Museum Brandhorst - München

Ausgeweitete Kontrastzone

Es ist ein Museum der Widersprüche. Ein Haus der ästhetischen Gegensätze und Antipoden, der schönheitsverliebten Oberflächenkunst und höchst existentieller Themen. Bei der Eröffnung zeigte sich deutlich: Das neue Museum Brandhorst in München erfüllt mehr positive Erwartungen, als dass es lange vorherrschende Ressentiments gegen die privat zusammengetragene Sammlung belegt.

Im Münchner Pinakotheken-Areal wurde die neugierig erwartete Eröffnung des Museum Brandhorst mit Festgetöse begangen. 2000 Geladene strömten Dienstag Abend herbei, verteilten sich in der repräsentativen Museumsschatulle und dem nach bayrischer Sitte aufgeschlagenem Partyzelt.

Nur soviel zur Geschichte: Udo Brandhorst, ein aus Köln zugezogener Sammler, hat den an Kunst nach 1945 eher unterversorgten Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ein willkommenes Präsent gemacht – und für sein in den siebziger Jahren einsetzendes Kunstkonvolut von 700 Arbeiten eine Stiftung gegründet. Als Gegengabe spendierte man ihm einen Neubau in nobelster Museumslage samt Personal- und Betriebskosten. Dieser Tribut an Brandhorsts mitgeliefertes Stiftungsvermögen wird zurecht kritisch beäugt. Sogar das architektonische Gehäuse des Museum Brandhorst in München vereint allerdings Disparates mit einer Nonchalance, dass man dem Spagat einfach Respekt zollen muss. Außen zieht die wie ein Paradiesvogel gefiederte Fassade aus Keramikstäben irisierend an, innen herrscht zurückhaltende Eichenholz-Gediegenheit. Der 70-jährige Sammler wollte im Einvernehmen mit den Architekten eine gewisse "Domestizität" gewahrt wissen.

Wenn nun Cy Twombly und Andy Warhol unter dem Dach des neuen Münchner Museums als die Helden oder Säulen der staatlich verankerten Privatsammlung Brandhorst zelebriert werden, dann ist auch das etwas kurios. Mit Ausnahme ihres Geburtsjahrs 1928 haben die beiden Amerikaner so gut wie nichts gemein. Die Diva Warhol lebte mit ihrer manischen Markenzeichenproduktion den Starkult blendend aus. Cy Twombly wiederum entzog sich der Pop-Art-Dominanz in Richtung Italien, wo er heute noch wohnt. In der Beletage kann man erleben, wie stark die tänzerische Bildsprache Cy Twomblys vergänglichkeitsbedingt an Schwerelosigkeit einbüßte. Brandhorst hat jüngst den umfassend "rosigen" Blumenzyklus von 2007 erworben. Im Alter von 81 Jahren verabschiedet sich der mediterran gestimmte Maler hier definitiv von den lange gepflegten Unfarben. Das ist ohne Frage ein mutiger Akt, erreicht aber trotz der Veredelung mit Zitaten von Ingeborg Bachmann, Rilke & Co nicht das Lyrische der früheren Arbeiten. Dafür entschädigen die weiß patinierten Bronzeskulpturen Cy Twomblys durch ihren wundersam archäologischen Anschein.

Größtenteils weitsichtig, zeitweilig kurzatmig angekaufte Kunst

So unerwartet geräumig, so schön von Tageslicht erhellt sich die Architektur von Sauerbruch Hutton im Inneren ohne selbstgefällige Gesten der Kunst darbietet, es gibt auch wirklich störende Patzer. Die plump wie Fleischrouladen vernähten, ohnehin geschmacklos jauchebraunen Handläufe aus Rindsleder möchte man lieber nicht anfassen. Massiver störend sind die schwer auf den Patio im Souterrain drückenden Deckenlamellen. Und die Resonanz des Publikums? Man hätte gleich ein Museum zu Cy Twombly aus der Sammlung Brandhorst machen sollen, schwärmen die einen beim ersten Durchmessen der Museumsräume. Andere wiederum mäkeln erwartungsgemäß an der tatsächlich sehr dünnen Camouflage-Malerei des späten Warhol herum. Man kann auch schwer der ziemlich einhelligen Meinung widersprechen, dass der New Yorker Maler Alex Katz in den hier vertretenen Bildbeispielen aus den Neunzigern die angestrebte Stereotypie des American Way of Life bis zur völligen Banalität aushöhlt.

Bei der pointierten Hängung stimmt fast alles, sieht man von der gelegentlich stark verdichteten Präsentation von Zyklen wie etwa Cy Twomblys berühmter "Lepanto"-Serie ab. Gut, dass Direktor Armin Zweite nicht intimere Dinge wie die ohnehin bereits vor zehn Jahren im Haus der Kunst ausgebreiteten Picasso-Bücher zeigt, sondern zum Auftakt die Kronjuwelen aus dem Brandhorst-Lager geholt hat: Damien Hirsts Pillenregal, Mike Kelleys unter einem orange illuminierten Glassturz ansichtige "Kandor"-Version, Franz Wests skulpturale "Kloake", Polkes Revolutionsbild. Eine fabelhafte Videorbeit Isaac Juliens zeigt, wohin die Reise der Sammlung idealerweise in Zukunft gehen könnte. "Western Union" von 2007 ist ein melancholischer Kanon der Mehrfachprojektion, der dem afrikanischen Nomadentum geschuldet ist. Zirca ein Jahr will man das jetzt Ausgestellte im Museum Brandhorst belassen, dann punktuell Dinge austauschen, bis es schließlich zu einer neuen Präsentation kommt.

Udo Brandhorst ist mit seiner größtenteils weitsichtig, nur zeitweilig kurzatmig angekauften Kunst erfolgreich im Zenith der süddeutschen Museumslandschaft angekommen. Und er lässt sich, obschon sonst Interviewfragen rigoros abwehrend, am Ende zu einem Statement über den Standort Münchens hinreißen: "Was hier natürlich fehlt ist eine lebendige Kunstszene, wie sie derzeit in Berlin so große Wellen schlägt, und wie sie nach wie vor im Rheinland – wenn auch diese Gegend zu verblassen scheint – vorhanden ist. Die wichtigsten Künstler Deutschlands, das muss ich feststellen, leben nach wie vor im Rheinland. Abgesehen natürlich von Georg Baselitz, den es nach Bayern verschlagen hat. Ein gutes Zeichen, wie ich meine."

Museum Brandhorst

Adresse: Kunstareal München, Theresienstraße 35 a, 80333 München. Öffnungszeiten: Täglich außer Montag, von 10 bis 18 Uhr; Donnerstag 10 bis 20 Uhr. Katalog: Prestel Verlag, 29 Euro
http://www.museum-brandhorst.de/

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