Damien Hirst - Florenz

Um Gottes Willen

Der Diamantenschädel von Damien Hirst weckt zwar nicht Florenz aus der Fixierung auf die Vergangenheit. Aber nirgendwo fügt er sich so gut ein wie in der Wunderkammer der Medici in Florenz. Die Italien-Korrespondentin von art hat die Ausstellung besucht.

Es schläft sich gut in der Wiege der Renaissance. Florenz hat nie Anschluss an die Gegenwart gesucht, sondern sich ausschließlich der Vermarktung seiner Vergangenheit gewidmet. Ein Lichtschein dringt lediglich aus dem Palazzo Strozzi, in dem seit 2007 die "Strozzina", ein Zentrum für zeitgenössische Kunst, aktiv ist.

Der junge Bürgermeister Matteo Renzi, seit Juni 2009 im Amt, will jetzt mehr tun. "Die Stadt muss aufwachen!" sagt er seinen Mitbürgern immer wieder Aber wie kann man in einer Stadt, die randvoll ist mit Statuen, Fresken und Gemälden, noch Aufsehen erregen? Nur das teuerste Werk der zeitgenössischen Kunst, der mit 8601 lupenreinen Diamanten besetzte Totenschädel des britischen Künstlers Damien Hirst, konnte die Herausforderung annehmen. Hirst hat den Schädel 2007 für 74 Millionen Euro einer Investorengruppe verkauft, der er selbst angehört. Damit bewahrte er auch sein Mitspracherecht darüber, wo der Schädel öffentlich gezeigt werden darf. Zur Ausstellungseröffnung wiederholte Bürgermeister Renzi sein Mantra, und schrieb auch im Katalog: "Die Stadt kann sich nicht weiter von ihrer wenn auch noch so schönen Vergangenheit einlullen lassen."

Florenz, die Stadt der Bankiersfamilie Medici, die den Kapitalmarkt ihrer Zeit beherrschte und die Künste förderte, ist dafür der rechte Ort. Der international agierende Kurator und mit Hirst befreundete Florentiner Francesco Bonami schlug vor, das Werk mit dem Titel "For the Love of God" im Palazzo Vecchio, dem Sitz der Stadtregierung, auszustellen. Hirst war begeistert und entschied nach einer Ortsbesichtigung, dass sein Werk in einem Nebenraum der berühmten Wunderkammer des Herzogs Francesco I de' Medici (1541 bis 1587) präsentiert werden sollte. Die Wunderkammer selbst, die sonst nur auf Anmeldung besichtigt werden kann, dient jetzt als Wartezimmer für die Besichtigung des Diamantenschädels, den Kurator Bonami als "Wunder aller Wunder des 21. Jahrhunderts" bezeichnet.

In dem engen, fensterlosen Raum des "Studiolo" bewahrte Francesco I "seltene und kostbare Dinge" auf ("cose rare e pretiose"), wie Mineralien, Edelsteine, Perlen und Kleinkunstwerke, die nur erlesenen Gästen vorgeführt wurden. Die Objekte der Sammlung waren nach den vier Grundelementen der Natur – Wasser, Erde, Luft, Feuer – in Wandschränken geordnet. Die Wände sind durch Bildtafeln unterteilt, hinter denen sich Geheimtüren verbergen. Acht Bronzefiguren in marmornen Nischen stellen Gottheiten dar, die als Hüter bestimmter Naturschätze gelten. Szenen mit Perlenfischern und Diamantenschürfern verweisen auf die gehüteten Kostbarkeiten. Man sieht Francesco I beim alchimistischen Experimentieren, aber auch mythologische Szenen und ahnt eine Fülle allegorischer Hinweise. So ist die ägyptische Königin Kleopatra angeblich abgebildet, die im Besitz der zwei größten Perlen der Welt war. Eine dieser Perlen löste sie in Essig auf und spülte dann ein Getränk im Wert von 1ß 000 Sesterzen hinunter, um eine Wette zu gewinnen. Mit diesem Akt der Kapitalverschwendung war sie Damien Hirst weit voraus.

Der Humanist Vincenzo Borghini (1515 bis 1580) entwarf das ausgeklügelte Bildprogramm des "Studiolo", ein faszinierendes Gesamtkunstwerk des italienischen Manierismus. 30 Florentiner Künstler waren daran beteiligt, und Borghini hätte sicher auch gerne Damien Hirst in sein Team aufgenommen. Dessen ambivalenter und bizarrer Schädel ist ein manieristisches Kunstwerk. Zur manieristischen Auffassung gehört auch, dass Natur und Kunst den gleichen Anteil am Werk haben müssen. Ein Gemälde im Mittelfeld der Zimmerdecke des "Studiolo" illustriert die enge Verflechtung von Natur und Kunst am Mythos des Prometheus: Die Göttin Natura reicht dem Titanen und Kulturbringer Prometheus einen noch unbearbeiteten Edelstein. Der Diamant ist das kostbarste Geschenk der Natur.
Erst der wohlproportionierte Schliff – mindestens 32 Facetten im Oberteil und 24 Facetten im Unterteil – verleiht ihm sein unverwechselbares Leuchten. Das Licht wird von einer Facette zur andern reflektiert und strahlt durch das Oberteil des Steins in alle Regenbogenfarben aufgebrochen zurück.

Nur ein Viertel aller Diamanten ist qualitativ als Schmuckstein geeignet. Davon erfüllt wiederum nur ein kleiner Bruchteil die Kriterien, die heute für Edelsteine gelten. Hirst sagt, er habe jeden der 8601 Diamanten selbst ausgewählt. Sie mussten nicht nur fehlerfrei sein, sondern auch "moralisch sauber". Kein einziger "Konfliktdiamant" sei darunter. 18 Monate hat die Londoner Firma Bentley & Skinner für die Anfertigung des Diamantenschädels gebraucht. Fotos im Katalog zeigen den Künstler, der einen grossen Diamanten zwischen den Zähnen hält. Er hätte ihn ruhig verschlucken können. Der Diamant ist die härteste bekannte Substanz. Seine höchste wirtschaftliche Bedeutung hat der Diamant deshalb als Schleifwerkzeug. Prestigeträchtiger ist er als Edelstein.

Damien Hirst hat mit dem Diamantenschädel einen monetären Wert geschaffen, der dank der Kunst einen absoluten Wert erhält. Das eigentliche Meisterwerk des Künstlers ist der Preis, der niemals stürzen wird. "Als ich in die Welt der Kunst eintrat, wusste ich gleich, dass ich hier alles ändern wollte," sagt Hirst. Er hat den Kunstmarkt verändert, indem er den Preis des Schädels selbst gestaltet, das Werk ohne Zwischenhändler verkauft und sich selbst einen Teil davon gesichert hat.

Es ist das dritte Mal, dass der Diamantenschädel in der Öffentlichkeit gezeigt wird. 2007 kamen seinetwegen 250 000 Besucher in das Rijksmuseum in Amsterdam. Einen solchen Andrang erhofft sich nun auch die private Ausstellungsorganisation Arthemisia Group in Florenz, die alle Kosten übernommen hat: 1,6 Millionen Euro. Bewaffnetes Überwachungspersonal hält den Schädel rund um die Uhr im Auge. Der massive Sicherheitsaufwand nimmt der kunstvollen Inszenierung des Schädels viel von seiner Wirkung.

Die Besucher werden in Florenz in kleine Gruppen geteilt und dürfen nur drei Minuten in der Wunderkammer verweilen, bevor sie in den anliegenden Raum geschoben werden. Hier liegt der Diamantenschädel angestrahlt in einem stockdunklen Raum in einer Glastheke auf einem schwarzen Tuch und funkelt viel stärker als gedacht. Kein Foto gibt diese bunten Regenbogen-Lichtreflektionen wieder. Ein großer, tropfenförmiger Diamant ist auf der Stirn plaziert. Leider sieht der Schädel ein bisschen wie eine geschickte Imitation aus Swarovski – Kristallen aus.

Der Katalog enthält keinen kunstkritischen Kommentar, sondern vermittelt nur wissenschaftliche Detailkenntnisse. Man findet Abbildungen von Tetraedern der Diamantstruktur und einen Text des belgischen Diamantenschleifers Marcel Tolkowsky, der vor 100 Jahren den Vollschliff entwickelte. Es werden genaue Angaben über die Radiocarbon-Analyse des Originalschädels, die Assymetrie der Schädelnaht, den Abnutzungsgrad der Zähne gemacht. Der Schädel stammt von einem zirka 25-jährigen Mann, der im 18. Jahrthundert gelebt hat. Damien Hirst hat den Schädel in einem Londoner Fachgeschäft für zoologische Präparation gekauft. Er ließ einen Platinabguss machen und setzte die Originalzähne ein.

Traditionell deutet der Totenkopf auf die Vergänglichkeit des Lebens hin, aber sein schauriges Bild stand immer in beruhigendem Zusammenhang mit der Religion. Mit 8601 Brillanten besetzt, verliert der Schädel seine Bedeutung als "memento mori" und wird zum Symbol der Ewigkeit nach dem Motto: "Ein Diamant ist für immer." Das sensationelle Werk des britischen Künstlers hat in Florenz nicht, wie es der Kulturdezernent Giuliano da Empoli erhofft hatte, "wie eine Bombe" eingeschlagen. Die Florentiner ließen sich dadurch nicht aufrütteln. Man hat eher das Gefühl, als ob der Diamantenschädel in der manieristischen Wunderkammer an seinem eigentlichen Bestimmungsort angekommen sei. Auch er gehört nun zur Vergangenheit. Alle Besucher des Palazzo Vecchio kommen im Innenhof an einer Marmortafel vorbei, auf der ein Zitat aus Dantes Göttlicher Komödie zu lesen ist : "Oh quali io vidi quei che son disfatti per lor superbia." ("Wieviele habe ich schon wegen ihres Hochmuts Scheitern sehen!")

Damien Hirst - For the Love of God

bis 1. Mai 2011
http://www.museicivicifiorentini.it/en/palazzovecchio/evento6.htm

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