Ute und Werner Mahler - Interview

Zeitlose Mona Lisa

Ute und Werner Mahler sind seit 40 Jahren ein Paar und haben mit "Monalisen der Vorstädte" ihr erstes gemeinsames Projekt durchgeführt. In verschiedenen europäischen Großstädten fotografierten sie Frauen von der Straße, die zusammen mit den vorstädtischen Bildhintergründen den Geist der Mona Lisa transportieren. Anlässlich ihrer Ausstellung in Berlin sprachen beide Fotokünstler mit art-Korrespondent Kito Nedo und stellten klar: Digitale Fotografie ist zu schnelllebig, Mona Lisa hingegen zeitlos.
Zeitlos:Ute und Werner Mahler in Berlin

Ute und Werner Mahler: "Sian", Liverpool 2009

In Berlin zeigen Sie gerade die Ausstellung "Monalisen der Vorstädte". Was haben Ihre Monalisen mit dem Original im Pariser Louvre gemeinsam?

Ute Mahler: Was unsere Idee mit der Mona Lisa im Louvre verbindet, das ist nicht die Person, nicht diese Frau, auch nicht diese Gegend im Hintergrund. Es ist dieses Gesicht, in das man endlos schauen kann und doch nie wirklich ein Antwort bekommt.

Man fragt sich: Was ist das für ein Ausdruck? Das, was man sieht, hängt von der eigenen Tagesform ab. Es ist diese Offenheit, die uns an diesem Bild interessiert hat.


Historisch gesehen hat die Erfindung der Fotografie zur Befreiung der Malerei beigetragen – wieso beziehen Sie sich als Fotografen nun ausgerechnet wieder auf ein Gemälde?

Ute Mahler: Wir beziehen uns nicht auf das Gemälde, sondern auf dessen Rätsel. Sonst hätten wir uns ja viel dichter am Original entlang bewegen müssen. Es ging um diese Ausstrahlung.

Werner Mahler: Uns ging es auch um den Menschen im Raum. Wie verhält er sich? Das ist ein endloses Thema. Man braucht einen Punkt, an dem man anfängt. Von dort aus geht es weiter. Uns ging es nicht darum, ein Gemälde nachzustellen. Wir haben die Idee aufgegriffen, diese Metapher für Geheimnis. Wir planen jetzt auch keine Serie "Das Mädchen mit den Perlenohrringen" oder "Dame mit dem Hermelin". Sowas interessiert uns nicht.


Erinnern Sie sich noch an die Begegnung mit ihrer ersten Mona Lisa?

Ute Mahler: Die fand schon lange vor unserem Projekt statt. Anfang der siebziger Jahre habe ich ein Porträt gemacht – da hatte eine Frau dieses Gesicht. Ich habe Sie nicht als Mona Lisa gesehen, sondern eher diese Zeitlosigkeit – ein Antlitz, das wie aus der Zeit gefallen wirkt. Von da an habe ich die Antennen ausgefahren.


Sie haben an ganz verschiedenen Orten fotografiert: Berlin, Reykjavik, Liverpool, Minsk und Florenz. Wie haben sie ihren Models eigentlich erklärt, was sie suchen?

Werner Mahler: Wir haben die Modelle nicht vorher gecastet, sondern einfach auf der Straße angesprochen und sie so aus ihrer Alltäglichkeit herausgerissen. Für die Frauen war das auch etwas Besonderes, so etwas passiert ja nicht jeden Tag. Wir haben ihnen erklärt, warum wir Sie fotografieren wollen, wie unsere Idee aussieht. In der Regel brauchten wir nur ein, zwei Sätze dafür. Die Frauen waren ziemlich schnell einverstanden, dass wir sie fotografieren. Alle kannten die Mona Lisa. Spätestens als man "da Vinci" gesagt hat, hat es Klick gemacht. Wir hatten immer auch ein paar Testfotos dabei. Sobald die Ernsthaftigkeit klar war, haben Sie zugestimmt.

Ute Mahler: Das Tolle war: wir haben ihnen nicht das Bild der Mona Lisa gezeigt. Sie haben aus ihrer Erinnerung heraus posiert. Dieser Versuch, das nachzuempfinden, was man selbst darunter versteht – das finde ich spannend. Wie stellt sich jemand so einen Ausdruck vor?


Ihr Projekt handelt auch von der Vorstadt. Das ist ein Ort, wenn man etwa an die französischen Banlieus denkt, an dem man sich als Fremder nicht unbefangen bewegt, vor allem nicht mit Stativ und einer Großbildkamera – welche Strategien legt man sich als Fotograf zurecht?

Werner Mahler: Wir hatten keine Strategie. Man hat unsere Ernsthaftigkeit erkannt. Uns ging es ja erkennbar nicht darum, mal schnell ein Bildchen zu machen: Man musste sich ja hinsetzen, da sprangen zwei Menschen herum, es war eine ganz offene Situation. Nichts wurde versteckt. Die große Ruhe, die wir da reingekriegt haben, die wurde auch akzeptiert. Wir sind fast nie gestört worden, durch Zwischenrufe etwa.

Ute Mahler: Vielleicht hat diese demonstrative Aktion mit der großen Kamera geholfen. Den Leuten, die sich um uns herum befanden, war auch klar, dass wir uns nicht direkt für sie interessieren, dass wir da außerhalb ihres Bereichs operieren. Gleichzeitig war das Ganze aber auch vollkommen öffentlich. Allerdings sind wir auch bewusst nicht in solche extrem sozial komplizierte Gebiete gegangen. Wir wollten keine Sozialdokumentation machen. Das wäre eine andere Arbeit gewesen.


Um die Identität der Mona Lisa ranken sich viele Theorien. Welche Rolle spielt die Identität ihrer Monalisen?

Ute Mahler: Wir kannten die Frauen nicht. Also ist es im Grunde vermessen, zu sagen: Wir haben ein Porträt von ihnen gemacht. Man kann kein Porträt machen, wenn man nichts über jemanden weiß. Also geht es im Grunde genommen nicht um Identität, sondern um so ein Wechselspiel von Äußerlichkeit und Innerlichkeit. Deshalb ist es auch kompliziert zu sagen, dass es diese oder jene Person ist, obwohl das sicherlich auch stimmt. Ich empfinde diese Bilder strenggenommen nicht wirklich als Porträts.


Sie kombinieren ihre Porträtaufnahmen mit Ansichten von Häuserfassaden und menschenleeren Straßenszenen. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Porträt- und Architekturfotografie?

Werner Mahler: Diese Zusammenhänge gibt es. Sie sind gegeben durch die handwerkliche Herangehensweise. Also: Mit welchem Werkzeug umgibt man sich, um was zu machen? Wir haben bei diesen Architekturen, ähnlich wie bei den Porträts auch nicht das Vordergründige, Spektakuläre gesucht, sondern in der Allgemeinheit, in der Normalität das Kleine, Besondere. Das konnte beispielsweise eine bestimmte Lichtsituation sein. Deshalb haben wir uns den Häusern so genähert wie den Frauen: alles sehr frontal – also eine echte Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Wir haben große Fluchtpunkt-Perspektiven vermieden, was man gerade in der Stadt sehr gerne macht. Technisch haben uns auch auf ein Normalobjektiv, ein leichtes Weitwinkel, beschränkt. Dieser Ansatz ist einfach, unspektakulär und geradeaus. Ich möchte soviel Exaktheit und Genauigkeit erreichen, dass der Betrachter verleitet ist, sich das Bild länger als diese berühmte Sekunde anzusehen. Das ist die Herausforderung an jeden Fotografen.

In letzter Zeit sorgten so genannte Streetstyle-Blogs wie The Sartorialist, Facehunter oder Stil in Berlin für neue Formen der Modeästhetik. Man könnte auch von einer sehr stilisierten Form der Street Photography sprechen. Inwiefern sind solche Phänomene interessant für Ihre eigene Arbeit?

Ute Mahler: Diese Phänomene haben für unsere Arbeit keine Rolle gespielt.

Werner Mahler: Vielleicht haben sie insofern eine Rolle gespielt, dass wir genau dagegen sind. Diese Schnelllebigkeit, in einer gewissen Weise auch Oberflächlichkeit – wobei man hier sehr vorsichtig mit diesem Begriff sein muss. Für mein Gefühl zumindest verrennen sich die Leute doch in Kurzlebigkeiten. Wir haben uns auf die Traditionen der Fotografie bezogen: nicht nur bei der Technik, bis hin zu dem Umstand, dass die Leute eben sitzen, ohne die Chance, sich groß zu bewegen. Nachdem wir entschieden hatten, wie wir es machen, hatten wir auch als Fotografen nur noch wenig Bewegungsfreiheit. Uns war klar: wir nehmen immer die gleiche Kamera, immer das gleiche Objektiv, versuchen, das Licht nicht so vordergründig werden zu lassen, was oft schwierig ist. Zudem haben wir einen Blick immer leicht von unten gewählt, um unsere Wertschätzung gegenüber den Frauen zu zeigen.

Ute Mahler: Wir haben uns bewusst entschieden, uns die Zeit zu nehmen. Wir wollten weg von dieser Schnelligkeit. Digitalfotografie ist eine schnelle Fotografie. Damit meine ich wirklich Flüchtigkeit. Beim digitalen Fotografieren lässt man sich gar nicht mehr die Zeit, das Gegenüber oder die Situation wirken zu lassen, aufzunehmen, die Spannung aufzubauen. Man guckt ja immer sofort auf dem Display nach, ob man "es" hat. Aber das kann man so eigentlich nicht erkennen. Das ist eine Frage des Gespürs. Doch das fehlt in der Digitalfotografie – es sei denn, man klebt hinten das Display zu. Es geht nicht darum, gegen die Digitaltechnik zu polemisieren, sondern gegen die Flüchtigkeit, die durch sie entsteht.


Hätten Sie sich auch vorstellen können, in Farbe zu fotografieren?

Werner Mahler: Wir hätten sicherlich auch in Farbe fotografieren können. Es wäre weitaus schwerer geworden. In der Fotografie ist die Farbe eine zusätzliche Informationsebene, die ganz entscheidend ist. Da wird es manchmal schwierig: Wenn man Pech hat, läuft eben im Hintergrund dann doch einer mit einem roten Mantel vorbei, und selbst wenn der nur so klein ist, hat man plötzlich einen Fixpunkt im Bild.

Ute Mahler: Aber das war nicht der eigentliche Grund. Wir fotografieren ja seit 20, 30 Jahren auch in Farbe. Das war eine andere Entscheidung. Farbfotografie definiert genauer die Zeit, in der das Bild entstanden ist. Uns ging es mehr um eine Zeitlosigkeit.

Werner Mahler: Gottseidank haben wir ja unterschiedliche Herangehensweisen. Deshalb ist die Arbeit so komplex geworden. Gerade bei der Auswahl der Bilder haben wir uns manchmal sehr in die Haare gekriegt.


Sie arbeiten beide als Fotografen. Sie sind seit 40 Jahren ein Paar. Doch das Monalisa-Projekt ist ihre erste gemeinsame Arbeit – wieso hat es eigentlich solange gedauert?

Ute Mahler: Das weiß ich auch nicht. Manches braucht einfach seine Zeit.

Werner Mahler: Arno Fischer, ein Freund von uns, sagte immer: "Zufälle kann man provozieren". Das heißt: Wenn man nur auf die Zufälle wartet, funktioniert das nicht. Man muss eben etwas machen, man muss laufen, sich bewegen. So kann man die Zufälle herbeiführen. Und so war das vielleicht auch mit dieser Arbeit. Wir haben nie darüber gesprochen, mal ein Thema zusammen zu machen. Ute hatte die Idee und brauchte einen Assistenten. Also bin ich mit nach Island gefahren und habe assistiert. Nach zwei drei Tagen wurde deutlich, wie stark sich unsere Arbeitsabläufe und Ideen vermischten. Deshalb waren uns ganz schnell einig, dass das ein gemeinsames Projekt ist. Also, es war zufällig und zugleich vorprogrammiert.

Ute Mahler: Das war kein Plan, es hat sich einfach ergeben. Wir haben uns ja in den vergangenen 30, 40 Jahren häufig gegenseitig assistiert. Aber da hat man sich inhaltlich nicht eingemischt. Insofern war die Ausgangssituation gewohnt. Bald haben wir jedoch gespürt: Das hier ist was Neues. Vorher hatte jeder seine eigenen Themen. Plötzlich gab es ein Thema, was uns beide interessiert hat. Wir arbeiten jetzt an etwas Neuem. Das empfinde ich als Bereicherung.

Ute und Werner Mahler: "Monalisen der Vorstädte"

bis 7. Januar 2012, Galerie Dittrich & Schlechtriem, Berlin
http://www.dittrich-schlechtriem.com/artists/ute-and-werner-mahler/