Whitney Biennial - New York

Der letzte Tango

Abschied von der Upper East Side: Claudia Bodin berichtet von der 77. Whitney Biennale – der letzten im alten Gebäude. 2015 wird das Museum an die Westside am Highline Park umziehen.

Wer durch die dunklen, höhlenartigen Treppenaufgänge des Whitney Museum läuft, um die sich über drei Etagen erstreckende Biennale zu besuchen, wird von eigenartigen Klängen begleitet.

Der Brooklyner Komponist Charlemagne Palestine hat Lautsprecher in Stoff gehüllt und im Treppenhaus aufgehängt. Schmuddelige Kinder-Stofftiere sitzen auf den Boxen. Mal dröhnt es durch die Gänge, mal brummt es. Dann ertönt ein ferner Singsang. Es ist, als ob Palestine zum letzten Tanz in dem charakterstarken, von Marcel Breuer gebauten Museum auffordert. Die nächste Whitney Biennale wird im neuen Glaspalast steigen, der am High Line Park in Downtown Manhattan wächst.

Bei der diesjährigen Ausgabe der Biennale – es handelt sich um die 77. – wurden drei Kuratoren engagiert, um den Puls in der amerikanischen Kunst zu fühlen. Die Drei übernahmen jeweils eine Etage. Jeder der Kuratoren arbeitete für sich, so dass die Biennale nicht ineinander greift, sondern drei unterschiedliche Selektionen präsentiert werden.

Die Kuratoren wählten Arbeiten von 103 Künstlern aus. Die aus Chicago stammende Malerin und Kunstprofessorin Michelle Grabner lieferte das oberste und beste Stockwerk. Grabner entschied sich dazu, viele ältere Kolleginnen zu würdigen, die niemals so richtig ihren Moment in der Kunstwelt hatten. Wie die New Yorkerin Dona Nelson (Jahrgang 1947), die ihre Leinwände einfärbt, von beiden Seiten bearbeitet und bestickt oder Jacqueline Humphries (Jahrgang 1960) mit ihren Silber-Abstraktionen, der in den achtziger Jahren immer erzählt wurde, dass sie wie ein Kerl malt. Bunte Strickschnüre von der 80-jährigen Sheila Hicks hängen von der Decke. Handwerk wird bei Grabner hochgehalten. Als Künstlerin der alten Schule bäumt sie sich mit ihrem Biennale-Beitrag gegen schnelllebige Spektakel und Markt-Sensationen auf. Leider überfrachtete sie ihre Etage dermaßen, dass die frischen und damit aufregenderen Talente wie Sterling Ruby mit seinen archaischen Keramiken, mit denen er in die Innereien der Kunst vorzudringen versucht, eine Arbeit der abstrakten LA-Malerin Laura Owens oder die sinnlichen Marmor- und Holzskulpturen des jungen Künstlers Alma Allen, der sich die Bildhauerei selbst beibrachte, untergehen.

Sie sei nicht daran interessiert gewesen, nach jungen Talenten zu jagen, erklärt Grabner (Jahrgang 1962) in einem Brief an den Schriftsteller Jonathan Franzen, den sie im Biennale-Katalog abdruckte. ”Stattdessen stelle ich eine Ausstellung mit Künstlern zusammen, die eine zentrale Rolle darin spielten, als Lehrer und Mentoren die Praxis junger Künstler geprägt zu haben. Künstler, die aus ihrer Hingabe zu ihrem künstlerischen Schaffen ein Leben machten und keinen Lifestyle. Die von Grabner ausgewählten Kollegen sind im Schnitt 48 Jahre alt.

In den beiden folgenden Stockwerken verdichtet sich die Ausstellung und der Eindruck, dass hier drei Kuratoren am Werk waren, die sich so weit wie möglich vom Kunstmarkt und den parallel zur Biennale eröffnenden Messen und von allem, was in irgendeiner Form laut sein könnte, entfernen wollten. Sie entschieden sich für die Arbeiten von Kollektiven, ließen Künstler kuratieren, würdigten das Werk verstorbener Künstler und präsentieren Archive und Notizen in Schaukästen.

Der dritte Stock gehört Stuart Comer, der von der Tate in London zum MoMA wechselte, um dort die Performance- und Media-Abteilung zu leiten. Das letzte Stockwerk übernahm Anthony Elms vom Institute of Contemporary Art in Philadelphia, der seine Ausstellung mit einer Arbeit des 1940 geborenen Bildhauers und Aktivisten Jimmie Durham startet, die der Künstler vor 25 Jahren gefertigt hat. Der in Europa lebende und von den Indianern abstammende Durham, der schon auf der documenta in Kassel Apfelbäume pflanzte, ist sicherlich ein wichtiger Künstler. Aber warum ein junger Kurator wie Elms zum Auftakt seiner Show zurückblickt, anstatt eine problembeladene Gegenwart zu konfrontieren, bleibt schleierhaft. Allerdings ist Elms mit Palestines Soundinstallation und der Camera Obscura von Zoe Leonard, bei der die Künstlerin eines der Fenster im Whitney zur Kameralinse umfunktioniert und im Museum die Welt auf den Kopf gestellt hat, für zwei der stärksten Momente der Biennale zuständig.

Zur Stuart Comers Biennale-Welt zählen die Porträts im Stil alter Meister von Keith Mayerson, auf denen der New Yorker Maler mit Ikonen wie Abraham Lincoln, James Dean oder King Kong sein schrilles Bild des Amerikanischen Traumes zeichnet. Oder das fotografische Tagebuch von Zackary Drucker und Rhys Ernst, das dokumentiert, wie sich ein Paar einer Geschlechtsumwandlung – vom Mann zur Frau und umgekehrt – unterzieht. Der Norweger Bjarne Melgaard ist einer der wenigen Künstler dieser entrückten Biennale, der sich an der heutigen Welt reibt. In seiner höllischen Video-Lounge führt er vor, dass die Psyche der Menschen ebenso viel Schaden davongetragen hat wie unsere Umwelt.

Die Kuratoren erledigten einen hervorragenden Job, auf ältere Generationen zu blicken, die in Vergessenheit geraten waren. Und es lassen sich auf allen drei Etagen Entdeckungen machen. Doch es fehlen die aufregenden Talente, die sich in der Gegenwart bewegen und ihr etwas Neues, Unverschämtes, vielleicht sogar Abscheuliches entgegensetzen. Grabner, Comer und Elms waren dermaßen bemüht, eine Ausstellung zu machen, die nichts mit dem lauten New York, dem obszönen Kunstmarkt und all den Erfolgsgeschichten zu hat, dass diese in sich gekehrte Biennale auf Nummer sicher geht und nicht mehr viel mit dem aktuellen Amerika und der Welt zu tun hat. Charlemagne Palestine, der die Soundaufnahmen für das Treppenhaus aufnahm, indem er, ein Glas Cognac in der Hand, die Treppen auf- und ablief, beschwört so passend für diese Biennale die Geister des Museums und der Vergangenheit herauf.

Whitney Biennial

bis 25. Mai
http://whitney.org/Exhibitions/2014Biennial