Die Untoten - Hamburg

Edutainment for the Braindead – Zombies im Land der Hochkultur

In einem haarsträubenden Durcheinander von fiktiven und wissenschaftlichen, künstlerischen und popkulturellen Beiträgen lotete die Konferenz "Die Untoten" im Kampnagel die Grauzonen zwischen Leben und Tod aus – durchaus unterhaltsam und mit Erkenntnisgewinn.
Life Sciences & Pulp Fiction:Die Untoten. Life Sciences & Pulp Fiction

Ein Garn-Baby auf dem Seziertisch dient als Lehrobjekt in "The Anatomy Lesson – A Forensic Fairytale" von Marijs Bourgogne, Kampnagel 2011, "Die Untoten. Life Sciences & Pulp Fiction"

Der Brustkorb ist geöffnet und gibt den Blick frei auf die inneren Organe des kleinen Körpers, der auf dem Seziertisch liegt. Mit Endoskop und Kamera geht es tief in seine Eingeweide: Die belgische Künstlerin Marijs Boulogne zeigt den blutroten Herzmuskel, die noch nicht entfalteten Lungen, die braune Leber und violetten Gedärme des Babys.

Sie sind täuschend echt aus Garn nachgebildet, tausende Kilometer davon hat die Künstlerin verhäkelt, vernäht und lose geknüpft, um die Replik einer Kinderleiche zu schaffen. Mit ihr erzählt sie ein packendes "forensisches Märchen" darüber, wie der lebendige Organismus funktioniert, was zum Tod führen kann und welche Verwesungsprozesse dann einsetzen.

Bei Fragen rund um den Tod stehen alle Erkenntnisversuche auf äußerst wackeligem Grund: Die Forschung stößt hier an Grenzen, ethische Fragen drängen sich auf, und es fällt schwer, emotionale Distanz zu wahren. Noch komplizierter wird die Situation, weil sich technische Manipulationsmöglichkeiten schneller entwickeln, als ethisch-moralische Antworten auf die Fragen gefunden werden, die sie aufwerfen.

Das Leitungsteam der "Untoten" rund um Hannah Hurtzig reagierte darauf, indem alles zur Diskussion herangezogen wurde, was unsere Kultur zu den Zwischenbereichen von Leben und Tod hervorgebracht hat: Popkulturelle Antworten auf existentielle Fragen ebenso wie künstlerische und wissenschaftliche. Der Horrorfilm etwa bevölkert die angstbesetzte Schwelle des Sterbens mit grausigen Monstern. Sie werfen nicht weniger profunde Fragen nach den Grenzen des Menschseins auf, als die Produkte der Hochkultur.

Rund 80 Vertreter der unterschiedlichsten Disziplinen waren geladen, ihre Sicht auf Phänomene der zunehmend unschärfer werdenden Grauzonen rund um Lebensverlängerung, technisch produzierbares (Halb-)Leben und den Umgang mit Tod in der heutigen Gesellschaft vorzustellen. So diskutierte einer der Pioniere der Transplantationsmedizin, Hossein Solhdju, den Hirntod, während der Filmemacher Bruce LaBruce für die Besucher zugänglich an seinem neuen Filmprojekt „Ulrike’s Brain“ arbeitete. Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho referierte über die Tötung des Selbst im Bild und hatte zuvor die Gelegenheit, den Vortrag der Künstlerin Jae Rhim Lee zu folgen. Sie züchtet Pilze, die darauf trainiert sind, ihre Leiche zu zersetzen. Und während die Künstlerkuratorin Zoe Laughlin über die Wunder des belebten Materials aufklärt, laufen im Filmprogramm Zombiefilme, in denen Körpermaterial rüde zerstört wird. Gerade aus der bis zur Kakophonie getriebenen Vielstimmigkeit der Beiträge schälten sich Korrespondenzen heraus, die zwar nicht zu Antworten, aber doch zu den Leitfragen führen: Was ist Leben überhaupt? Wie gehen wir heute mit ungeklärten Fragen rund um Leben und Tod um? Welche Antworten sind für die Zukunft denkbar?

Zwei wesentliche Gestaltungsmerkmale der Tagung waren Reizüberflutung und Vereinzelung: Jeder Besucher bekam am Eingang einen kleinen Empfänger mit Kopfhörer, um die Vorträge zu hören. So saß jeder in seiner eigenen kleinen akustischen Blase und konnte wie beim Fernsehgucken ganz ungeniert von einem zum nächsten Programmpunkt zappen. Ab und zu jedoch hat etwas diese kleine autistische Welt gestört: Plötzlich atmet jemand hinter dem Ohr, der Vortragende verstummt und eine Stimme flüstert „Psst. Dreh dich mal um!“ In zufälligen Abständen liefen diese Interventionen auf allen Kanälen. Was das ganze soll? Die Antwort bleibt jedem selbst überlassen, vielleicht war es ein kleiner Streich, vielleicht auch der Tod, der hinter jedem steht.

Mehr zum Thema im Internet