Georg Baselitz Top - Kunsthalle Würth

Der Druck ist weg

Die Kunsthalle des "Schraubenkönigs" und Kunstförderers Reinhold Würth in Schwäbisch Hall zeigt rund 100 auch neuere Arbeiten von Georg Baselitz. Am Freitagabend eröffnete Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der als großer Bewunderer des 70 Jahre alten Künstlers gilt, die Ausstellung. art war vor Ort – und sah einen müden Künstler, der seine alten Werke nachmalt.

Er versteht sich als Kämpfer. Als Provokateur. Als einer, der die Welt auf den Kopf gestellt hat, damit auch niemand auf die Idee kommt, sich in ihr gemütlich einzurichten. Seit vier Jahrzehnten stehen die Motive von Georg Baselitz Kopf. So konnte er weiterhin Gegenstände malen, diese aber vom Diktat der Bedeutung befreien.

Inzwischen ist die verkehrte Welt des Georg Baselitz salonfähig geworden, seine Werke haben es bis ins Kanzleramt geschafft. Aber auch wenn die neue Ausstellung "Georg Baselitz Top" in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall vom Ex-Kanzler Gerhard Schröder persönlich eröffnet wurde, wiederholt es Baselitz gern und oft: "Ich bin nicht milde." Er ist und bleibe ein Knochen. "Ich habe den bösen Buben nicht gespielt. Ich bin’s."

Ganz so böse, so knochig, wie er behauptet, scheint Baselitz aber doch nicht mehr zu sein. In der Kunsthalle Würth ist nun ein Querschnitt durch seine jüngste Produktion zu sehen. Seit drei Jahren verfolgt er das Projekt Remix: Er malt seine früheren Gemälde nach. "Die alten Bilder sind zu gut, dass es dem nichts hinzuzufügen gibt", sagt Baselitz. Aber er wolle sie jetzt ohne "den psychischen Druck" von damals wiederholen. Der Druck: das war die Kindheit in Nazideutschland – er ist 1938 in Deutschbaselitz in Sachsen geboren. Das war die Jugend in der DDR, wo er von der Hochschule wegen "staatsbürgerlicher Unreife" flog. Auch im Westen eckte er an und provozierte Eklats. Die "Große Nacht im Eimer" mit einem Mann mit entblößtem Penis wurde bei einer Ausstellung 1969 von der Polizei beschlagnahmt.

Hilfsmittel für einen müden Künstler

Nun wiederholt er wie in einem Versuchsaufbau die alten Bilder. "Die große Nacht von damals (Remix)" zeigt wiederum einen Mann mit aus der Hose hängendem Glied. Der Stein im Hintergrund hat sich in einen Totenschädel verwandelt. Aber auch wenn Baselitz dem Burschen nun ein Hitlerbärtchen gemalt hat, so ist das bestenfalls Attitüde ohne Sprengstoff. "Die Hand – Die Hand Gottes" nannte sich ein Bild von 1964/65, die Irdisches – wie Haus und Spaten – zeigte. Nun, fast vierzig Jahre später, brennt die Hütte, aber die Miniaturobjekte auf der Hand wirken wie Budenzauber, wie inszeniertes Puppenspiel.

Reinhold Würth hat 1987 sein erstes Werk von Baselitz erworben, nun hat er aus der Remix-Serie großzügig nachgekauft. Obwohl für die Ausstellung in der Kunsthalle zahlreiche Leihgaben ergänzt wurden, hat man leider nicht die frühe der aktuellen Produktion gegenübergestellt. Vergleiche sind also nicht möglich, die neuen Werke müssen für sich selbst sprechen – und die Frage bleibt offen, ob das Projekt Remix nicht vor allem ein Hilfsmittel ist für einen Künstler, der zu müde geworden ist, um weiterhin ständig den Provokateur markieren zu können.

Abschied vom harten Knochen

Dem Publikum wird es leichter fallen, sich vom harten Knochen zu verabschieden als Baselitz selbst. Sinnlich schön sind die neuen Bilder, Malerei pur, die häufig auf Pastell abgeblasste Farben setzt. Anmut spricht aus der Mädchenfigur in weißem Kleid von blauem Grund. Immer wieder tauchen große, schwere Stiefel auf, zeigen den Wanderer in der Weite der Natur, den Menschen, der in die Welt gestellt ist – aber nicht mehr auf Trümmern steht, sondern auf neuem, friedlichen Boden.

Um malerische Aspekte und Fragen der Wahrnehmung kreisen die Werke, in denen Baselitz mal mit weißen Schlieren das Motiv verunklart, es mal durch ein weißes Quadrat verfremdet. Mit Hilfe von Farbdosen zeichnet er leere Kreise auf die Leinwand, die die malerische Illusion zerstören sollen. Zugleich schöpft Baselitz aus einem großen Fundus an Bildquellen. Aber ob er sich auf seine eigenen Werke, auf Otto Dix, Piet Mondrian oder die deutsche Geschichte bezieht – die Referenzen sind letztlich nachrangig. Bei aller ästhetischen Qualität sieht man es nicht nur dem Künstler, sondern auch den Bilder an: Der psychische, politische und gesellschaftliche Druck ist weg.

"Georg Baselitz Top"

Termin: bis 22. März 2009, geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr. Katalog 34,80 Euro
http://kunst.wuerth.com/de/kunsthalle-wuerth/kunsthalle-wuerth.php

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