Street Art - Osnabrück

Riks Streichelzoo

Jahrelang wurde der Kurator und Sammler Rik Reinking für die Musealisierung von Street Art getadelt. In seiner neuesten Ausstellung "Fresh air smells funny" bespielt er nun sogar eine ehemalige Kirche. Die große Überraschung: Es funktioniert. Einblicke in eine radikale Ausstellung, die spannend und überraschend bis in den letzten Kirchenwinkel ist.
"Der Raum wird erobert – und basta":Überraschend radikale Street-Art-Ausstellung

Brad Downey, "Traffic Jam", 2008: "Da geht es brachial an den musealen Raum", sagt der künstlerische Leiter André Lindhorst. "Der wird erobert – und basta."

"Nenn mir eine andere Kunstform, die so kraftvoll ist, so voller Leidenschaft! Kennst du andere Künstler, die für ihre Kunst ihr Leben riskieren würden?" D*Face, Dreitagebart, Holzfällerhemd und eine Zipfelmütze, die bei jedem Wort energisch nachwippt, redet schnell.

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Strecken Teaser

Seine Sätze knallen wie Sektkorken. "Wir klettern auf Hauswände. Wir zeigen unsere Kunst kostenlos – für alle. Museen und Galerien wollten uns nicht, aber wir haben gekämpft! Ich wollte meine Arbeiten zeigen – und ich wollte dafür geliebt oder gehasst werden."

Wahrscheinlich liegt es an dem Ort, dass man plötzlich an eine Predigt denken muss: Der britische Künstler steht in der Osnabrücker Dominikanerkirche, hinter ihm sein mit goldenen Logos besprühtes Leinwandkreuz ("This is your religion", 2008), in bester Mephisto-Manier auf dem Kopf hängend. Rik Reinking, Deutschlands Hohepriester der
Street-Art-Kultur, hat für seine neuste Ausstellung "Fresh air smells funny" wieder vierzehn Apostel versammelt – und zelebriert diese genüsslich in der Kunsthalle Dominikanerkirche in Osnabrück.

"Im Winter ist es auf der Straße eh kalt, deshalb bietet ihnen die Kunsthalle im Winter ein Quartier an!", sagt André Lindhorst und lacht. Lindhorst, der künstlerische Leiter der Kunsthalle, hat dicke Augenringe und trägt zu seinen grauen Schläfen einen grauschwarz gestreiften Anzug, eine knallrote G-Shock und spricht von "Tristesse des Alltags", Opposition, Bob Dylan und Jugendkultur. "Ich habe natürlich nicht gedacht: Jetzt hole ich mir die wilden Jungs, aber es darf nicht zu wild sein. Es gibt keinerlei Zensur! Das wäre ja so, als ob die Rolling Stones da wären, aber nicht singen dürften." Und ergänzt, um noch einmal ganz deutlich zu machen, dass es um nichts Geringeres als die Revolution geht: "Ich habe schon das Gefühl, dass hier ein paar Bomben herumlaufen. Die haben ihre Sprengkraft nicht verloren. Wenn sie wollen, dann zünden sie auch. Und dann zünden sie richtig!" Ungewohnt rabiate Rhetorik für die selbst ernannte "Friedensstadt Osnabrück".

Manche Arbeiten leiden dann leider auch an einer Ladehemmung. "Meine Skulpturen funktionieren im Museum nicht auf die gleiche Weise. Es ist als würde man einen Feuerwerkskörper ins Wasser stecken und ihm sagen: Explodiere!", sagt Mark Jenkins. Der US-Künstler bespielt die Dominikanerkirche mit seinen lebensechten Skulpturen aus Klebeband – Beine ragen aus einem grauen Müllsack und eine am Boden liegende Frau kauert vor einem Hundetrog ("Embed", 2008). "Meine Kunst würde am besten funktionieren, wenn niemand meine Arbeiten kennen würde. Wenn ich keine Webseite hätte und keine Interviews geben würde. Hier sind wir wie Löwen im Zoo."

Die Outlaws und Underdogs der Kunstgeschichte

In Osnabrück gibt es eine Nummer gegen Graffiti-Kummer. "Ghostbusters" nennen die einheimischen Sprayer diese Anti-Graffitieinheit. Ein Anruf genügt, und sofort werden alle Spuren beseitigt. In diesem Zusammenhang sollte man die Musealisierung von Street Art auch sehen: Die Kunst braucht ein geschützes Terrain. Denn die natürlichen Feinde in freier Wildbahn sind groß. Und deshalb fühlen sich die Löwen in Riks Streichelzoo auch ganz wohl. Er ist ihr Thomas Dörflein, der sie pflegt, päppelt – und füttert. Noch immer gehören Street Artists zu den Outlaws und Underdogs der Kunstgeschichte. Dabei sind diese jungen Künstler die gelebte Radikalität. Sie fürchten weder Polizei, noch Unfälle, aufgrund halsbrecherischer Aktionen, sie bereisen die ganze Welt und arbeiten illegal im Stadtraum, um ihre Botschaft zu verkünden. Und diese Kraft und Energie, diese Lust und Leidenschaft merkt man den Werken dieser jungen Wilden an.

Und dabei sind die beteiligten Künstler Daim, Daniel Man, Brad Downey, Zevs, Boxi, Puis Portmann, Hera, D*Face, Swoon, Mark Jenkins, Tilt, Os Gemeos, Herbert Baglione und Zezao gar nicht mehr so jung. Fast alles sind Mitte
30, fast alle haben, ganz klassisch, eine Kunsthochschule besucht. So auch Daniel Man, 38. Er fing 1984 mit dem Sprayen an und darf sich stolz zur ersten deutschen Graffitigeneration zählen. "Irgendwann hat mir das nicht
mehr gerreicht", erzählt Man. "Ich habe immer das gesucht, was mich weiterbringt, auf der Suche nach mir selbst. In der Szene fand ich das nicht, deshalb bin ich auf die Kunsthochschule gegangen." Und dort studierte er gleich bei zwei ehemaligen jungen Wilden: Walter Dahn und Markus Oehlen. "An der Kunsthochschule bin ich zuerst schon schräg angeschaut worden. Ich war eben der Typ der Trucks anmalte. Aber Walter Dahn meinte zu mir: Wenn du dir deinen Graffiti-Style abgewöhnt hast, kannst du wieder neu anfangen. Und so habe ich meine Freiheiten neu entdeckt."

Oder der gebürtige Engländer Boxi, der bereits seit acht Jahren in Berlin lebt. Auch er studierte Malerei, kam dann nach Berlin, benannte sich nach dem Boxhagenerplatz und fing an, seine Zeichnungen auf Wände zu malen. Heute ist er einer der größten Street-Art-Viruosen. Seine düsteren, detailverliebten Zeichnungen in Osnabrück zeigen Arbeiter, die Wände von Graffiti-Resten säubern ("The Cleaner", 2007) oder einen mysteriös wirkenden, maskierten Mann im Schutzanzug, der einen Zettel in der Hand hält ("The List", 2008). Drei Meter weiter hängt die Auflösung: Eine kleine Leinwand, die nur den Zettel zeigt. Dieser entpuppt sich als simple Einkaufsliste ("Tea, Milk, Apple Juice, Toiletpaper") und demontiert ironisch den ersten Eindruck.

Und der US-Künstler Brad Downey bringt mit seiner Installation "Traffic Jam" die Idee dieser überraschend gelungenen Ausstellung auf den Punkt: Er verstopfte mit Straßenschildern, verrosteten Stangen, Mülleimern und Absperrgittern ein komplettes Osnabrücker Kirchenfenster. "Da geht es brachial an den musealen Raum", sagt André Lindhorst begeistert. "Der wird erobert – und basta."

"Fresh air smells funny"

Termin: Kunsthalle Dominikanerkirche, Osnabrück, bis 30. März. Katalog: erscheint im Februar beim Kehrer Verlag.
http://www.osnabrueck.de/27882.asp

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