Otto Piene - Berlin

Am Anfang war das Licht

Sonnenraster und Lichtballette – die Werke von Otto Piene tanzen im Raum. Jetzt hat der ZERO-Künstler seinen glänzenden Auftritt in Berlin

Otto Pienes Lichtinstallationen lassen sich nicht einfach nur betrachten. Man fühlt sie. Sie fordern einen dazu auf, innezuhalten oder sich treiben zu lassen.

Kindliches Staunen kommt in einem hoch, vielleicht auch so etwas wie ein Glücksgefühl. Nach einer Weile wird man Teil des Lichts und entwickelt ein schwereloses Empfinden für den Raum, in dem man sich befindet.

Wir sitzen in einem ehemaligen Getreidesilo im Garten von Otto Pienes Farmhaus im ländlichen Ort Groton in Massachusetts. In dem Silo hängt ein jüdischer Stern, den Piene vor Jahren für eine Ausstellung am Massachusetts Institute of Technology (MIT), an dem er mehr als 20 Jahre lehrte, gefertigt hatte. Der beleuchtete, sechszackige Metall-stern dreht sich. Durch das eingestanzte Lochmuster fällt Licht auf die Innenwand des Silos. Sterne und Lichterpunkte schweben durch den engen Raum, sie tanzen im Kreis. Lichtballett nennt Otto Piene Arbeiten wie diese.

Im Silo nebenan hat Paul Matisse, der Enkel von Henri Matisse und Stiefsohn von Marcel Duchamp, der sich wie Piene in Groton niedergelassen hat, eine Glocke aufgehängt. An Abenden wie diesem sitzen Piene und dessen Ehefrau, die Dichterin Elizabeth Goldring, gern mit Gästen auf den Holzbänken im Silo und lassen die Glocke erklingen. Ein einzelner Ton füllt den Raum mit seinen Schwingungen. Die Arbeit sei ein Nachklang von Yves Kleins Symphonie Monoton – Silence, so Piene, der mit Klein befreundet war und mit dem Franzosen und seinem Künstlerfreund Heinz Mack im Winter 1959 in einem VW-Käfer von Düsseldorf nach Antwerpen kurvte, wo die drei an einer Gruppenschau teilnahmen. Otto Piene, ein charismatischer, gut aufgelegter, älterer Herr, ist trotz aller Bescheidenheit ein personifiziertes Stück Kunstgeschichte. Ein Pionier, der mit seinen ZERO-Kollegen aus alten Zeiten jetzt neu gefeiert wird.

Piene war mit Joseph Beuys befreundet, dessen damalige Freundin sich gern bei ihm ausweinte. Er arbeitete mit Nam June Paik zusammen und ließ die Konzertcellistin Charlotte Moorman beim Cellospielen mit einem Ballon in die Luft steigen. Als Hochzeitsgeschenk organisierte er für Hans Haacke die erste Einzelausstellung in New York. Er entwickelte neue Maltechniken wie die Rasterbilder, die sich je nach Lichteinfall verändern. Und die Rauch- und Feuerbilder, auf denen das Feuer die Farbe attackiert, Krusten bildet und Blasen schlägt. Er schuf Lichtplastiken und aufblasbare Windskulpturen, konzipierte Theaterstücke und Lichttänze. Mit "Die Sonne kommt näher" inszenierte Piene 1967 in New York eines der ersten multimedia­len Events und gilt als einer der Vorreiter der Videokunst. 1977 führte er mit 22 Künstlern auf der documenta den multimedialen Centerbeam vor, bei dem laserprojizierte Bilder und Hologramme mit den Naturelementen Wasser, Wind, Dampf und Licht vereint wurden. Ausstellungsräume reichten Piene nicht. Die Bilder der alten Welt sind mit schweren Rahmen armiert, der Beschauer wurde ins Bild gezwängt, gepresst wie durch einen Schlauch, er musste sich klein machen, schrieb Piene 1961. Er trug die Kunst nach draußen, wo man sie erleben konnte. Er nahm ihr das Elitäre, das Einschüchternde. Die Lichtkunst teilt sich gern mit, meint Piene. Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in München 1972 spannte er einen 700 Meter langen Regenbogen über das Gelände. Nach dem grausamen Massaker an den Athleten des israelischen Teams nahm Pienes Regenbogen als Symbol des Friedens eine noch stärkere Bedeutung an.

Pienes Light Ballet 1965 in der New Yorker Howard Wise Gallery ist die erste komplett dem Licht gewidmete Ausstellung in den USA. Noch im selben Jahr siedelt der damals 37-Jährige nach New York über, wo Kollegen wie Allan Kaprow, Claes Oldenburg oder Andy Warhol auf ihre Weise die Kunst revolutionieren. Er wird als Gastdozent an die University of Pennsylvania und 1968 an das frisch gegründete Center for Advanced Visual Studies (CAVS) am MIT geholt. Damit wird Piene, der Philosophie und Kunst studiert hatte, in das intellektuelle, akademische und technologische Zentrum der USA katapultiert. Er unterrichtet nicht nur an der Elite-Universität MIT, sondern auch Harvard-Studenten. Ab 1974 leitet er das CAVS, wo Kunst, Wissenschaft, Technologie und Medien zusammenfließen, was damals sogar in den USA revolutionär war. Mir gefielen die amerikanischen Studenten, weil sie geradeaus, helle und nicht bange zu fragen sind und Antworten erwarten, erzählt Piene. Deutschland blieb er dennoch in all den Jahren eng verbunden. Piene trägt zwei Armbanduhren, die eine tickt in nordamerikanischer, die andere in deutscher Zeit. Er behielt ein Atelier in Düsseldorf und flog jeden Monat nach Deutschland, um dort zu arbeiten.

Bislang habe ich es überlebt, kommentiert der 86-Jährige sein Arbeits- und Flugpensum trocken. Dann bewegt er sich mit kurzen, kleinen Schritten durch das unwegsame Gelände seiner Farm, die er seit Mitte der achtziger Jahre bewohnt.

Den vollständigen Text über den Besuch bei Otto Piene können Sie in der aktuellen Ausgabe von art – Juli 2014 lesen.

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Der Himmel über Berlin

Vom 17. Juli bis zum 31. August verwandelt Otto Piene die Neue Nationalgalerie durch Farbprojektionen in eine riesige Lavalampe, täglich von 22 bis 3 Uhr. Am 19. Juli findet zudem ein Sky-Art-Event mit illuminierten Luftskulpturen statt. Die Deutsche Bank Kunsthalle zeigt derweil frühe Arbeiten. Bis zum 15. August läuft in der langen foundation die Ausstellung Light and Sky. Am 9. August findet dort ab 16 Uhr ein Sky Event statt.
http://www.ottopieneinberlin.de/