Gerhard Richter und Anselm Kiefer - Kunstdokus

Mäuschen spielen

In zwei neuen Dokumentarfilmen dürfen wir Gerhard Richter und Anselm Kiefer bei der Arbeit zusehen. Beide tragen beim Malen ähnlich dick auf, könnten ansonsten aber kaum verschiedener erscheinen.

In einem berühmten Künstlerfilm von 1956 sitzt Pablo Picasso mit freiem Oberkörper vor einer halbtransparenten Leinwand und lässt sich beim Malen filmen. Der Blick über seine Schulter zeigt ihn als Künstler, dessen Gemälde und Zeichnungen mit schlafwandlerischer Sicherheit buchstäblich im Handumdrehen entstehen.

Die ihm gegenüber aufgestellte Kamera überhöht diesen Eindruck noch, weil sich aus ihrer Perspektive der Pinsel wie von Geisterhand geführt über die Leinwand bewegt. Mit diesem Trick versuchte der französische Regisseur Georges Clouzot, dem Geheimnis des schöpferischen Malakts auf die Spur zu kommen, und wenn man auch sagen muss, dass er dieses eher noch vergrößert, so wurde "Le mystère Picasso" doch stilbildend für die Sehnsucht, im Atelier großer Maler Mäuschen spielen zu dürfen. Genau dieses Privileg vermitteln nun auch zwei Dokumentarfilme, die im Abstand weniger Wochen in die deutschen Kinos kommen. Den Anfang macht am 8. September "Gerhard Richter Painting" von Corinna Belz, am 27. Oktober folgt Sophie Fiennes mit "Over Your Cities Grass Will Grow", einem zuerst auf den Filmfestspielen von Cannes gezeigten Film über Anselm Kiefer. Dieses Zusammentreffen ist nicht allein deswegen reizvoll, weil es die Arbeit von zwei der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstlern beleuchtet, sondern auch, weil sich dabei aufschlussreiche Gegensätze zeigen. Obwohl beide beim Malen ähnlich dick auftragen, könnten sie ansonsten kaum unterschiedlicher erscheinen.

"Malen ist eine heimliche Angelegenheit", sagt Gerhard Richter in "Gerhard Richter Painting", womit er das Paradox des Films sehr schön zusammenfasst und zugleich die Überredungskunst von Corinna Belz ins rechte Licht rückt. Seit Jahren gibt Richter keine Interviews mehr, und nun lässt er Belz und ihre Kameraleute gleich über mehrere Monate in sein Atelier. Gelegentlich glimmt ein deutlicher Unwille auf, etwa, als er sich beklagt, er würde anders gehen, wenn ihn jemand beobachte, und er sich beim Malen wie in der Kindheit ertappt fühlt. Insgesamt wird aber schnell deutlich, warum es sich auf das Abenteuer eingelassen hat: Im Atelier spricht die Arbeit für das Werk, und der suchende Künstler kann dazu (meistens) schweigen.

Während der Dreharbeiten malt Richter an mehreren Serien abstrakter Bilder, wie sie vor drei Jahren im Kölner Museum Ludwig gezeigt wurden. Zunächst trägt er mit breitem Pinsel mehrere kräftige Farben auf und zieht dann den Rakel, einen bis zu zwei Meter langen "Spachtel", über die Leinwand. Dadurch entstehen die charakteristischen Wischeffekte, die Richter jedes Mal mit kritischem Auge mustert, bevor er erneut zum Pinsel greift und die Prozedur von vorn beginnt. Im Vorfeld der Kölner Ausstellung sagte Richter dazu, dass er sich dem Zufall überlasse, um ihn gestalten zu können, wobei „gestalten“ in diesem Fall nicht zuletzt heißt, irgendwann aufzuhören und das Bild für vollendet zu erklären. Nach den Kriterien eines fertigen Gemäldes gefragt, antwortete Richter damals entwaffnend unprätentiös: "Wenn es schön aussieht." Im Grunde steht Richter beinahe naiv vor seinen abstrakten Werken: gespannt darauf, was das Bild in ihm zum Klingen bringt. Und wenn es gut ist, braucht man auch keine Worte mehr.

Gerhard Richter überließ das Spinti- und Theoretisieren schon immer gerne anderen. Zum Beispiel seinem Malerkollegen Anselm Kiefer, den die britische Dokumentarfilmerin Sophie Fiennes ("The Pervert‘s Guide to Cinema") in seiner französischen Wahlheimat Barjac besucht. Hier baut Kiefer eine stillgelegte Seidenfabrik zu einem Themenpark um, dessen Anmutung beschreibt der Filmtitel "Over Your Cities Grass Will Grow" - Gras wird über euren Städten wachsen, ein kurzes Zitat aus dem Buch Jesaja im Alten Testament.

In den ersten 15 Minuten des Films fährt die Kamera durch kunstvoll hergerichtete Katakomben, die Kiefer mit schwerem Gerät auf seinem 35 Hektar großen Grundstück ausheben ließ, um dann durch Lichtkanäle in oberirdische Museumsräume mit Kiefers großformatigen Gemälden aufzusteigen. Es ist ein düsteres, geradezu apokalyptisches Reich, das Kiefer im Gespräch mit einem Kunsthistoriker raunend und ungemein gelehrt erläutert – freilich ohne damit mehr zu erklären als etwa die György Ligeti-Stücke, mit denen Fiennes die Kamerafahrten unterlegt.

Sprechender sind die Blicke ins Atelier: Kiefer deckt einige auf dem Boden liegende Gemälde mit Asche zu und bringt sie mit einem Karabiner zum "Trocknen" in die Senkrechte. Später wird eines von Kiefers schwergewichtigen Büchern an Kränen herbeigeschafft und mit der Ödlandschaft verschraubt. Man fühlt sich in eine industrielle Werkhalle versetzt, in der aus Kunstwollen und handwerklichem Pathos ein Urmythos entsteht. Fiennes zieht sich dabei ganz hinter die Kamera zurück und fängt Kiefers Enthusiasmus als irdischer "Weltenschöpfer" überzeugend ein. In der Freude am Machen sind sich Kiefer und Richter dann doch wieder ganz nah.

Im Kino

"Gerhard Richter Painting"
ab 8. September 2011

"Over Your Cities Grass Will Grow"
ab 27. Oktober 2011