Paul McCarthy - Utrecht

Quietschbunt und irritierend

Bei der Freiluftausstellung „Air Pressure“ in Utrecht machte starker Wind den aufgeblasenen Skulpturen des amerikanischen Künstlers Paul McCarthys zu schaffen

Am vierten Tag kannte Petrus keine Gnade mehr und schickte schwere Windstöße übers Land. Die fegten auch durch die Botanischen Gärten der Universität Utrecht und machten dem fast 25 Meter hohen "Santa Butt Plug", einer aufblasbaren Skulptur des US-Künstlers Paul McCarthy, so zu schaffen, dass sie vorübergehend abgebaut werden musste. Auch aus "Daddies Ketchup" ließen die Organisatoren der Freiluftausstellung "Air Pressure" vorsichtshalber wieder die Luft: "Zu gefährlich", erklärt Sprecherin Nienke van Beers. Im letzten Jahr, bei einer Ausstellung in der Schweiz, sei der Shit Pile, ein 15 Meter hoher und fast 34 Meter breiter Haufen Fäkalien, weggeflogen, "und das war doch eine Menge Plastik!"

Davon kann auch das Aufbauteam ein Lied singen, das die insgesamt zehn Figuren bei Bilderbuchwetter und schweißtreibenden tropischen Temperaturen aufgepumpt hatte: Pro Kunstwerk waren bis zu sechs Mann nötig, um die Plastikmassen zu zähmen und in Form zu ziehen. Jetzt stehen sie unübersehbar zwischen blühenden Sträuchern und Bäumen – auf den ersten Blick einfach nur quietschbunt, grell und lustig, auf den zweiten irritierend und nachdenklich stimmend: Nicht umsonst gilt McCarthy als Meister im Kombinieren von Leichtigkeit und Spaß am Gucken mit herber Kritik an der Maßlosigkeit unserer Konsumgesellschaft: Sie sehen so niedlich aus, die beiden rosa Schweinchen, doch die heile "Piggies"-Welt trügt: Das Ferkel hat schon keinen Kopf mehr, die Mutter sinkt sterbend in die Knie. Und der Weihnachtsbaum, den "Santa Butt Plug" in der Hand hält, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Analdildo.
Der 64 Jahre alte Künstler selbst war zum Aufbauen seiner Schau angereist und erwies sich als vorbildlicher Hollandbesucher: Mit einem Fahrrad ausgerüstet, radelte er unermüdlich auf dem Parkgelände hin und her, um dabei ebenso unermüdlich die Toleranz und Offenheit der Niederländer zu rühmen: Seine Ausstellung ist ein Geburtstagsgeschenk der Stadt Utrecht an die Universität, die 370 Jahre alt geworden ist und dass Kunstwerke einfach so im öffentlichen Raum aufgestellt werden, darüberhinaus auch noch finanziert mit Steuergeldern, das, so McCarthy, sei in L. A. doch ziemlich ausgeschlossen.
Völlig schutzlos allerdings machen sich "Piggies" und Co. nun auch wieder nicht in den Botanischen Gärten breit: Sie werden rund um die Uhr bewacht. Im Antwerpener Freiluftmuseum Middelheim, wo die aufblasbaren Skulpturen ebenfalls bereits zu sehen gewesen waren, hatte ein Kind eine von ihnen buchstablich zum Platzen gebracht – mit einem Filzstift.
Außerdem kennt auch die Toleranz der Niederländer ihre Grenzen: Die Originalbronzeskulptur von "Santa Butt Plug", die McCarthy 2001 für Rotterdam machte, hatte dort schwere Proteste ausgelöst: Die Rotterdamer wollten sie zunächst nicht im öffentlichen Raum dulden, jahrelang fristete Santa sein Dasein im Museum Boijmans van Beuningen, wo er bis 2008, wie es Direktor Sjarel Ex schmunzend nannte, "Asyl gefunden hatte".
Auch die Utrechter waren nicht alle erbaut von McCarthys Kunstwerken: "Viele finden sie zu grell und zu groß", weiß der Direktor der Botanischen Gärten Arie Oudijk. Selbst spricht er von einem reizvollen Kontrast und hofft, ein neues, anderes Publikum anzuziehen.
Auch Kinder sind dabei ausdrücklich erwünscht: Es wurde sogar eine spezielle Audiotour entwickelt, von Kindern für Kinder. "Die Ausstellung ist absolut kinderfreundlich", betont Sprecherin Nienke van Beers. Kopflose Schweine könnten die Kleinen durchaus verkraften. Der Dildo allerdings bleibt auch in der audiotour ein etwas seltsam geformter Weihnachtsbaum: "Auf den gehen wir nicht näher ein."

Paul McCarthy: "Air Pressure"

Termin: bis 13. September, geöffnet täglich 10 bis 17 Uhr, Botanische Tuinen: Fort Hoofddijk, Budapestlaan 17, Utrecht
http://www.airpressure.nl