebs, "Süddeutsche Zeitung", München

1. Fontana vor aufgeschlitzter Wand, Walflosse vor üppigem Brokat, mittelalterliche "Tödtlein" neben seltenen Korallen – die Ausstellung "Artempo" im venezianischen Palazzo des Malers, Bühnenbildners und Modedesigners Mariano Fortuny (1871 bis 1949) war das Schauwunder des Jahres – und ein konservatives Wunderkammer-Gegengift zur White-Cube-Harmlosigkeit der Biennale-Zeitgenossen.

2. Die Documenta 12 – statt des internationalen Theorieslangs wieder die Formen selbst sprechen zu lassen, war ein lohnenswerter Ansatz, der aber in biederer Gelehrsamkeit, beliebig gewählten Ähnlichkeiten und in einer zu großen Baumarkt-Halle verpuffte.

3. Jenseits großformatiger Altmeister und endloser Bildstrecken aus Krisengebieten gab es in Venedig eine politisch-dokumentarische Kunst, die fiktive Räume öffnete, ja sich fast wie ein auf die Wand gepinnter Kinofilm las: Die Jordanierin Emily Jacir erzählte die Geschichte des Al-Fatah-Mitglieds und Intellektuellen Wael Zuaiter, der versehentlich für einen der Attentäter der Münchner Olympischen Spiele 1972 gehalten und vom Mossad ermordet wurde – Jacir wurde dafür zu Recht als beste Nachwuchskünstlerin der Biennale ausgezeichnet.

Ulrike Knöfel, "Der Spiegel", Hamburg

1. Die exzentrische Documenta 12 – die in der sonst so abgeklärten Kunstwelt heftige Diskussionen darüber ausgelöst hat, was eine Ausstellung darf und was nicht. Auch: Cranach in Frankfurt am Main.

2. Die sehr laue Biennale in Venedig – auf der weder die Länderpavillons (eine der Ausnahmen: siehe Antwort 3) noch die Überblicksausstellungen überhaupt nur Anlass zu Diskussionen geboten haben.

3. Der aus Dublin stammende Fotograf und Filmer Gerard Byrne hat schon früher, aber doch vor allem in diesem Jahr unter Beweis gestellt, wie irritierend und auch unterhaltsam er sich quer durch Zeit- und Zeitgeistschichten bewegen kann. Ansonsten fallen immer wieder ehemalige Städelschüler auf, etwa Mandla Reuter oder Nora Schultz.

Tim Sommer, "art – Das Kunstmagazin", Hamburg

1. Die große Retrospektive von Georg Baselitz in der Londoner Royal Academy of Arts: Wem jemals Zweifel an der Tauglichkeit der Malerei als Mittel der Erkenntnis kamen, hier wurden sie ausgeräumt. Die glänzend ausgewählte und gehängte Schau zeigt, wie der junge, zornige Baselitz durch das lebenslange Ringen mit der deutschen Geschichte zart und weise wird.

2. Gemessen an den eigenen hochfliegenden Versprechungen ist die Documenta 12 gründlich gescheitert: Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? Was tun? Traurig wenig wurde zur Klärung dieser eigentlich brisanten Leitfragen beigetragen. Statt dessen gab es viel mittelmäßige Kunst zu sehen – und die noch schlecht vermittelt und im Auepavillon auch einfallslos arrangiert.

3. Die junge Bildhauerin Monika Sosnowska ist schon seit einigen Jahren präsent, ihr polnischer Beitrag für die Venedig-Biennale aber war ein Meisterwerk: das Stahlskelett eines modernen Baus auf die Maßes des alten Pavillons gestaucht – eine kluge Reflexion über Architektur und eine fantastische formale Lösung.

Niklas Maak, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", Frankfurt

1. "Artempo" im Palazzo Fortuny in Venedig. Eine Ausstellung, die nicht nur fantastische, klug einander zugeordnete Kunstwerke von der Antike bis zur Gegenwart zeigte, sondern am Beispiel von historischen und modernen Körperbildern präzise vorführte, was die "Migration der Formen" bedeuten könnte, von der auf der Documenta 12 immer nur die Rede war.

2. All die mit so wenig überzeugender Kunst angefüllten Großausstellungen des so genannten "Kunstsommers 2007" – vor allem aber die Kunst-Biennale in Venedig. Die Kunst wurde – im Gegensatz zu früheren Biennale-Projekten wie der "Utopia Station" von 2003 – sehr konventionell, fast museal präsentiert, als sei sie schon Teil der Vergangenheit, und vieles sah so unentschlossen aus, als hätten die Künstler nach zahllosen Messe- und Ausstellungsauftritten entkräftet ihre letzten herumliegenden Ideen zusammengefegt und in die Giardini gebracht. Das übergroße Interesse an neuer Kunst erzeugt offenbar einen Druck auf ihre Produzenten und Kuratoren, der den Werken nicht immer bekommt.

3. Miranda July. Die 1974 geborene kalifornische Künstlerin begann ihre Karriere mit vielversprechenden kleinen Videoarbeiten. Dann ging sie nach Hollywood und drehte dort einen Film, der "Me and you and everyone we know" heißt, von einer erfolglosen jungen Videokünstlerin handelt und gleich eine Goldene Kamera in Cannes gewann. Und als man schon dachte, July wäre unter die Filmemacher gegangen, schrieb sie im vergangenen Jahr den zu Recht gefeierten Erzählungsband "No one belongs here more than you". Die meisten Künstler reflektieren die unterschiedlichsten Themen in einem Medium. Miranda July macht es umgekehrt: Sie variiert wenige Themen immer neu in Videoarbeiten, Literatur und Film – und wie gut ihr das gelingt, ist die eigentliche Überraschung.