Schwerfel On Tour - Reisetagebuch Asien

Schwerfel On Tour: Shanghai-Biennale

Von Gwangju bis Yokohama – innerhalb von zwei Wochen finden in Südkorea, Festlandchina, Taiwan, Singapur und Japan sieben Biennalen und Triennalen statt. Unser Korrespondent Heinz Peter Schwerfel ist vor Ort – und berichtet exklusiv für art aus den asiatischen Kunstmetropolen. Teil drei: die Shanghai-Biennale. In den nächsten Tagen folgen: Messe Shanghai Contemporary und Yokohama-Triennale.
Eine Rundreise durch Asiens Biennalen:Teil drei: die Shanghai-Biennale

Publikumsliebling der diesjährigen Biennale: Die Dinosaurier mit menschlichen Fratzen des chinesischen Künstlers Yue Minjun

"Ein Kunstwerk muss bedeutsam sein" steht in dicken Lettern über dem Eingang des Shanghai Museum for Modern Art, und keiner schaut hin. Die in Paris und Berlin lebende walisische Künstlerin Bethan Huws hat das Motto der 7. Biennale auf Französisch formuliert, es trifft auf fast alle ausgestellten Werke zu, doch bleibt sein Sinn den meisten Besuchern verborgen.

Aber das macht nichts, Subversion ist hier Programm – die Bevölkerung von Shanghai, Chinas altem und neuem Finanzzentrum, der offiziellen Vorzeigestadt für Bauboom und Weltoffenheit, de facto Notstandsgebiet mit Rekordkorruption und Gucci-Alarm, soll die Kunst im Sturm einnehmen. Und erst einmal gar nicht merken, dass sie sich selbst im Spiegel anschaut.

Das Kuratorenteam – der Chinese Zhang Quing, Julian Heynen aus Deutschland und Henk Slager aus den Niederlanden – hat trotz anfänglicher Abstimmungsprobleme gute Arbeit geleistet. Und das zahlende Publikum stand schon am Morgen des ersten Tages Schlange. Bedeutsamkeit heißt ja nicht, dass die Botschaft einem direkt ins Gesicht springen muss. Die meisten der in Shanghai ausgestellten Werke, vor allem die chinesischen, locken die Besucher mit verführerischen Netzhautreizen. Gigantische Stahl-Ameisen und kitschige Pferde aus bemalter Bronze, die wie Porzellan wirken soll, oder ein haushoher "Turm von Babel" mit lebenden Tauben oder eine verrostete Dampflok in Lebensgröße laden das mit Digitalkameras bewaffnete Publikum zum Souvenirfoto, ehe es im Waggon von Jing Shi Jians "Express Train" merkt, dass es hier um mehr geht als nur unterhaltsame Glitzerkunst: Auf Geheiß des Großen Vorsitzenden wurden im "Express Train" zwangsweise unliebsame Intellektuelle zur Umerziehung aufs Land verbannt. Ihre Angehörigen winken ihnen hinterher, mit Mao-Bibel in der Hand – für viele wird es zur Reise ohne Wiederkehr.

Dekorative Ameisen und verkitschte Pferde

Die diesjährige Biennale steht unter einem klaren Thema in unklarer Formulierung, nämlich "TransLocalMotion", und dieses wird von Künstlern und Kuratoren konsequent durchgezogen. Die dekorativen Ameisen von Cheng Ziugang sind nun mal anonyme Arbeitstiere in Massenhaltung, die verkitschten Pferde Yu Fans stehen für den Dialog von Vergangenheit und Gegenwart und erinnern daran, dass der Tianmen Platz, auf dem das Kunstmuseum steht, ursprünglich als Pferderennbahn angelegt wurde.

Der Renmin-Platz ist das konkrete, Shanghai das übergreifende, die Migrationsprobleme des modernen China das universelle Thema der Biennale. Im Erdgeschoss des Museums wird die reale Außenwelt ins Museum geholt, in einem eher an eine Gefängniszelle denn an eine Videolounge erinnernden Zusammenspiel von Überwachungskameras und eingespielten Tanzperformances bei Ricardo Basbaum. Oder einer "DeriVed" genannten Videoinstallation der Berlinerin Hito Steyerl über den Renmin-Platz als Drehort zahlreicher Kinofilme, auf dem heute von illegalen Zuwanderern Raubkopien auf DVD verkauft werden. Thomas Ruff zeigt große, verpixelte, aus dem Internet heruntergeladene, Abbildungen der Skyline Shanghais und Ayse Erkmen eine Filmmontage aus Klischees, mit denen die Massenmedien die Besucher auf Shanghai vorbereiten wollen.

Und wieder sind es die Chinesen, die – für das westliche Auge erst einmal zu süßlich – Bedeutsamkeit hinter Glamour verstecken. Lu Hao druckt malerisch unscharfe Fotos von Massenware in den Auslagen der unter dem Tiananmen gelegenen Einkaufspassagen auf Seide, Ma Baozhong klotzt auf einem großen Wandbild mit Photoshop-Effekten populärer Stars, Politiker und Sportler. Wang Quingsong baut eine Kofferecke mit dem lakonischen Titel "Gepäck" auf, und Zhou Tao schliesslich sorgt für das amüsanteste Video der Biennale, einen militärmusikalischen Zusammenschnitt vom morgendlichen Appell der Belegschaften größerer Geschäfte und Unternehmen mit dem bezeichnenden Titel "1,2,3,4".

Hässliche Monster als Publikumslieblinge der Biennale

Obwohl die Biennale insgesamt einen erstaunlich einheitlichen Eindruck hinterlässt, spürt man doch die Handschriften der einzelnen Kuratoren. Im ersten Stock gibt es große Einzelpräsentationen von drei Künstlern, die perfekt die Auswahlkriterien jedes Kurators spiegeln. Der Deutsche Heynen zeigt Mike Kelleys Rauminstallation "Kandor Con" aus der Sammlung Falckenberg, einen multimedialen Verkaufssalon für eine utopische Immobilie, welche "die Mauern der Festung Einsamkeit" einzureißen verspricht und dem "Superman"-Comic entnommen ist. Der Niederländer Slager, der sich bei seiner Auswahl zu Feldforschung und künstlerischer Soziologie bekennt, hat seine Landsleute Lonnie van Brummelen und Siebren de Haan eingeladen, europäische und chinesische Filmdokumente zu einer universellen Installation über urbane Migration im Spiegel gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung zu koppeln. Inmitten eines halben Dutzends Filmprojektoren ist ihr 2007 schon einmal in Paris gezeigtes Skulpturenfeld aus gigantischen Zuckerstückchen, das "Zuckermonument", zu sehen – vielleicht ein Seitenhieb auf den in Peking mit einem Privatmuseum vertretenen ehemaligen Zuckerbaron und Sammler Ullens aus Belgien?

Und wieder ist es auch bei den Einzelpräsentationen der chinesische Kurator Zang Quing, der für Spektakel und Unterhaltung sorgt, selbst wenn dieses Mal die Bedeutungsebene bei "Bunte laufende Dinosauriern" von Yue Minjung ausnahmsweise etwas zu kurz kommt. Zwei Dutzend hässlicher Urgetümer mit menschlichen Fratzen, bonbonbunt aus Stahl und Kupfer, wurden sofort zum Publikumsliebling der Biennale, ein Renner, von dem auch die benachbarte und immer voll besetzte Black Box von Ulrike Ottinger profitierte, die ihren Film "Exile Shanghai" von 1996 über Weltkriegs-Emigraten zeigte. Und nach ihren Spaziergängen durch das heutige Shanghai viele ihrer Drehorte, etwa im Viertel der ehemaligen französischen Konzession, kaum wiedererkannte. Die Modernisierung der Stadt wird radikal und kompromisslos betrieben, auf Kosten der Bewohner ehemaliger Altstadtviertel, die in die Wohnsilos der Vororte verbannt werden.

Ein möglicher Weg in die Zukunft

Zum ersten Mal seit langem leiden in Shanghai Menschen wieder Hunger, auf Luxusstraßen wie der Nanjing Road West wimmelt es von Bettlern, während schlechtbezahlte Wanderarbeiter auf den Baustellen von Prada, Max Mara oder Cartier rackern. In Shanghai sind selbst die Spatzen dünn, und eine der schönsten Arbeiten ist eine Box mit dem schlichten Titel "1/2 Life" von Jin Shi, eine realistisch-schmutzige Rekonstruktion des durchschnittlichen Habitats eines Wanderarbeiters im Maßstab Eins zu Zwei. Auf fünf Quadratmetern gibt es Bettstatt, Waschecke, Kochnische. Und natürlich einen Fernseher.

Immer, wenn man befürchten muss, dass die 7. Shanghai Biennale in Kitsch und Konsumkunst abrutschen könnte, entdeckt man hinter der glitzernden Fassade eines Malers wie He Hinju, dass es sich um melancholische Beschwörungen von Szenen in Shanghai spielender Kinofilme handelt und dass Ausstellungsthema nicht vergessen wurde. Ihm gegenüber hängen fünf große Fotografien des Düsseldorfers Klaus Mettig, in aufwendiger Postproduktion digital manipulierte Reportagefotos in Altarbildformat aus Bhutan, Delhi oder Dubai, die das scheinbar nur lokale Thema der diesjährigen Biennale von Shanghai stellvertretend für die ganze Ausstellung noch einmal ins Globale hieven und von der armutsbedingten Wanderung erzählt, die mit Landflucht beginnt und mit der innerurbanen Vertreibung vor Sanierung und Modernisierung noch lange nicht endet. Ein möglicher Weg in die Zukunft, welcher der die Gegenwartskunst im Sturm nehmenden Bevölkerung von Shanghai hoffentlich nicht verborgen bleibt, hinter dem verführerischen Charme dieser Biennale.

"7. Shanghai-Biennale"

Termin: bis 16. November, Shanghai, China.
http://en.shanghaibiennale.org/index.php