Diplomausstellung - HFBK Hamburg

Kunst, Pommes frites und Hypnose

Auch dieses Jahr wird wieder eine Generation junger Künstler in die raue Wirklichkeit entlassen: Am 24. Februar öffnete die Diplomausstellung der HFBK Hamburg am Lerchenfeld ihre Pforten. Die Abschlussarbeiten von 56 Absolventen der Fächer Malerei, Bildhauerei, Grafik, Film, Fotografie, Design und zeitbezogene Medien warten dort auf die Besucher – Reizüberflutung nicht ausgeschlossen.
Kunst, Pommes frites und Hypnose:Diplomausstellung der HFBK Hamburg

Raumansicht des Absolventen Michael Rockel. Der Schüler von Prof. Matt Mullican (Bildhauerei) und Prof. Jeanne Faust (Zeitbezogene Medien) hat bei der Verleihung des Ditze-Diplompreises den zweiten Platz belegt

Von außen wirkt das Hochschulgebäude kurz vor der Eröffnung noch wie ausgestorben. Für eine Bespielung der Außenbereiche ist das Hamburger Winterwetter wohl einfach zu schlecht. Schneeregen, Matsch und Wind haben offenbar auch einige potenzielle Besucher abgeschreckt, denn der Ansturm gestaltet sich eher mäßig.

Im Foyer wird man erst einmal vom Duft einer Fritteuse begrüßt – das allgegenwärtige Aroma der fettigen Pommes wird sich an diesem Abend unweigerlich mit allen anderen Sinneseindrücken vermischen. Dann eine angenehmere Überraschung: Der erste Stand in der Eingangshalle bietet kostenlos Sekt, Käsespießchen und Knabberzeug an. Ausgestattet mit schicken Anzügen und seltsamen Brillen nutzen zwei Künstler diesen günstigen Platz, um ihre Werke als allererste zu präsentieren. Zu sehen gibt es minimalistische Kritzeleien mit dem Buntstift und Urlaubsfotos eines wohlbeleibten älteren Herrn. Die Namen der Künstler sucht man im ausliegenden Begleitheft der Ausstellung allerdings vergeblich. Das liegt daran, dass die beiden überhaupt keine Absolventen der HFBK sind, sondern sich ganz dreist hereingeschmuggelt haben. Aufgefallen ist das den kompletten Abend über nicht einer Menschenseele. So hatten die Jungs jede Menge Zeit, interessierten Besuchern zu erklären, warum sie sich für ihre Arbeit sichtlich keinerlei Mühe gegeben haben: "Wir verfügen über reiche Eltern und gute Sponsoren, was will man mehr?" Als Souvenir darf sich jeder eine "Visitenkarte" in Passbildformat mitnehmen. Vorne prangt jeweils ein Foto der beiden, auf der Rückseite finden sich individuelle, mit der Schreibmaschine getippte Sprüche, wie z. B. "Blödsinn ist das alles hier. Ich geh jetzt zur Tanke und hol mir ne Dose Bier." Immerhin ein kritisches Statement der etwas anderen Art. Eine weitere – weniger subtile – Reaktion auf die finanzielle Situation an den Universitäten lässt sich auf neonpinken Plakaten ablesen, die im ganzen Gebäude verteilt sind: Dort verkünden zwei Studenten, dass sie aus Protest nicht an der Diplomausstellung teilnehmen, weil sie sich von ihrer Hochschule in Bezug auf die Studiengebühren verraten fühlen. Gezeichnet: "Max und Anna. Danke für nichts."

Das futuristische Innere einer aufgeblähten Hüpfburg-Plane

Der Rest der Ausstellung kommt dagegen relativ brav daher – viel ästhetisch Ansprechendes, aber wenig Außergewöhnliches wird in den unzähligen Fluren und Zimmern geboten. Oft ließen sich die Absolventen von Meistern vorangegangener Epochen inspirieren, wie América Mendez, deren Vorbild Velázquez am Stil ihrer theaterhaft inszenierten Fotografien deutlich erkennbar ist. Egle Otto hat sich bei einem ihrer farbenfrohen Ölbilder gar gleich ganz darauf beschränkt, die Namen einiger wichtiger Künstler der Vergangenheit handschriftlich festzuhalten, was dieses Werk aber leider nicht automatisch ebenfalls zu großer Kunst macht. In manchen Räumen erwarten einen aber schließlich doch noch innovative Ideen. Das Reich Martin Jäkels ist beispielsweise nur über eine Luftschleuse zugänglich, die in das futuristisch anmutende Innere einer aufgeblähten Hüpfburg-Plane führt. Paul Sochacki nimmt abschätzigen Kritikern einfach die Luft aus den Segeln, indem er mit Hilfe einer hölzernen Hand und eines geschickt platzierten Strahlers ein riesiges "Daumen hoch"-Zeichen auf die Wand über seinen Bildern projiziert. Und Susanne Bartsch sorgt auf rabiate Weise dafür, dass müde gewordene Besucher beim Betrachten ihrer rätselhaften Videoprojektionen blitzschnell wieder munter werden: Die Oberflächen der einladenden Sitzbänke in ihrem abgedunkelten Zimmer sind mit spitzen kleinen Nägeln gespickt. Das sieht man allerdings erst auf den zweiten Blick und, ja, das tut weh!

Die Partystimmung bleibt an diesem Abend leider aus

Auch die Verleihung des Karl H. Ditze-Diplompreises löst beim Publikum eher gemischte Gefühle aus. Burk Koller aus der Slominski-Klasse hat den ersten Preis mit einem Projekt gewonnen, das eigentlich gar nicht existiert, oder vielleicht auch bloß keine nennenswerten Spuren hinterlassen hat – keiner weiß das so genau. Schließlich stand ihm während der Prüfung ein Hypnotiseur zur Seite, der am Ende die Erinnerung aller Beteiligten unwiederbringlich ausgelöscht hat. So erzählt es zumindest ein Brief, der an der Wand seines – bis auf einige Stuhlreihen leeren – Raumes hängt. Eine witzige, doch irgendwie unbefriedigende Sache. Die zweite Auszeichnung geht an Michael Rockel, der die Jury durch die "proto-modernistische Manier" seiner Objekte überzeugt hat. Mit Silke Silkeborg erhält zu guter Letzt eine Schülerin der Büttner-Klasse den dritten Preis. Die schüchtern wirkende, komplett schwarz gekleidete Künstlerin hat sich ganz der malerischen Darstellung von Dunkelheit verschrieben. Ihre Ölbilder, die sie nachts im Freien malt, fangen mit einer unheimlich differenzierten Farbgebung die Atmosphäre kalter Winter- wie lauer Sommernächte ein und haben durchaus ihren Reiz.

Wenn man wirklich die komplette Bandbreite aller Absolventen abgrasen möchte, muss man wie jedes Jahr viel Zeit mitbringen und einen schwirrenden Kopf in Kauf nehmen. Die sonst übliche Partystimmung will sich an diesem Abend leider nicht so recht einstellen. Wirklich gut besucht ist zu späterer Stunde eigentlich nur Zimmer Nr. 221, in dem Werke der beiden Büttner-Schülerinnen Daniela Milosevic und Kerstin Fürstenberg hängen. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass dieser Raum mit seinem Orientteppich, den Sofas und der Musik-Beschallung im Gegensatz zu den meisten anderen Bereichen sehr gemütlich ist. Zurück im Foyer trifft man wieder auf die beiden Pseudo-Diplomanden mit ihrem mittlerweile etwas ramponierten Stand. Das Duo ist in bester Stimmung, denn, man glaubt es kaum: Für die Urlaubs-Fotos vom Flohmarkt hat sich tatsächlich ein Käufer gefunden. Da hat sich der Abend doch gelohnt.

"Diplomausstellung der HFBK Hamburg 2010"

Termin: bis 28. Februar 2010, Öffnungszeiten: Do – So, 14 – 20 Uhr, Adresse: Hochschule für bildende Künste Hamburg, Lerchenfeld 2, 22081 Hamburg
http://www.hfbk-hamburg.de