Martin Parr - Parrworld

Hüter des Augenblicks

Seit mehr als 30 Jahren fotografiert Martin Parr Menschen und ihren Alltag. Seit ebenso langer Zeit sammelt er auch: Uhren, Bücher, Teller zu Themen wie Mondlandung, 9/11 oder Maggie Thatcher. Im Münchner Haus der Kunst eröffnet heute die umfangreiche Ausstellung "Parrworld" – und setzt Parrs Fotoarbeiten erstmals in einen Dialog mit seinen Sammlungen. art sprach mit dem Magnum-Fotografen darüber, warum Fotografen Sammler sind – und Sammler Künstler.

"Bad Weather" hieß die Fotoserie, die 1982 einen schlaksigen, jungen Engländer auf einen Schlag berühmt machte. Wochenlang war Martin Parr bei Sturm und Regen mit einer Unterwasserkamera durch die englische Provinz gezogen, um das schlechte Wetter zu fotografieren.

Auf den Schwarzweißbildern sieht man fluchtartig verlassene Partybuffets im Gussregen, hechtende Passanten unter Schirmen oder akkurat schneegeschippte Hauseingänge – auf den ersten Blick Alltäglichkeiten, die jeder festhalten könnte, auf den zweiten jedoch geniale Aufnahmen voller Witz und Gespür für den richtigen Augenblick. Auf einem Bild schlendert eine alte Dame lächelnd auf dem regennassen Bürgersteig, hinter ihr peitscht ein Doppeldeckerbus eine schulterhohe Spritzwelle auf. Nur eine paar Sekunden später dürfte die Frau von Kopftuch bis College-Schuh durchnässt gewesen sein. Parr allerdings hat den entscheidenden Moment davor gewählt, in dem die Geschichte, die das Bild erzählt, sich noch voll entfalten kann.

Dieser dokumentarische, narrative Aspekt zieht sich durch sein gesamtes Werk, egal ob er für die Serie "June Street" (1972) Working-Class-Familien in ihren Wohnzimmern porträtiert, in "The Last Resort" (1983-86) die fragliche Idylle des Strandlebens von New Brighton festhält oder in "Bored Couples" (1991) sich gelangweilt gegenübersitzende Paare in Restaurants und Bars fotografiert. Parrs Mittel ist die Serie: Er variiert bestimmte Themen wie Pferderennen, Verkaufspartys oder Statussymbole immer wieder. Indem er diese flüchtigen Augenblicke vervielfältigt, verleiht er ihnen Aussage und Gültigkeit. So potenziert sich die Wirkung der Bilder. "Mich interessieren nur Motive, die über sich hinaus weisen, und so will ich sie auch fest halten", beschreibt Parr dieses Vorgehen. "Fotografieren bedeutet für mich sammeln von Momenten."

Herr Parr, Sie sind vor allem als Fotograf bekannt – nun werden zum ersten Mal Ihre umfangreichen Sammlungen von Objekten gezeigt, gemeinsam mit Ihrer neuen Fotoserie "Luxury". Wie ergänzen sich Ihr sammlerisches Werk und Ihr fotografisches?

Sie ergänzen sich sehr gut, denn auch Fotografieren ist auch eine Form von Sammeln. Wenn ich eine Serie fotografiere oder ein Buch mache, sammle ich jedes einzelne Bild dafür. Und so fügt sich das Statement, das ich machen möchte, zusammen.

Was für ein Statement ist das?

Im Fall von "Luxury" geht es um Menschen und Geld, das ist fast schon politisch. Menschen mit zu viel Geld sind genauso ein Problem wie Menschen mit zu wenig Geld zum Leben. Die Welt ist zu reich geworden.

Was meinen Sie damit?

Wir sind der reiche Westen, wir sind nie zufrieden, wir neigen dazu, immer die anderen zu beschuldigen. Wir haben zu viel Besitz, an dem wir zu sehr hängen. Wir sind alle Teil des Problems, und deswegen spare ich auch niemanden bei meiner Arbeit aus.

Was macht dieser Wohlstand mit uns?

Ich weiß es nicht genau. Aber genau diese Frage soll man sich stellen, wenn man meine Bilder anschaut. Wenn Sie unbedingt eine Antwort wollen, gebe ich Ihnen diese: Wir sind alle Teil eines Systems und müssen die Verantwortung unserer Rolle darin tragen. Die wenigsten tun das.

Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie vor allem die englische Unterschicht fotografiert, dann die Mittelschicht und nun sind Sie bei der Oberschicht angekommen – wie kam diese Entwicklung zustande?

Das ist richtig, aber ich habe auch früher schon alle Ebenen von Wohlstand fotografiert, nicht nur die Arbeiterklasse. "Luxury" ist einfach nur ein neuer Fokus. Die Entwicklung, die Sie ansprechen, spiegelt im Grunde eine einzige Idee wider: wie der Mensch mit der ihm gegebenen Situation umgeht.

Sie sind immer sehr dicht an den Menschen dran – wie schaffen Sie es, nicht als Fremdkörper wahrgenommen zu werden?

Keine Ahnung. Es klappt zum Glück einfach so. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich immer sehr lange an den Orten und unter den Menschen aufhalte, so dass man mich irgendwann einfach vergisst. Irgendwann kommt immer der Punkt, an dem die Leute aufhören zu kichern, weil da jemand mit einer Kamera ist, und dann vergessen sie mich.

Haben Sie immer eine Kamera dabei wenn Sie vor die Tür gehen – für den Fall, dass Sie in eine interessante Situation geraten?

Nein. Ich nehme mein Equipment nur mit, wenn ich geplant habe zu fotografieren. Ich trenne das total.

Sie sammeln auch.

Ja, ich bin besessener Sammler. Und nun bin ich reich geworden und kaufe immer teurere Bücher. Ich liebe es, meine eigene Scheinheiligkeit aufs Korn zu nehmen. Es ist der alltägliche Zweispalt: Nur mit diesem Wohlstand, den ich ja eigentlich verurteile, kann ich mir all die teuren Bücher leisten. Meine Langzeitstudie über die Geschichte des Fotobands wäre ohne den Erfolg und das Geld, das ich damit verdient habe, unmöglich gewesen.

Wann haben Sie angefangen, Ihre umfassenden Sammlungen von Postkarten, Gedenktellern und Uhren systematisch aufzubauen?

Als ich mehr verdient habe und es mir leisten konnte, all diese Objekte aus purer Lust am Sammeln zu kaufen – also mehr oder weniger in den letzten 15 Jahren.

Wie sind die Dinge beschaffen, die Sie faszinieren?

Sie sagen etwas über die Zeit aus, in der sie entstanden sind. Meistens sind sie irgendwie mit Personen verknüpft, huldigen Saddam Hussein, Mrs. Thatcher, Bin Laden oder den Spice Girls. Oder sie haben mit Ereignissen der Zeitgeschichte zu tun, wie der Mondlandung, dem englischen Bergarbeiterstreiks oder 9/11. All die Gegenstände, die ich sammele, pointieren einen bestimmten Zeitkontext. Am besten bringen das vielleicht die Saddam-Hussein-Uhren auf den Punkt – in München werden etwa 80 verschiedene zu sehen sein.

Warum zeigen Sie diese Alltagsobjekte nun im Museum?

Weil der museale Raum ihnen einen völlig neuen Kontext gibt. Er bringt ihre zeitgeschichtliche Bedeutung überhaupt erst heraus. Ich hoffe übrigens, dass meine Fotos davon auch erfasst werden, dass sie ebenfalls vermitteln, wie sich Bedeutung durch Kontext verwandeln kann.

Wie werden Alltagsobjekte zu Ikonen der Zeitgeschichte?

Naja, indem die Zeiten sich ändern! Indem vermeintliche Helden fallen, Diktatoren abgesetzt werden, Regime scheitern, Ären zu Ende gehen und die Andenken plötzlich nicht mehr Gegenwärtigem huldigen, sondern in stumme Kronzeugenschaft übergehen. Allen Objekten wohnt eine gewisse Traurigkeit inne, übrig bleibt nur eine Aura von Vergänglichkeit. Das gefällt mir.

Sie haben unglaublich viele Objekte zu den einzelnen Themen …

… ich glaube, dass in der Masse eine entlarvende Kraft liegt. Viele ähnliche Dinge entfalten gemeinsam eine ganz andere Wirkung als ein Einzelstück, die generelle Aussage wird schneller deutlich, sie entlarven sich gegenseitig. Ich hoffe, dass die Besucher das auch so sehen, dass mein Konzept aufgeht. Mal abwarten.

Was denken Sie, wenn man Sie einen Chronisten oder Dokumentar unserer Zeit nennt?

Das macht durchaus Sinn, denn es ist genau das, was ich mit meinen Fotos und den Objektsammlungen versuche: die Zeit zu dokumentieren.

Haben Sie mittlerweile einen sicheren Blick für das historische Ausmaß von Ereignissen entwickelt?

Ja und nein. Manchmal kann man den Stellenwert von Ereignissen erst im Rückblick erkennen, wie bei den Bergarbeiterstreik-Tellern. Auf die bin ich erst kürzlich aufmerksam geworden durch einen Zeitungsartikel. Zu der Zeit, als die Streiks stattfanden, hatte ich sie noch nicht im Fokus – da hab ich das Boot verpasst. Bei den Thatcher-Tellern war ich allerdings zeitlich auf der Höhe, die hab ich damals schon gesammelt. Überhaupt muss man beim Sammeln multitaskingfähig sein und verschiedene Sachen gleichzeitig im Blick haben.

Sie müssen ziemlich viel Zeit auf Ebay verbringen…

… ja, das ist richtig. Ich finde die meisten Objekte auf Ebay.

Helfen Ihnen Assistenten?

Nein, nicht wirklich. Ich habe zwar Assistenten in meinem Londoner Büro, aber gerade die Objektsuche ist schwierig, denn niemand weiß so gut, was ich will, wie ich selber. Ich entscheide meistens aus dem Bauch, ob ein Objekt passt oder nicht – das ist reine Intuition.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich bereite gerade eine Foto-Serie in Dubai vor; und zwar werde ich bei einem Pferderennen und auf der "Dubai Art Fair" fotografieren – im Sinne von "Luxury". Ich bleibe erstmal weiter bei der Upper Class. Das besondere an diesem Projekt ist allerdings, dass die Ausstellung bereits wenige Tage nach dem Shooting stattfinden wird. Diese Unmittelbarkeit reizt mich. Samstag ist das Pferderennen, Dienstag eröffnet die Ausstellung in Dubai. So schnell wie heute haben sich Ereignisse noch nie überholt – die neue Serie wird das zeigen.

"Parrworld"

Termin: 7. Mai bis 17. August, Haus der Kunst, München. Und: 24. September bis 26. Januar 2009, Museum Beyerd, Breda, Niederlande. Weitere Stationen sind in Planung. Kataloge: "Objects", 19,95 Pfund, "Postcards", 29,95 Pfund.
http://www.hausderkunst.de/