Preis für junge Kunst 2007 - Neue Nationalgalerie

Das Sorgenkind der Staatlichen Museen

Die Neue Nationalgalerie verleiht Ende September den Preis für junge Kunst 2007. Die vier Finalisten sind Jeanne Faust, Ceal Floyer, Damián Ortega und Tino Sehgal. art-Korrespondent Kito Nedo hat sich die Arbeiten der Nominees angesehen
Preis für junge Kunst 2007:vergibt die Neue Nationalgalerie

Von links nach rechts: Jeanne Faust, Damián Ortega, Tino Sehgal, Ceal Floyer

Der Preis der Nationalgalerie ist das Sorgenkind der Staatlichen
Museen zu Berlin. Obwohl er nun schon zum vierten Mal vergeben wird,
hat das ambitionierte Unternehmen, das vor sieben Jahren vom Verein
der Freunde der Nationalgalerie ins Leben gerufen wurde, bislang nie
die hohen Erwartungen erfüllen können, die in ihn
gesetzt wurden. Dabei stimmt hier eigentlich alles: handverlesene
Künstler unter Vierzig auf dem Weg nach oben, ein stattliches
Preisgeld von 50.000 Euro, hochkarätig besetzte Jurys, professionelle
Pressearbeit und eine sechswöchige Ausstellung mitten im Kunstherbst
im Gegenwartsmuseum Hamburger Bahnhof mit garantierter
Medienaufmerksamkeit. Trotz all dem will der Funke
partout nicht überspringen.

Die Ausstellung der vier Nominierten, Jeanne Faust, Ceal Floyer,
Damián Ortega und Tino Sehgal, die jetzt im Hamburger Bahnhof
zu sehen ist, dürfte abermals ihren Kritikern recht geben, die, wie Heiner
Bastian, ehemaliger Kurator der Sammlung Marx am Hamburger
Bahnhof, die Veranstaltung aufgrund ihrer geringen Strahlkraft für
verzichtbar halten und in ihr vor allem „eine schrecklich
populistische Idee“ (art 05/2007) sehen.

Denn wieder wurde alles richtig gemacht und dabei jedes Risiko
vermieden. Fast als Selbstironie könnte man da schon den
Wettbewerbsbeitrag von Tino Sehgal interpretieren: Der gebürtige
Londoner, der mit seiner flüchtigen Interaktionskunst schon auf der
Biennale von Venedig oder im Hamburger Kunstverein für Verwirrung
sorgte, lässt sechs gestandene Akademiker in wechselnden, gefrorenen
Posen in einem ansonsten kahlen Ausstellungsraum über den Begriff des
Spektakels philosophieren und reproduziert so als Teil der
Ausstellung das wortreiche Sprechen über die Veranstaltung, die sich
so schwer tut, ihre eigene Legitimation zu finden. Immer dann, wenn
neue Besucher den Museumsraum betreten, werden sie mit einem unisono
gesprochenen „Welcome to this situation“ begrüsst. Manche finden die
direkte Ansprache durch das Werk so befremdlich, dass sie sich auf
dem Absatz umdrehen und schnell das Weite suchen. Wer bleibt, wird
Zeuge einer endlosen und zuweilen schrecklich schwurbeligen
Konversation, die sich als Mitmach-Kunst geriert und ungute
Erinnerungen an lahme Uniseminare weckt. Dann und wann verändern die
Diskutanten gemäß einer geheimen Choreografie ihre Stellung im Raum,
doch die vorherrschende zwanghafte Zwanglosigkeit bleibt wie ein
schaler Geschmack im Mund.

Wie wohltuend zurückhaltend ist dagegen die Arbeit mit dem Titel
„Scale“ der 1968 in Pakistan geborenen Künstlerin Ceal Floyer, die in
den Rieckhallen eine Treppenarchitektur errichten ließ, die sich aus
vierundzwanzig HiFi-Boxen zusammensetzt. Ein unbestimmtes
Schrittgeräusch, das eher den Taktschlägen eines Metronoms als
menschlichen Schritten gleicht, wandert nun stufenweise auf und ab.
Mit „Scale“ empfielt sich Floyer als heiße Anwärterin auf den Preis,
zumal sie als einzige Künstlerin der Veranstaltung genügend Respekt
entgegenbrachte und – anders als ihre drei Mitbewerber – ihre Arbeit
ausschließlich für den Wettbewerb anfertigte und ihn hier auch
wirklich zum ersten Mal zeigt.

Denn wer wollte, konnte etwa Damián Ortegas Rauminstallation „Nine
Types of Terrain“ (2007) mit neun 16 Millimeter-Projektoren bis vor
wenigen Tagen noch in der Londoner White Cube Gallery vorab
besichtigen. In Berlin wurde lediglich die Anordnung der Projektoren
im Raum verändert, die Loops, die sie zeigen, blieben gleich:
verschiedenen Konstellationen von Ziegelsteinreihen, die wie
Dominosteine umfallen und so eine simple Kettenreaktion in Gang
setzen. Vergeblich sucht man nach Verweisen, die auf mehr als das
Dargestellte zielen könnten.

Auch das neunminütige Video mit dem Titel „The Manison / Das Haus“
der Hamburger Künstlerin Jeanne Faust ist nicht neu, sondern
stammt bereits aus dem Jahr 2004. In vier Einstellungen entfaltet
sich in lichtschwachen Bildern eine rätselhafte kleine Geschichte,
die mit genretypischen TV-Erzählweisen und so auch mit den
Sehgewohnheiten der Zuschauer spielt. Ob es sich um ein
Familiendrama oder einen Krimi handelt, bleibt letztlich offen. Dass
es Schwierigkeiten gibt, scheint jedoch klar.

Wem die Endjury, bestehend aus dem Sammler Christian Boros, Lynne E. Cooke vom New Yorker Dia Center for the Arts,
Charles Esche vom VanAbbemuseum in Eindhoven, der Kuratorin
Gabriele Knapstein vom Hamburger Bahnhof und der stellvertretenden
Direktorin der Nationalgalerie Berlin, Angela Schneider, am 27.
September den Preis verleihen wird, ist schwer vorauszusagen. Ein
Krimi oder ein Drama kann jedoch schon jetzt ausgeschlossen werden.

Termine:

Gemeinsame Ausstellung der Finalisten im Hamburger Bahnhof vom 14. September bis zum 4. November 2007.
Preisverleihung findet am 27. September im Hamburger Bahnhof in Berlin statt.

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