Radar - Christian Schwarm

Christian Schwarm über Nina Canell

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Christian Schwarm, Sammler und Gründer der Internet-Plattform Independent Collectors, über die schwedische Künstlerin Nina Canell.
Radar: Nina Canell:Christian Schwarm über seine Lieblingskünstlerin

Nina Canell: "Morasco Circle", 2007. Kübel, Nebelmaschine, 20 Liter Wasser, Baulicht, Mikrofon, tragbares PA-System (Dimensionen variabel)

Wenn es ein Kunstwerk in meiner Wohnung gibt, das Besucher sofort und ohne jede weitere Erläuterung zutiefst berührt, dann ist das ohne Zweifel "Morasco Circle", eine doch recht eigenartige Installation von Nina Canell. Mir ging es wie meinen Gästen, als ich auf der Basler Liste zum ersten Mal über Ninas Arbeiten stolperte.

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Strecken Teaser

Ich war fasziniert von den technisch anspruchsvollen Konstruktionen, die Polygone auf Monitore zaubern, Geräusche aufnehmen und verstärken kann oder Wasser verdampfen lässt. Und die dennoch – trotz der vielen Kunststoffwannen, Stromkabel und Mikrofone – auf eine seltsame Art und Weise ungemein poetisch sind.

Nina Canell verleiht den Plastikrelikten unserer Zivilisation eine neue, eine bessere Seele. Vielleicht auch, weil sie diese so kühn mit natürlich entstandenen Materialien wie Ästen, Tannenzapfen, Erde oder immer wieder auch mit Wasser kombiniert. In meinen Augen verflüssigt Canell in ihrem Tun die Grenze zwischen Natur und Technik.

Und das fühlt man. Auch ohne die vielen Geschichten zu kennen, die Canell zu jedem Fundstück erzählen kann, zu jedem Material, das sie fasziniert und zu jedem manchmal undurchschaubaren Titel ihrer Kunstwerke. Wer die Chance hat, Nina Canell kennen zu lernen, begegnet einer jungen Frau, die sich ausgesprochen bescheiden gibt, aber dennoch völlig unbeirrt ihren ganz eigenen Kurs verfolgt. Dieser zeigt sich auch darin, dass sie mit ihrem Freund Robin Watkins weiterhin avantgardistische Musik produziert, in der dann gelegentlich auch die Klänge einzelner Kunstwerke wieder auftauchen.

Canells Tun geht also über viele Grenzen. Die meisten ihrer Arbeiten bedienen fast alle Sinne und passen schon deshalb schlecht in eine bestimmte Kunstschublade. Dazu schlägt sie eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, weil man nämlich spürt, dass ihre Installationen aus Ausrangiertem eigentlich übermodern sind. Und sie selbst scheint sich auch durch Ländergrenzen nicht lange aufhalten zu lassen: Nina Canell wurde 1979 in Schweden geboren, ging nach ihrem Studium nach Dublin, bekam letztes Jahr ein Stipendium der Künstlerhäuser in Worpswede und wird ab Herbst 2008 in New York arbeiten. Vorher empfiehlt sich noch der Besuch ihrer nächsten Ausstellung in Berlin, denn Fotos transportieren nur unzureichend, was die Magie von Canells Arbeiten wirklich ausmacht.

"Nina Canell – Walking on No-Top Hill"

Termin: bis Januar 2009, Galerie Barbara Wien, Berlin.
http://www.barbarawien.de/