Not in Fashion - MMK Frankfurt

Ungekünstelt und authentisch

Das MMK Frankfurt wirft einen Blick auf das wichtigste Jahrzehnt der Modefotografie: die 90er Jahre. Diese Zeit war der Ursprung einer neuen Generation.

So wie sie aussehen, dieser Lutz und diese Alex, hält man sie nicht für Fotomodelle. Er ein wenig muffelig in sich gekehrt, sie auf eine linkische Art neugierig, beide nicht übermäßig hübsch. Das, was sie da tun, im Baum sitzen, hält man auch nicht für eine Pose. Zumindest wenn man darunter das versteht, was ehrgeizige Model-Kandidatinnen bei Heidi Klum machen. Hier sitzen einfach zwei rum, denkt man.

Auf den zweiten Blick wundert es einen natürlich schon, dass der Mann einen lackroten Damenregenmantel anhat und sonst nichts. Die Frau trägt ein olivenfarbenes Herrenmodell und ist darunter ebenfalls nackt. Dass dieser scheinbar beim Herumalbern entstandene Schnappschuss in Wahrheit eine sorgfältig inszenierte Auftragsarbeit für das i-D Magazine von Wolfgang Tillmans ist, kann man sich heute weit besser vorstellen als zu seiner Entstehungszeit 1992, als Ungezwungenheit und Natürlichkeit in der Modefotografie völlig neue Elemente waren.

Tillmans, der längst als Künstler wahrgenommen wird, fotografierte seine für Kleidung werbenden Modelle genau so, wie er die Protagonisten diverser Subkulturen ablichtete: ungekünstelt und scheinbar authentisch. Und er war nicht der Einzige, der dem Genre in den neunziger Jahren einen radikalen Imagewandel verpasste. Als etwa Jürgen Teller 1996 Kristen McMenamy fotografierte, sah das Supermodel darauf mit ihrer fleckigen Haut, den Augenringen und den unfrisierten Haaren kein bisschen schön aus. Sie hatte nicht mal etwas an, wofür sie werben konnte. Stattdessen hatte man ihr ein Herz auf die Brust gemalt, in dem "Versace" geschrieben steht. Die Botschaft war klar: Diese Frau ist so stark und selbstbewusst, die braucht nicht einmal ein anständiges Make-up. Eigenschaften, die man unbewusst auch auf die erwähnte Marke überträgt.

Die Ausstellung im MMK zeigt anhand von 200 Fotoarbeiten, Originaldokumentationen und Magazinen, wie sich die Mode-Szene in den Neunzigern, vor allem in Zeitschriften wie i-D Magazine, The Face oder Six, neu erfand und sich die Genregrenzen zwischen Musik, Subkultur und Haute Couture aufzulösen begannen. Neben Tillmans und Teller sind etwa Mark Borthwick, Anders Edström oder Corinne Day vertreten, deren Schwarzweißaufnahmen Kate Moss so unbekümmert erscheinen lassen, als handele es sich um ein liebes Mädchen von nebenan. Performances und Modenschauen von Designern und Künstlern wie Vanessa Beecroft, Walter Van Beirendonk oder Kostas Murkudis ergänzen die Schau.

"Not in Fashion – Fashion and Photography in the 90s"

Termin: 25. September bis 9. Januar 2011, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main. Der Katalog erscheint im Kerber Verlag und kostet 35 Euro, im Buchhandel 39,95 Euro.
http://www.mmk-frankfurt.de/

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