Ai Weiwei - Berlin

Ai Weiwei – Aktivist in Abwesenheit

Mit seiner Berliner Ausstellung "Evidence" setzt der chinesische Konzeptkünstler ein deutliches Zeichen: für mehr Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Zivilcourage. Seit drei Jahren darf Ai Weiwei sein Land nicht mehr verlassen. Doch mit seiner Kunst prangert er weiter die Verfehlungen des Regimes an. Zum Beispiel dessen Mitverantwortung für die Erdbeben-Katastrophe in Sichuan. Dafür wurde er bedroht, verhaftet, gefoltert – aber nicht mundtot gemacht. Wenn überhaupt, dann ist die Stimme von Chinas wichtigsten Künstler-Aktivisten heute lauter und klarer denn je.
Homo politicus:Ai Weiwei kämpft mit den Mitteln der Kunst

Ai Weiwei-Graffiti in China

Der Schock dauert zwei Minuten, das Drama hält bis heute an. Am 12. Mai 2008, um 14.28 Uhr, bebt in Sichuan die Erde. Die chinesische Provinz wird von einem massiven Erdbeben der Stärke 7,9 erschüttert.

Millionen Menschen werden obdachlos, Hunderttausende verletzt oder getötet, darunter auch mehr als 5000 Schüler. Sofort fällt auf, dass in dem erdbebengefährdeten Gebiet sehr vie­le Schulgebäude eingestürzt sind, während Häuser in der unmittelbaren Umgebung unbeschädigt geblieben sind, was den Verdacht schürt, fahrlässige Bautechnik könnte mit Schuld an dem Unglück sein. Es werden Korruptionsvorwürfe gegen das Erziehungsministerium und Bauunternehmer laut. Statt den Fakten nachzuspüren, gehen die chinesischen Behörden gegen die trauernden Eltern vor. Man hält sie von den Trümmern fern, einige werden sogar verhaftet und müssen Erklärungen unterschreiben, die sie daran hindern sollen, mit Journalisten zu sprechen oder weitere Untersuchungen zu fordern.

Ai Weiwei besitzt Antennen für die Auswirkungen staatlicher Willkür

Das ruft Ai Weiwei auf den Plan. Der chinesische Konzeptkünstler ist damals schon ein Weltstar, einer, der vor laufender Kamera kostbare Urnen aus der Han-Dynastie zertrümmert und gegen kommunistische Kulturbarbarei protestiert. Einer, der 1001 Chinesen aus allen Gesellschaftsschichten zur documenta nach Kassel holt und in Peking ein spektakuläres Olympiastadion mitentwirft. Einer, der Kunst für Millionensummen verkauft und sich mit der chinesischen Regierung in Menschenrechtsfragen anlegt. Ai Weiwei besitzt feine Antennen für die Auswirkungen staatlicher Willkür. Er hat sie am eigenen Leib erlebt. Als Sohn eines regimekritischen Dichters, Ai Qing (1910 bis 1996), verbrachte er seine Kindheit in Verbannung und bitterer Armut. Seitdem schlägt sein Herz für die Underdogs, die Entrechteten und Schwachen der Gesellschaft. Nur zwei Wochen nach dem Erdbeben macht sich der Künstler auf den Weg ins Katastrophengebiet, im Gepäck Fotoapparat und Videokamera. Er dokumentiert die Zerstörung, interviewt die Opfer, fragt nach Namen, erstellt Listen der Toten, sammelt Betonproben für Materialprüfer. Immer wieder reist er nach Sichuan und löchert die Behörden mit unbequemen Fragen. "Es gibt immer noch keine Liste mit den Namen der vermissten Kinder und keine genaue Statistik über die Opfer. Die Öffentlichkeit weiß immer noch nicht, wie die Kinder heißen, wer ihre Familien sind, wer es versäumt hat, die Schulen mit Stahl zu verstärken, und wer beim Bau minderwertigen Beton für Fundamente und Stützpfeiler verwendet hat", schreibt Ai in seinem Blog. Wie gefährlich solche Äußerungen sind, erfährt der Künstler ein Jahr später, als er von Polizeibeamten krankenhausreif geschlagen wird. Eine Notoperation in einem Münchner Krankenhaus rettet ihm damals das Leben. Auch sein Blog wird immer wieder gelöscht, der Internetzugang blockiert, sein Atelier in Shanghai auf Anordnung der Behörden zerstört. Am 3. April 2011 wird er verhaftet, an einen unbekannten Ort verschleppt und 81 Tage lang in einer winzigen Zelle verhört. Bis heute kann er sich nicht frei bewegen. Sein Pass wurde ihm weggenommen, alle Reisen ins Ausland unterbunden. Gerade formierte sich unter dem Stichwort "Blumen für Ai Weiwei!" eine Solidaritätskampagne, die sofortige Reisefreiheit für den Künstler fordert.

Ai Weiweis Arbeiten funktionieren wie eine Flaschenpost

Wenn die chinesische Regierung glaubt, mit Einschüchterungsmaßnahmen ihren furchtlosen Kritiker zum Schweigen zu bringen, hat sie sich getäuscht. Wenn überhaupt, dann ist Ai Weiweis Kampfgeist durch die drastischen Repressalien eher noch gewachsen. Aus dem Künstler, der sich ab und zu politisch äußert, ist ein Vollzeitdissident geworden, ein Homo politicus, für den jede Geste, jede Äußerung und jedes künstlerische Projekt eine politische Komponente hat. Das zeigt sich jetzt auch in der Ausstellung im Berliner Martin-Gro­pius-Bau. Dort zeigt Ai Weiwei unter dem Titel "Evidence" über 30 aktuelle, zum Teil raumfüllende Arbeiten, die alle auch eine politische Komponente in sich tragen. Wobei sich die politi­sche Aufladung oft erst auf den zweiten Blick erschließt. "Ai Weiweis Arbeiten funktionieren wie eine Flaschenpost, der tiefere Sinn ist im Inneren verborgen", sagt Gereon Sievernich, Direktor des Martin-Gropius-Baus, der die Schau gemeinsam mit dem Künstler konzipiert hat. Da gibt es zum Beispiel einen Raum mit Flusskrebsen. 5000 lebensecht aus Porzellan geformte Krabben bilden einen aufgeschütteten Kreis. Eine wimmelige Installation, deren Hintersinn in der Doppelbedeutung des chinesischen Wortes für "Flusskrabbe" liegt: "He Xie" ist ein Homophon des Wortes "Harmonie", das von der chinesischen Führung gern in politischen Slogans verwendet wird, in Internetkreisen aber im ironischem Sinne für Gleichschalten und Zensur steht. "Weil diese Bedeutungsentwicklung den Zensoren nicht gefiel, wurde das Wort 'Harmonie' selbst zensuranfällig und von Netzbenutzern durch 'Flusskrabbe' ersetzt", erklärt der Sinologe Klaas Ruitenbeek, Leiter des Museums für Asiatische Kunst in Berlin. Wenn heute in einem chinesischen Internettext der Begriff "Flusskrabbe" auftauche, bedeute das, "hier droht Zensur". Als die chinesischen Behörden Ai Weiwei 2010 mit dem Abriss seines Ateliers in Shanghai drohten, rief der Künstler zur "Flusskrebs"-Party auf dem Gelände ein, was die Polizei zum Anlass nahm, den Künstler in Peking unter Hausarrest zu stellen.

Götzenhafter Überwachungswahn

So schichten sich in Ai Weiweis Arbeiten Bedeutungsebenen übereinander wie russische Matroschka-Puppen. Selbst in den einfachsten Objekten stecken hochkomplexe Geschichten, etwa in dem Kleiderbügel aus Bergkristall, der in der Ausstellung zu sehen sein wird. Er ist einem Billigmodell aus Plastik nachempfunden und verweist auf Ai Weiweis entwürdigende Haftbedingungen, in denen die Zuteilung eines Kleiderbügels den größten Luxus bedeutete. Oder die Überwachungskameras aus weißem Marmor, die im Foyer des Gropius-Baus über dem Eingang zum Lichthof hängen werden. Es sind steinerne Kopien derselben Kameras, die ständig auf Ai Weiweis Haus gerichtet sind. Der dafür verwendete Marmor stammt aus einem Steinbruch bei Peking, in dem schon zahllose Kaiserdynastien Material für ihre Denkmä­ler fanden, aus dem aber auch das Mao-Mausoleum, also das Ehrenmal des heldenhaften Siegers über die dynastische Dekadenz, gefertigt wurde. Jetzt dient der Stein als Rohmaterial für eine banale Kameraskulptur und wird damit zum steinernen Sinnbild für Chinas götzenhaften Über­wachungs­wahn. Die Materialien, die Ai Weiwei für seine Werke benutzt – Teakholz von abgerissenen buddhistischen Tempeln, verbogene Armiereisen aus dem Erdbebengebiet, Autolack auf antiken Vasen – bringen immer ihre eigene Geschichte mit. Und vermitteln mal auf plakative, mal auf subtile Weise einen Deutungsansatz, der über das rein Formalästhetische weit hinausreicht.

Fragile Mahnmale einer Katastrophe

Bis heute treibt der Künstler auch seine Untersuchung der Vorgänge von Sichuan weiter. In seinem Studio in Peking wird die Liste der Opfer ständig aktua­lisiert, auf seiner Website dokumentiert er die Ergebnisse seiner "Bürger-Ermittlun­gen". Letztes Jahr zeigte er auf der Biennale in Venedig die Arbeit "Straight", eine Boden­skulptur aus recyceltem Armierungsstahl aus den Ruinen Sichuans, sowie einen Dokumentarfilm, der den Behördenpfusch am Bau offenlegt. Auch in der Berliner Ausstellung greift er das Thema wieder auf und stellt die verbogenen Armierungseisen als Marmorskulpturen und auf hölzernen Gestellen aus – als fragile Mahnmale einer Katastrophe, die hätte verhindert werden können. Für die art-Leser hat Ai Weiwei zudem aus dem Sichuan-Namelist-Projekt eine besondere Edition gestaltet: Als chinesische Schriftzeichen bilden die Namen aller bei dem Erdbeben ums Leben gekommenen Schulkinder ein fortlaufendes farbiges Streifenbild, ein sprechendes Memento mori, das den namenlosen Opfern ihre Identität wiedergibt. Oder wie der Künstler selbst sagt: "Ein Name ist die erste und letzte Kennung, an der die Rechte des Einzelnen festgemacht werden können, das einzig Feststehende in der sich ständig verändernden Welt der Menschen: Ein Name ist gleichsam unser fundamentalstes Menschenrecht: Jeder lebende Mensch hat einen Namen, egal, wie arm oder reich er ist, und mit diesem Namen sind alle möglichen Segenswünsche in der Hoffung auf ein gutes, rechtschaffenes Leben verbunden." Seinen eigenen Namen hat Ai aus Solidarität mit den Opfern an den Anfang gestellt.

Ai Weiwei Evidence

Termin: bis 7. Juli, Martin-Gropius-Bau, Berlin

Katalog: Prestel Verlag, erscheint am 24. April, 39,95 Euro
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