Manifesta 7 - Trentino-Südtirol

Jenseits von Tiroler Speck und Alpenglühen

Die Manifesta 7 sucht in der Region Trentino-Südtirol nach neuen Perspektiven für das alte Europa – auch mit einem Kuratorenteam aus Indien, das Schauplätze abseits von Klischees und Postkartenidylle bespielt.
Kein Tiroler Speck:Biennale für Gegenwartskunst in Südtirol

Eröffnungstag in der ehemaligen Tabakfabrik in Rovereto, die zur Manifesta 7 bespielt wird.

Ans Almwandern haben die drei Inder bei Südtirol überhaupt nicht gedacht. Von komplizierten politischen Grenzen hatten die Künstler des "Raqs Media Collective" gehört, als sie den Auftrag erhielten, einen Teil der Manifesta 7 in Südtirol zu kuratieren. Die italienische Autonomenszene war ihnen bekannt, und die Bücher Reinhold Messners hatten sie gelesen, des Himalaja-Bezwingers "den in Indien natürlich jeder kennt". Bauernstuben und Hofburgen aber, Tiroler Speck, Knödel, Wein oder Äpfel – diese "Klischeevorstellungen, die sich ein Europäer vielleicht von Südtirol macht", hatten Monica Narula, Jeebesh Bagchi und Shuddhabrata Sengupta überhaupt nicht im Kopf.

Seit sie zum ersten Mal nach Bozen kamen, haben sie nicht einmal die weltberühmte Eismumie, den Ötzi, gesehen. Und wenn sie an die Berge denken, dann verbinden sie das nicht mit Erholung und Alpenglühen, sondern vor allem mit Arbeit. Und die hat sie zu lokalen Sehenswürdigkei-ten fern aller Idyllen geführt: ins tiefste Bozener Industriegebiet hinein, wo sie eine stillgelegte Aluminiumfabrik, das "Ex-Alumix", nutzen. Und in eine rund 50 Kilometer nördlich von Bozen gleich neben der Autobahn gelegene, ungemütliche Festung aus der Zeit nach den Napoleonischen Kriegen, einst Verteidigungsfort, Pulverlager, Raubgüterdepot und militärisches Sperrgebiet, das nun der Öffentlichkeit erstmals zugänglich gemacht wird – die so genannte "Franzensfeste".

Neben Festung und Fabrik bespielt die Manifesta in diesem Sommer drei weitere brach liegende Zweckbauten in Südtirol und im Trentino: eine ehemalige Kakaofabrik und eine Tabakmanufaktur in Rovereto sowie eine ausgediente Postzentrale in Trient. Drei Kuratorenteams – "Raqs Media Collective", der polnische Kurator Adam Budak und seine Mitarbeiter sowie das deutsch-israelische Duo Anselm Franke und Hila Peleg – wurden ausgewählt, Perspektiven in den Blick zu rücken, die den meisten Bergtouristen bislang ebenso entgangen sein dürften wie den Millionen Autofahrern, die jährlich auf der Brennerautobahn durch Norditalien donnern. "Man fährt in die Ferien aber sieht nicht, was in den Zwischenräumen passiert", sagt Hedwig Fijen, Präsidentin der "Europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst", die alle zwei Jahre an einem anderen europäischen Ort stattfindet. "Und das ist vielleicht die Hauptaufgabe der Manifesta: zu zeigen, dass es an einem Ort etwas anderes gibt als das Klischee, das man im Kopf hat."

"Was passiert mit dem Staub? Wem gehört er?"

Einen "politischen Verdrängungsraum" nennt denn auch der gebürtige Südtiroler Manifesta-Teilnehmer Walter Niedermayr das alte Aluminiumwerk, für dessen kulturelle Nutzung er sich jahrelang vor Ort eingesetzt hatte. Denn das Stück Bozener Industrie-brache steht für ein sensibles Kapitel in der Geschichte der Region: Mussolini hatte es 1936 bauen lassen, um Norditalien zu industrialisieren. Vor allem aber sollte das deutschsprachige Südtirol, das als Folge des Ersten Weltkriegs an Italien gefallen war, im selben Zuge italienisiert werden: Arbeit suchende Süditaliener siedelten in Scharen in die traditionell eher dünn bevölkerte Bergregion um. Erst 2004 konnte man sich darauf einigen, das Ex-Alumix als Denkmal zu schützen.

Als engagierte Beschützer noch der marginalsten baulichen Details traten hingegen die drei indischen Kuratoren auf, für deren Ausstellung das Ex-Alumix grundsaniert wurde: Wäre es nach ihnen gegangen, hätte man den Bau in seinem ruinösen Zustand gänzlich unangetastet gelassen. Unter dem ersten Anstrich verschwundene Wandmarkierungen wuschen sie gleich wieder frei – "Wir wollen hier schließlich keinen White Cube!" Sie ließen Schienen freilegen und Schächte verglasen, in morschen Schränken stellen sie in der Fabrik gefundene Elektrizitätspläne aus. Jorge Otero-Pailos, Konservator und Archäologe aus New York, wurde eingeladen, von einer verwitterten Gebäudewand großflächig Latexabdrücke abzunehmen. "Was bleibt übrig, wenn man alles aufgeräumt hat?" fragen Raqs. "Was passiert mit dem Staub? Wem gehört er? Wer denkt darüber nach?". Ein ganzer Essay soll sich im Begleitbuch einer "Ethik des Staubs" widmen.

Respekt für Abfälle aller Art

Der "Respekt für die Überreste" ist den drei Künstlerkuratoren gemeinsames Programm, seit sie sich 1992 in Neu-Delhi zusammengeschlossen haben: Sie heben scheinbar Nebensächliches, Ausgeblendetes, leichtfertig Weggeworfenes hervor, Abfälle aller Art, wie sie bei Wertschöpfungen – der offiziellen Geschichtsschreibung, der kanonisierten Kunstgeschichte – anfallen. In Bozen werden Grenzgänger wie der italienische Comic- und T-Shirt-Zeichner Gianluca Lerici (alias Professor Bad Trip) gewürdigt, dem Raqs eine Mini-Retrospektive ausrichten. Neil Cummings und Marysia Lewandowska zeigen Amateurfilme, die polnische Arbeiter in ihrer Freizeit gedreht haben. Die Künstlerfirma "ETOY" wird in digitalen Urnen ("Mission Eternity") Gespräche mit Manifesta-Besuchern bewahren. Der junge Bozener Soundkünstler Stefano Bernardi spielt im Ex-Alumix aufgezeichnete Klänge ab.

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Das Manifesta7-Kuratorenteam des "Raqs Media Collective": Monica Narula, Jeebesh Bagchi, und Shuddhabrata Sengupta (von links) auf dem Waltherplatz in Bozen

"Es ist die teuerste Manifesta, die es je gegeben hat!"

Tanzperformances der Choreografin Meg Stuart rücken der Öffentlichkeit unzugängliche Stockwerke in den Blick. Und der Bozener Kurator Denis Isaia wird auf einem großen Tisch rund 100 Tage lang Denkwürdiges aus der Region vorstellen. Eine Baumschu­le und ein Sterbebildchen-Sammler bekommen hier ebenso ihren Auf­tritt wie ein Elektriker, der seine Donnermessexperimente präsentiert. Auch der Klangkünstler Hannes Hölzl hat für die Manifesta feinste akustische Schwingungen analysiert: Seine Aufgabe war es, die "gegebene Akustik der Franzensfeste in einer kreativen Art auszunützen". Hölzl hat die Effekte der Gewölbe ("wie Hohlspiegel"), Schießscharten ("wie Hörner") und Außenmauern ("wie in den Dolomiten oben") bis ins Letzte studiert, um sie für eine Präsentation nutzbar zu machen, in der das Gedan­kenspiel zur Geschichtsschreibung vollends abstrakt wird.

Denn in der Festung, wo die drei Kuratorenteams ihre Konzepte zusammengelegt haben, ist praktisch gar keine Kunst mehr zu sehen. Von einer asketischen Lichtinstallation des Schweizer Architekten Philippe Rahm und einem kleinen Stummfilmkino abgesehen, sollen nur gesprochene Texte zu hören sein, die bei der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy ("Der Gott der kleinen Dinge"), bei der in Südtirol geborenen Autorin Maxi Obexer oder auch der Globalisierungstheoretike-rin Saskia Sassen in Auftrag gegeben wurden. Es soll um die Rolle des Einzeln­en in den Historienerzählungen und anderen "imaginären Szenarien" ("Projected Scenarios" lautet der Ausstellungstitel) gehen. Sind doch nicht zu­letzt die Hunderte Tonnen verbauter Stein, so massiv sie auch sein mögen, selbst bloß gewissermaßen Konzept geblieben: Die Festung wurde tatsächlich nie angegriffen. Auch etliche Tonnen Goldreserven, die hier im Zweiten Welt­krieg gelagert wurden und seither verschollen sind, haben blühende Fantasien angefacht.
Rund zehn Millionen Euro hat allein die Provinz Bozen-Südtirol in die Instandsetzung ihrer beiden Manifesta-Spielorte investiert; die Baukosten im Trentiner Teil belaufen sich auf rund ein Zehntel. Zwar findet in der Festung im Anschluss eine Landesausstellung statt, das Ex-Alumix wird von einem Technologiezentrum langfristig weitergenutzt werden. Aber, so Fijen: "Es ist die teuerste Manifesta, die es je gegeben hat!" So wird von Seiten der Südtiroler denn auch einige Hoffnung in die Kunstbiennale gesetzt: Will man sich doch vom Image der volkstümeln­den Folklore befreien und als moderne Kulturregion etablieren.

Alexander Langer statt Knödel

Da mag der Südtiroler Schützenbund sich noch so stur zum "Vaterland Österreich" bekennen – andere, wie die Südtirol Marketing Gesellschaft, haben in diesem "atypischen und multikulturellen Territorium", das sich italienische, deutsche und ladinische Sprachgruppen teilen, das kulturelle Kapital erkannt. Eine weitere, in ihren Ohren bislang allzu unvernehmlich leise Stimme, haben "Raqs Media Collective" auf diesem Terrain aufgetan: die des grünen Politikers Alexander Langer (1946 bis 1995), der sich nicht nur für die interethnische Verständigung stark gemacht hat. Vor allem hat den drei Indern auch Langers Vision eines neuen Europa imponiert. Die olympischen Prämissen des "citius, altius, fortius" ("schneller, höher, stärker") hätte er gern durch ein "lentius, profundis, suavius", ein langsameres, tieferes und freundlicheres Denken und Handeln ersetzt. Gegen die Tyrannei des Neuen, einen mangelnden Respekt für das Alte, eine hohe Umschlagsgeschwindigkeit von Waren und Werten, die nach Europa natürlich längst auch in Indien um sich greift. "Wenn wir aus Südtirol etwas mit zurücknehmen", sagt Shuddhabrata Sengupta, "dann keine Postkartenansichten, Knödel, Speck oder Wein. Sondern Alexander Langer." Und vielleicht ein wenig Wandstaub aus dem alten Europa.

"Manifesta 7"

Termin: Vom 19. Juli bis 2. November, Trentino-Südtirol. Ausstellungsorte: Franzensfeste, bei Fortezza/Franzensfeste (Südtirol): "Projected Scenarios", Gemeinschaftsausstellung aller Manifesta-7-Kuratoren; Ex-Alumix, Bolzano/Bozen (Südtirol): "The Rest of Now", Kuratoren: Raqs Media Collective (Monica Narula, Jeebesh Bagchi, Shuddhabrata Sengupta); Ex-Palazzo delle Poste, Trento/Trient (Trentino): "The Soul", Kuratoren: Anselm Franke + Hila Peleg, Ex-Peterlini + Manifattura Tabacchi; Rovereto (Trentino): "Principle Hope", Kurator: Adam Budak.
http://www.manifesta7.it/