The First Emperor - London

TERRAKOTTA-SOLDATEN FÜR DAS NEUE CHINA?

Das British Museum zeigt die Terrakotta-Armee des ersten chinesischen Kaisers: 20 Tonfiguren aus der Grabstätte des Quin Shi Huang Di sorgen für Furore – und bieten zugleich Anlass für eine Kontroverse um die Verbindung von Kultur und Propaganda
Terrakotta-Armee in London:Die Grabstätte des ersten chinesischen Kaisers

Armoured general, terracotta, Qin Dynasty, 221/206 BC

Die Figuren stehen, knien, sitzen, umgeben von Pferden, Vögeln, Waffen, Rüstungen. Sie sind so aufgestellt, dass man sie von allen Seiten sehen und ganz nahe an sie herantreten kann. Man kann ihre unterschiedlichen Haartrachten und Kopfbedeckungen bewundern, die Muskeln an den Armen eines riesigen Gewichthebers studieren, sich von der Konzentration auf den Gesichtern zweier Musiker anstecken lassen und vor allem den Kriegern direkt in die Augen sehen.

Die insgesamt 20 Tonfiguren aus der Grabstätte des Quin Shi Huang Di sind zwar nur eine winzige Vorhut der berühmten Terrakotta-Armee, doch so viele durften China noch nie auf einmal verlassen. Wohl ein Zeichen für das Ansehen, das das British Museum und sein Direktor Neil MacGregor in der Welt genießen. Er hält sie für so bedeutend, dass er sie "im Zentrum unseres Museums" zeigen wollte, im runden ehemaligen Lesesaal der British Library. Da die Arbeitspulte und Stühle der Bibliothek unter Denkmalschutz stehen, durften sie nicht entfernt werden. So errichtete man über ihnen eine Plattform aus Stahl, auf der die Exponate angebracht sind. "Wir hoffen, dass sich unsere Besucher an die darunter liegenden Pulte erinnern werden, an denen vor 150 Jahren Karl Marx über das Schicksal von Staatsformen und der Weltwirtschaft sowie über die sich ständig verändernden Machtverhältnisse nachdachte", sagt MacGregor.


Die Schau ist ganz auf Quin Shi Huang Di zugeschnitten, den ersten, wie sein Name sagt, chinesischen Kaiser, von dem man im Westen so gut wie nichts weiss. Von 240 bis 220 v.Chr. schweißte er die verschiedenen miteinander verfeindeten Regionen zum ersten Vielvölkerstaat der Geschichte zusammen. Mit Gewalt, Blut, Diplomatie, einer wie geölt funktionierenden Verwaltung sowie einheitlicher Rechtschreibung und Währung. Er begann mit dem Bau der Großen Mauer und ließ sich bei Xi'an in der Provinz Shaanxi die größte Grabstätte der Menschheit bauen, mit dem Flächenmaß einer mittleren Großstadt, in deren Zentrum 7000 Tonkrieger stehen.


Genau da setzt die Kontroverse um die Schau an. In einer sonst begeisterten Kritik moniert etwa Rachel Campbell-Johnston in der "Times", dass die Geschichte des Kaiers "eine ausgesprochen diplomatische Färbung" erhalten habe. "Die rücksichtslose Grausamkeit dieses Herrscher, mit dem sich Mao identifizierte, findet kaum Erwähnung."


Adrian Hamilton geht im "Independent" noch einen Schritt weiter. Statt der so genannten "Ping-Pong-Diplomatie" der Siebziger Jahre, als sich China und die USA mittels Tischtennisturnieren diplomatisch einander annäherten, scheint sich seiner Ansicht nach die chinesische Regierung heute auf eine "Terrakotta-Diplomatie" zu setzen. Die Parole lautet: Wir leihen euch ein paar unserer berühmten Krieger aus, und ihr preist unsere neugefundene Weltoffenheit. "Hat sich das British Museum vor den chinesischen Karren spannen lassen?", fragt ein erboster Hamilton und beantwortet die eigene Frage mit einem emphatischen "Ja!". Er vergleicht die Brutalität des ersten Kaisers mit den Unterdrückungsmaßnahmen des gegenwärtigen Regimes, um aufmüpfige Regionen im Reich der Mitte unter Kontrolle zu bringen. Sein größter Zorn richtet sich jedoch gegen einen Artikel im Magazin des Instituts, in dem Quins Relevanz für das heutige China untersucht wird. "Die stumme Armee ist ein passendes Symbol für Chinas Glanz", heißt es da. "Die Gesichter der Krieger spiegeln die Persönlichkeit und Qualität des idealen Soldaten wider. Das aufstrebende chinesische Volk täte gut daran, sich genau damit zu identifizieren." "Genau", schreibt Hamilton, "die Partei hätte es nicht besser ausdrücken können."

Dass die Schau im British Museum ein Publikumsrenner werden wird, stand schon am Tag der Eröffnung fest. Mehr als 130 000 Eintrittskarten gingen im Vorverkauf weg - so etwas hat es im BM seit der Ausstellung der Schätze des Tutenchamun in den Siebziger Jahren nicht gegeben. Das Institut kann in den immer magerer werdenden Zeiten die Einnahmen natürlich gut gebrauchen.

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