Cellina von Mannstein - Fotografie

Ich liebe die Menschen, die ich fotografiere

Die Düsseldorfer Fotografin Cellina von Mannstein, 30, arbeitete als Assistentin für Terry Richardson und gewann mit ihren Bildern viermal hintereinander den Medienpreis "Lead Award". In ihrem neuen Bildband "Imperfect" (teNeues) zelebriert von Mannstein die Lust an düsteren Märchen und provokanter Erotik. art sprach mit ihr über bizarre Requisiten, Perfektion – und Pickel.

Liebe Frau von Mannstein, wollten Sie bereits als Kind Fotografin werden?

Cellina von Mannstein: Als Kind saß ich die meiste Zeit auf dem Pferd, ich war selten in der Schule. Später habe ich auf der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing studiert, dann in einer Filmproduktion gearbeitet, und erst dann begann ich mit der Fotografie.

Erzählen Sie bitte von Ihrem ersten Mal.

Das war mit einer alten R5-Kamera – ich wusste gar nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich habe damals eine befreundete Cutterin fotografiert – im Wald mit Engelsflügeln.

Warum?

Das hat sich einfach so ergeben, ich habe sie aber komischerweise gleich nackt fotografiert. Außerdem hatten wir noch Milchkannen und irgendwelche komischen Bänke dabei.

Sie arbeiten sehr oft mit merkwürdigen Requisiten.

Ich mache das, weil ich sonst das Gefühl habe, dass die Bilder langweilig werden. Wenn ich die Schneewittchengeschichte fotografiere, hat das Model vielleicht ein T-Shirt an, auf dem Schneewittchen steht. Dann würde ich mich aber fragen: Warum habe ich ihr jetzt keinen roten Apfel in die Hand gegeben? Auf einem Bild muss für mich immer eine Geschichte erzählt werden.

Hat Sie da Ihr filmischer Hintergrund beeinflusst?

Bestimmt. Auch wenn ich nie bewusst darüber nachgedacht habe. Fotos waren für mich stehende Bilder, aber auch in ihnen sollte ein roter Faden sichtbar werden. Meine Bilder sollten einen Anfang und ein Ende besitzen. Wie bei einem Storyboard.

Wie haben Sie Terry Richardson kennengelernt?

Ich war mit einer Freundin in London und besuchte eine Ausstellung von ihm. Damals kannte ich ihn noch gar nicht. Als ich der Galeristin ein paar Arbeiten von mir zeigte, sagte sie, dass sie meine Arbeiten an die Bilder erinnerten, die Terry gemacht habe, als er anfing. Daraufhin habe ich ihm geschrieben und gesagt, dass ich seine Arbeiten so toll finde.

Und wie sind Sie seine Assistentin geworden?

Ich bin ein "tough cookie". Ich habe nicht locker gelassen und immer wieder Briefchen und Collagen geschickt. Ich glaube, sie mochten das sehr. Dann wurde ich tatsächlich für drei Tage auf Probe nach New York eingeladen. "The German is coming", haben sie gesagt.

Was war das erste Projekt, das Sie mit Terry Richardson fotografierten?

Das war eine Arbeit für ein Magazin, und wir haben im Central Park fotografiert. Vor lauter Aufregung habe ich am ersten Tag verschlafen. Ich bin aufgewacht und habe gedacht: "Oh Gott, das kann nicht wahr sein!“ Denn normalerweise passiert mir so etwas nie. Ich habe mich unter Tränen entschuldigt und ihnen auch die Wahrheit gesagt.

Der Titel deines Buches lautet "Imperfect". Was ist das Unperfekte in Ihren Bildern?

Ursprünglich sollte das Buch "Imperfection Perfect" heißen, also: "Unvollkommenheit Perfekt". Aber der Verlag hat sich leider dagegen entschieden. Der Titel ist auf die Menschen bezogen, die ich fotografiert habe. Viele würden vielleicht sagen: Oh Gott, der hat Ekzeme oder Pickel, also hat er für mich etwas, das nicht funktioniert. Für mich ist aber jeder Mensch perfekt, weil ich die Menschen, die ich fotografiere, liebe. Für mich gibt es nichts Unperfektes, und ich finde es schlimm, wenn jemand über die Menschen, die ich fotografiert habe, urteilt und denkt, er sei etwas Besseres.

Wie gehen Sie im Moment des Fotografierens vor?

Ich mache nicht viele Bilder. Oft habe ich nachts eine Idee für ein Bild, dann stehe ich auf und zeichne das Bild. Meistens sind die Bilder danach dann wirklich so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Manchmal arbeite ich die ganze Nacht an diesen Skizzen. Ich liebe es morgens den ganzen Schreibtisch voller Ideen zu haben.

Auf Ihrer Webseite plädieren Sie für die "Freiheit in der Fotografie". Was bedeutet das für Sie?

Fotografie, wie jede Kunst, ist wertungsfrei. Das heißt auch: "Geh mir nicht auf den Geist!" Jeder soll seine Meinung haben und diese vertreten dürfen. Ich bin immer dann am besten, wenn ich das mache, was ich möchte. Ich mache mir darüber wahnsinnig viele Gedanken im Vorfeld, deshalb weiß ich, dass die Arbeiten gut werden, weil ich meine ganze Liebe und mein Herzblut da hineinstecke.

"Cellina von Mannstein – Imperfect"

Termin: bis 28. Februar, Kirsten Roschlaub Gallery, Hamburg. Bildband: Cellina von Mannstein: "Imperfect", teNeues, 144 Seiten, 45 Euro
http://www.teneues.de/teneuesshop/view_product~id~79265.htm