Alfredo Jaar - Berlin

Utopie ist noch möglich

Als "vulgäre Unternehmen" bezeichnet Alfredo Jaar die Massenmedien. Mit Leuchtkästen und Werbebotschaften auf Neonschriftzügen wendet sich der Chilene gegen ein scheinbar allmächtiges System

"Kultur = Kapital" lautete die große blau-rote Neonschrift, die der Chilene Alfredo Jaar Ende April anlässlich des Gallery Weekends im Schauraum der Berliner Galerie Thomas Schulte weithin sichtbar installiert hatte.

Auch wenn es im Kontext einer Galerie primär um den Verkauf geht, wäre es wohl falsch, die mehrdeutige Beuys-Paraphrase ("Kunst = Kapital") nur als Marktbekenntnis des seit Jahren in New York lebenden Künstlers zu interpretieren. Schließlich hat Jaar stets betont, dass gerade die kulturelle Sphäre die Räume – etwa Museen und Universitäten – bieten, in denen utopisches Denken noch möglich ist.

Den Medien traut der Künstler diese Sorte von intellektueller Arbeit nicht mehr zu: Sie sind seiner Ansicht nach längst zu "vulgären Unternehmen" mutiert. Trotzdem sind es gerade die erprobten, appelativen Techniken aus der Medienwelt, bei denen sich der 1956 geborene Künstler für seine Kunst mitunter bedient. In seinen Installationen kritisiert der ursprünglich zum Architekten und Filmemacher ausgebildete Chilene gerade das Triviale und Banale in den Massenmedien – mit ihren eigenen Formaten. Mit Vorliebe verwendet er etwa Leuchtkästen oder eignet sich vorgefundene Werbeslogans und Magazincover an, die in neuen Zusammenhängen oder Ausblendungen arrangiert, zum Teil seines aufklärerischen Œuvres werden. Selbst noch in der Bildverweigerung wird so die "Politik der Bilder" zum Thema gemacht.

Jaar geht es nie nur um die reine Form geht, sondern um die Inhalte, die sie transportiert. So setzte sich der mehrmalige documenta- und Venedig-Biennale-Teilnehmer nach einer Afrika-Reise 1994 in einem Langzeitprojekt mit den Folgen des Bürgerkrieges in Ruanda auseinander und suchte die Ignoranz der westlichen Öñffentlichkeit gegenüber dem Kriegselend mit Interventionen im öffentlichen Raum zu durchbrechen. Die vom Berliner Ausstellungsmacher Frank Wagner kuratierte, sich über drei Berliner Institutionen erstreckende erste Jaar-Retrospektive in Deutschland berücksichtigt den Afrika-Schwerpunkt und geht darüber hinaus: sie ermöglicht den Überblick über nahezu vier Jahrzehnte künstlerischer Produktion.

Alfredo Jaar in Berlin

Die Ausstellung "The way it is. Eine Ästhetik des Widerstands" ist noch bis zum 17.9. in der Berlinischen Galerie, bis zum 19.8. in der NGBK und bis zum 16.9. in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu sehen.


http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/alfredo-jaar.html

Mehr zum Thema auf art-magazin.de

Mehr zum Thema im Internet