Surrend - Interview

Unser grösster Feind ist Präsident Putin

Die dänische Künstlergruppe Surrend hat wieder zugeschlagen. Nachdem sie in einer Anzeige in der "Teheran Times" den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad als Schwein bezeichneten, fand ihr neuester Coup in ihrer Heimat statt.
Subversive Praxis:Dänische Plakatkünstler planen deutschen Angriff

Der König ist tot, es lebe der König: Surrend-Plakat "Liberté, egalité, fraternité", 2008.

In Kopenhagen hängten sie Plakate auf, die über dem Slogan der französischen Revolution "Liberté, egalité, fraternité" eine Guillotine zeigt und daneben die abgetrennten Köpfe des dänischen Königspaars. Im art-Interview erklärt Jan Egesborg, der mit Pia Bertelsen den Kern der Gruppe bildet, warum sie das dänische Königspaar köpften, in Deutschland Witze gegen Juden planen – und was die Reaktionen auf ihre Arbeit über die Meinungsfreiheit aussagt.

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art: Vergangenen Sommer haben Sie noch gesagt, Surrend würde keine Aktionen gegen Bush oder Blair starten, denn man müsse diejenigen angehen, vor denen die Menschen sich wirklich fürchten. Nun haben Sie in Kopenhagen Plakate aufgehängt, die die dänische Monarchin angreifen. Vor dem dänischen Königspaar muss sich doch keiner fürchten! Ist Surrend brav geworden, oder sind Ihnen einfach nur die Ideen ausgegangen?

Jan Egesborg: In Dänemark haben wir keinen Putin oder Ahmadinedschad. Hier sind die Machthaber friedlicher. Wir wussten aber schon, als wir Surrend vor zwei Jahren gründeten, dass wir einmal eine Aktion in unserer dänischen
Heimat machen wollen. Wichtig bei satirischer Kunst ist immer die Machthaber als Ziel zu haben, und dazu gehört hier nun mal die Königsfamilie. Die Reaktionen der Bevölkerung zeigen, dass wir ganz und gar nicht als brav angesehen werden. Viele Leute sind sauer. In Dänemark ist die Mehrheit für die Beibehaltung der Monarchie. Das anzugreifen, ist nicht politisch korrekt.

Am 22. Februar eröffnen Sie im Berliner Kunstverein Tiergarten Ihre Ausstellung "ZOG – Surrend. Subversive Praxis im öffentlichen Raum". Wird Angela Merkel als deutsche Machthaberin im Zentrum der Ausstellung stehen?

Die drei Buchstaben "ZOG" stehen für "Zionist Owned Government". Das ist eine Konspirationstheorie, die besagt, dass Juden die Weltpolitik steuern. Araber, Linke und Neonazis vertreten diese These. Wir werden uns in der Ausstellung mit allen drei Gruppierungen auseinandersetzen – uns also darüber lustig machen. Und natürlich sparen wir auch die Juden nicht aus.

Satire über Juden, ist das nicht eine billige Methode, um in Deutschland zu provozieren?

Nein, es geht nicht nur darum. Wenn man eine Satire über den Propheten Mohammed machen kann, dann kann man das auch über die Juden machen. Wir meinen auch, dass Israel selber dazu beigetragen hat, dass es diese Konspirationstheorie gibt. Sie behandeln das palästinensische Volk schlecht. Ich selbst stamme aus einer jüdischen Familie, wenngleich ich nicht gläubig bin – und deshalb kann mir solche Scherze erlauben.

"Die Anzeige führte zu einer diplomatischen Krise"

Die in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlichten Mohammed-Karikaturen haben vor zwei Jahren zu enormen Protesten geführt, bei denen Botschaften angezündet wurden und sogar Menschen starben. War der
Abdruck eine gute Idee?


Auf jeden Fall! Allerdings hatte das auch weitere negative Effekte. Es ist jetzt schwerer satirische Kunst in Europa zu machen. Rechte, Linke sowie religiöse Gruppen sind wachsamer und greifen schneller an, wenn ihnen etwas nicht passt. Die Meinungsfreiheit ist insofern jetzt noch stärker unter Druck. Aber das kann nicht der Zeitung vorgeworfen werden.

Welches Ziel hat Surrend, und erreichen Sie überhaupt irgendetwas?

Natürlich führen unsere Plakate, die wir gegen die NPD gemacht haben, nicht dazu, dass plötzlich alle Die Grünen wählen.

Das ist vielleicht auch besser so, sonst hätte Surrend ja diktatorische Fähigkeiten.

Das stimmt. Unser Ziel ist es, bei den Betrachtern eine Reflexion hervorzurufen. Die größten Konsequenzen haben stets unsere Aktionen mit falschen Anzeigen. Vergangenen Sommer gelang es uns, in einem Magazin aus Burma eine Anzeige zu schalten, die angeblich von der dänischen und isländischen Tourismusbranche war. Die isländische Organisation nannte sich "Ewhsnahtrellik", was rückwärts gelesen "killer thanshwe" bedeutet, also den obersten Militärführer als Mörder bezeichnet. Das erregte international und auch in Burma viel Aufmerksamkeit. Die Hefte wurden mit militärischer Hilfe beschlagnahmt, und seither sind ausländische Anzeigen verboten. Die Anzeige, die den iranischen Präsidenten als Schwein bezeichnete führte zu einer diplomatischen Krise. Je unfreier die Länder, desto subtiler müssen wir vorgehen, also mit Anzeigen, die nicht direkt durchschaut werden, statt mit Plakaten.

"Das Plakat sei eine Aufforderung zum Terror"

Wie unterscheiden sich die Reaktionen auf Ihre Arbeiten von Land zu Land?

Als wir in Polen an der Grenze zu Weißrussland Plakate gegen den weißrussischen Präsidenten Lukaschenko aufhängten, hätten uns die Weißrussen, die zum Einkaufen nach Polen gekommen waren, am liebsten erschlagen. In der Türkei hingegen lachten die Leute über unsere Karikatur. Die Reaktionen sagen sehr viel über den Stand der Meinungsfreiheit in den Ländern aus. Vielleicht ist es um die Türkei in der Hinsicht nicht so schlimm bestellt, wie viele fürchten. In Dänemark sind die Leute derartige Satire kaum mehr gewohnt, obwohl wir ein freies Land sind. Deutschland ist besonders offen für politische Satire. Dort gibt es eine große Tradition mit John Heartfield, Klaus Staeck und natürlich dem Magazin "Titanic". Unser größter Feind ist sicher Russlands Präsident Putin. Er hasst uns! Wir haben eine Webseite gegen ihn gemacht und in Wien Plakate aufgehängt auf denen in großen Lettern "Erschießt Putin" und dann sehr klein daneben "Journalisten?" stand. Daraufhin bin ich festgenommen worden, das Plakat sei eine Aufforderung zum Terror, so der Staatsanwalt. Ich durfte zwar wieder gehen, aber nach Russland einreisen werden wir nie können.

Als bester Freund ihres größten Feindes Putin gilt der ehemalige deutsche Regierungschef Gerhard Schröder. Können wir in der deutschen Ausstellung auch zu ihm was erwarten?

Nein, das wäre zwar sicher was, aber wir haben nichts Derartiges geplant. Wir freuen uns aber besonders auf die Ausstellungen, die wir in Deutschland machen, weil das Gegenüber, die Betrachter dort am Qualifiziertesten sind.
Eben wegen jener Satiretradition in Deutschland. Wir haben auch schon überlegt mit dem Satiremagzin "Titanic" zusammenzuarbeiten – und bei der nächsten Ausstellung, die im Februar in Wien statt findet, wird es soweit sein.

Wie finanziert Surrend die Arbeit?

Wir finanzieren uns alleine durch den Verkauf unserer Arbeiten. Das ist unser Glück. Wenn es zwischendurch mal finanziell eng wird, steht uns ein dänischer Mäzen zur Seite und leiht uns Geld, das wir später zurückzahlen. Wir wollen nicht versuchen, Kunstförderung zu bekommen, weil das unsere Unabhängigkeit gefährden würde, wenn auf irgendeine Weise der dänische Staat Geld an uns zahlt.

"ZOG - Surrend. Subversive Praxis im öffentlichen Raum"

Termin: 22. Februar bis 29. März, Kunstverein Tiergarten, Berlin. Und vom 28. Februar bis 24. März im Wiener Quartier 21.
http://www.kunstverein-tiergarten.de/

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