New York - Galerien

Betriebsfest in New York

Mit einem großen Opening starteten die New Yorker Galerien den Kunstherbst. In Manhatten, Brooklyn, Chelsea und Williamsburg feierte die Kunstszene Hunderte Ausstellungseröffnungen. art-Korrespondentin Claudia Bodin mischte sich unters Volk

Der erste Donnerstagabend im September markiert den Start der neuen Kunstsaison in New York. Dutzende von Galerien zelebrierten in den frühen Abendstunden ihre Openings. In Chelsea schoben sich die Kunstbegeisterten durch Ausstellungen und über Bürgersteige. Kurzfristig kam der Verkehr in den Seitenstraßen zum Erliegen. Kunst konnte man bei dem Andrang kaum sehen. Dafür wurde bei schwüler Sommerhitze umso mehr Bier getrunken. Eine Stimmung wie beim Betriebsausflug. Insgesamt finden in den nächsten Tagen allein in Manhattan mehr als 100 Eröffnungen statt. Doch auch die Konkurrenz in Brooklyn schläft nicht. Mit einer Opening-Nacht, in der 40 Williamsburger Galerien bis 23 Uhr ihre Türen öffneten, versuchte man, die Kunstgemeinde auf die andere Seite des East River zu locken. Dort errichtete die Underground-Galerie Capla Kesting anlässlich des Jahrestags vom 11. September einen drei Meter hohen „CIA Cell Tower“, um den E-Mail-Verkehr der Nachbarschaft in der Tradition der verhassten Bush-Regierung einzufangen und potenzielle Terroristen zu orten.

Vor der Eingangstür von Chelseas Junggalerist Zach Feuer, der die dritte Solo-Ausstellung des Franzosen Jules de Balincourt zeigte, kam es am Haupteröffnungsabend zu tumultartigen Szenen. Der inzwischen nach Berlin umgesiedelte Künstler galt lange Zeit als einer der neuen New Yorker Stars. Auf seinen großflächigen Öl-Spektakeln behandelt er Themen wie Globalisierung und Naturgewalten. Ein strahlender De Balincourt ließ sich wie der heimgekehrte Prophet durch die Massen treiben und rief seinen Freunden zu: „Gefällt es euch?“ Die Galerie Mitchell-Innes & Nash zeigte die grotesk wirkenden Porträts der jungen texanischen Künstlerin Natalie Frank. Bei Moti Hasson hatte der Leipziger Maler Hans Aichinger mit „Impossible Germany“ und seinen beklemmenden Bildern von Jugendlichen Premiere. Yossi Milo bewies wieder ein gutes Gespür für Fotografie, die den Nerv trifft: Der Japaner Kohei Yoshiyuki stellte Schnappschüsse aus, die er bereits in den siebziger Jahren in Parkanlagen in Tokio mit der Infrarotkamera aufnahm, um Pärchen und ihre Voyeure beim verklemmten Stelldichein im Gebüsch zu erwischen. Dagegen schmeckten die bonbonfarbenen „Feel Good Paintings“ für traurige Zeiten von Deborah Kass bei der Paul Kasmin Gallery wie erfrischender Champus. Paula Cooper widmete sich dem kürzlich verstorbenen Sol LeWitt.

Die Galeria Ramis Barquet hatte sich in einen Workshop verwandelt, in dem die mexikanische Künstlerin Laura Anderson Barbata Karnivalkostüme herstellt. Bei all dem Rummel wunderte es wenig, dass die schlichte Computeranimation des Koreaners Jeon Joonho bei Perry Rubenstein zu den Publikumslieblingen des Abends zählte. Die Arbeit zeigt einen Anstreicher, der die Details des Weißen Hauses in Washington auf der 20-Dollar-Note mit weißer Farbe übertüncht. Pace Wildenstein eröffnete am nächsten Abend, nachdem sich der erste Ansturm gelegt hatte, mit Keith Tysons „Large Field Array“. 230 in klarer Formation aufgereihte Skulpturen füllen die Galerie in Größe einer Lagerhalle. Die monumentale Arbeit des Turnerpreisträgers war bereits in den Niederlanden auf Tour und ging an zwei Londoner Sammler, die dafür ein Museum in Las Vegas planen.

Uptown feierte Marian Goodman mit ihrer Galerie und Arbeiten von Künstlern wie Gerhard Richter, Thomas Struth oder Maurizio Cattelan 30. Geburtstag, während New Yorks Fotografie-Darling Jessica Craig-Martin nichts Neues einzufallen schien und sie wieder effektvoll mit Fotoausschnitten von Kussmündern und Schoßhündchen die High Society karikaturierte. Einen der schönsten Momente schenkte der Brite Martin Creed der abgekämpften New Yorker Kunstgemeinde mit seiner Neoninstallation „Small Things“ auf einem leeren Grundstück an der 25th Street in Chelsea. Es erinnerte in seiner beeindruckenden Größe daran, dass es die kleinen Dinge sind, die das Leben lebenswert machen.