Klimawandel - New York

Dunkler Optimismus

Nach Hurrikan Sandy entdeckt Kurator Klaus Biesenbach in Joseph Beuys einen posthumen Schirmherrn für seine Umweltausstellung "Expo 1" im New Yorker PS1
Dunkler Optimismus:Eine Umweltausstellung im PS1

Viele Teile der Ausstellung lassen sich vor allem erfühlen: Etwa beim trockenen Gang durch den niederprasselnden Regen im "Regenraum" von Random International, der im MoMA installiert wurde

Es ist beinahe 20 Jahre her, als Klaus Biesenbach im Zug von Berlin nach Venedig saß. Ein Flugticket konnte er sich damals nicht leisten. Dafür nahm er ein komplettes Zugabteil für sich in Anspruch und zog die Rollos runter, um nicht weiter gestört werden. Doch schon bald rüttelte ein junger Mann mit allerlei Papieren und Büchern unter dem Arm an der Tür und bestand darauf, dass es sich um sein Abteil handelte.

Die beiden Männer fingen an zu streiten. Bis sie feststellten, dass sie durch einen gemeinsamen Freund miteinander verbunden waren, den Künstler John Miller. Bei dem Abteileindringling handelte es sich um Hans-Ulrich Obrist. Die beiden Männer verbindet seitdem eine lange Freundschaft und Zusammenarbeit.

Die trug in der Ausstellung "Expo 1: New York", die im New Yorker PS1 Museum eröffnete, wieder einmal Früchte. Die Gruppenshow ist eine Reaktion auf den Megasturm Sandy. Der hatte im Oktober 2012 New York erschüttert und unter anderem verheerende Schäden in den Rockaways in Queens vor den Toren New Yorks anrichtete, wo auch Biesenbach und Rockerin Patti Smith ein Strandhaus haben. PS1-Direktor und MoMA-Chefkurator Biesenbach unterhielt mit Kollegen wie Obrist eine Telefon-Konferenz, als der Sturm anfing, über die Stadt hinwegzutoben. Das Telefonat musste abgebrochen werden.

Nach Sandy sah die Welt schlagartig anders aus. Die Kuratoren empfanden eine neue Dringlichkeit für ihre Ausstellung: Sie beschlossen, dass jede einzelne Arbeit mit Ökologie zu tun haben sollte sowie den Herausforderungen, denen sich die Menschen in einem instabilen, fragilen Öko-System stellen müssen. Joseph Beuys, der Mitbegründer der grünen Bewegung, stieg zum Schirmherrn der "Expo 1" auf und ist mit dem Film seiner legendären Aktion "Ausfegen" von 1972 vertreten. "Ich bin für eine bewusste Beteiligung am politischen Leben… denn es ist klar geworden, dass alles, was wir in unser Leben einbeziehen, sinnlos wird, wenn das Leben selbst bedroht ist", schrieb Beuys 1980 unter ein Foto mit seinem Sohn. Der junge argentinische Künstler Adrián Villar Rojas, der sich schon in der Vergangenheit mit der Frage auseinandersetzte, wie das letzte Stück Kunst aussehen würde, nachdem sich die Menschen ausgerottet haben, wurde an Bord geholt. Aus rissigem, brüchigem Ton und Beton kreierte er ein gespenstisches Amphitheater mit wuchtigen Skulpturen. Die letzten Symbole der Menschen, so Villar Rojas.

Viele der älteren ausgestellten Arbeiten, wie das von der inzwischen siebzigjährigen PS1-Gründerin Alanna Heiss in den 90er Jahren installierte Wasserbecken von Meg Webster, bekommen nach Sandy eine neue Bedeutung. Ebenso wie Gordon Matta-Clarks mit Sauerstoffmasken ausgestatteter "Fresh Air Cart" oder die traurig schönen Weizenfelder, die Agnes Denes in den achtziger Jahren auf das damals leere Land der heutigen Luxus-Condo-Hochburg Battery Park in Downtown Manhattan pflanzen ließ. Auf Fotos blickt man über ein Meer von Weizenähren hinweg auf das World Trade Center oder auf Hochhaustürme. Die majestetischen Fotos von unberührten Landschaften von Altmeister (und Umweltschützer) Ansel Adams wirken auf einmal apokalyptisch oder wie die Dokumente einer verlorenen Zeit. "Es ist, als ob man sie mit anderen Augen sieht", sagt MoMA-Kuratorin Roxana Maconci, die an der Ausstellung mitarbeitete.

Mark Dion knüpfte in schwarzes Öl getränkte Tiere an einem Baum auf. Klara Lidén ist mit einer Sammlung von öffentlichen Mülleimern vertreten. Die marokkanische Künstlerin Latifa Echakhch hinterlässt einen Scherbenhaufen. Zoe Leonard zeigt Aufnahmen von knorrigen Bäumen, die sich gegen die Menschen aufzulehnen scheinen und mit all ihrer Kraft gegen Zäune anwachsen. Am meisten lässt einen "Drowning Room" von Reynold Reynolds und Patrick Jolleys erschauern. Ein Schwarz-Weiß-Film, in dem die Menschen ihr kleines, erbärmliches Leben auf einer überschwemmten Erde unter Wasser weiterführen.

Andere Teile der Ausstellung lassen sich vor allem erfühlen: So wie die Eisklumpen, die von einem von Islands größten Gletschern stammen und die Olafur Eliasson in einem klirrend kalten Ausstellungsraum parkte. Oder wenn man mit Steve McQueen im lärmenden Hubschrauber zu sitzen scheint, als er die Gegend um die Statue of Liberty abfliegt, die später von Hurrikan Sandy betroffen sein wird. Und natürlich beim trockenen Gang durch den niederprasselnden Regen im "Regenraum", der im MoMA installiert wurde.

Dort stieg zum Auftakt von "Expo 1" ein Dinner, zu dem der Vorstand des Autoherstellers Volkswagen eingeladen hatte. Die Halle für das Dinner war in Blautöne getaucht, so dass man sich wie in einem Aquarium fühlte. Die Liste der prominenten Gäste war lang: Filmstars James Franco, Maggie Gyllenhaal, Peter Sarsgaard, Marisa Tomei, das Glamour-Paar Johannes Huebl und Olivia Palermo, Diana Picasso, Jeffrey Deitch, das Sammlerpaar Rubell, Agnes Gund und Künstler wie Doug Aitken. "Die CO2-Level sind auf einer Rekord-Höhe angelangt, die es nicht in drei Millionen Jahren gab", sagte Biesenbach in seiner Eröffnungsrede. Eine Solar-Taschenlampe in Sonnenform von Olafur Eliasson baumelte um seinen Hals.

Natürlich stimmte es so manchen Gast nachdenklich, dass ausgerechnet ein Autohersteller eine Umwelt-Ausstellung finanziert. Auch wenn Volkswagen an verbrauchsarmen Fahrzeugen und grüneren Fabriken arbeitet. MoMA und VW verkündeten, dass sie ihre 2011 gestartete Zusammenarbeit um mindestens zwei weitere Jahre fortführen werden. Die Summe dieser Kollaboration der Giganten ist nicht bekannt. Es soll sich um Millionen handeln. Zum Sponsoring-Programm der "Expo 1" gehören auch die beiden futuristischen Kuppelzelte in den Rockaways und im Vorgarten des PS1. Dort diskutierten Biesenbach, Obrist und Yoko Ono bereits am Tag nach dem Eröffnungs-Dinner über Umweltfragen. In den nächsten Wochen werden in den Domes Lesungen, Filmvorführungen, Unterhaltungen mit Künstlern oder Schulungen stattfinden.

Das einzige, was dieser Ausstellung, die den Arbeitstitel "dunkler Optimismus" trägt, zu wünschen wäre, ist, dass sie sich weiter auf das Museum of Modern Art erstreckt hätte. "Dunkler Optimismus bedeutet, dass wir eine Zukunft haben, wenn wir etwas unternehmen", sagt Klaus Biesenbach. Ansonsten erwartet die Menschheit der Untergang, wie ihn John Miller vorführt – der Künstler, über den Biesenbach und Obrist zusammenfanden. Miller füllte einen Raum mit Alltagsmüll und den umgestürzten, kaputten Säulen eines ehemaligen Palastes. Es sind die in goldene Farbe getauchten Überreste eines gefallenen Imperiums.

EXPO 1: New York

Termin: bis 2. September 2013 in PS1 und MoMA, New York
http://www.momaps1.org/