Heinz Mack - Berlin

Drei, zwei, eins, ZERO

Er ging zum Nullpunkt der Malerei, unternahm Land-Art-Expeditionen in die Sahara und fand in verbauten Innenstädten die Pforte zum Paradies. Mit über 80 Jahren feiert Heinz Mack ein Comeback.

Anlässlich der aktuellen Ausstellung "Heinz Mack in Berlin - Works from 1958-2012" in der Galerie Arndt Berlin bis Februar 2013, veröffentlichen wir die Hommage an Heinz Mack zu seinem 80. Geburtstag (art 03/2011) erneut

Die Stunde Null schlägt am 11. April 1957 in Düsseldorf. Heinz Mack und Otto Piene stellen Macks Atelier bis unter die Decke voll, um nebenan bei Piene Platz für ihre erste gemeinsame Abendausstellung zu schaffen

Mack zeigt Zeichnungen, Gemälde und Reliefs, die noch entfernt an die abstrakten Kringel des Tachismus erinnern, aber alles Individuelle abgestreift zu haben scheinen. Stattdessen dominieren anonyme Raster, Rhythmen und Strukturen. Mack und Piene suchen damals nach dem harten Kern der Malerei und fragen sich: "Was liegt unter Farbe und Komposition?" Ihre Antwort lautet: das Licht und die Bewegung. So wird in einem alten Fabrikgebäude die Künstlergruppe ZERO geboren, ein Jahr bevor es ihre Gründer in Worte fassen. Am nächsten Morgen räumen sie Macks Atelier wieder frei, denn schließlich muss die Arbeit weitergehen.

Heinz Mack erinnert sich noch lebhaft an die schwierigen Anfänge von ZERO. Wie sein Freund Otto Piene hatte der 26-jährige Kunsterzieher eine Familie zu ernähren und sprang trotzdem ins kalte Wasser der freien Künstlerschaft. "Ich wusste", sagt Mack, "dass ich etwas anderes machen wollte als die stilbildende Malerei. Aber nicht genau was und wie. Also experimentierte ich mit Materialien, die in der Kunstgeschichte neu waren." Am Anfang war dies vor allem das silbern schimmernde Aluminium, in dessen von Hand aufgeprägten Mustern das Licht als sich ständig wandelnder "Pinselstrich" vibriert. Plexiglas und Wellglas kamen als lichtbrechende Materialien hinzu, Rotoren und Spiegel steigerten die Lichtreflexe ins Unendliche. Heute sind diese Reliefs und Stelen Klassiker der Moderne. Zu ihrer Entstehungszeit wurde, so Mack, noch über die "Revolution der Zeichenlehrer" gehöhnt.

Heute empfängt der Jubilar seine Besucher standesgemäß im denkmalgeschützten Mönchengladbacher Huppertzhof. Zwischen Wohnhaus und den beiden Ateliers stehen Denkmale und Stelen aus allen Schaffensperioden und verwandeln das Grundstück in einen Skulpturenpark. Richtige Wunderkammern öffnet der äußerst agile Gastgeber dann mit zwei nahe gelegenen Lagerhäusern. In ihnen drängt sich nicht nur ein faszinierendes Kapitel der Kunstgeschichte auf engstem Raum zusammen. Hier erschließt sich der Werkstattcharakter von Macks Schaffen auch besser als in jeder Ausstellung. Mit wenigen Handgriffen nimmt Mack einen ganzen Jahrmarkt bewegter Lichtkunstwerke in Betrieb, deren Materialien und elektronische Phasenschaltungen zu ihrer Zeit auf dem neuesten Stand der industriellen Technik waren.

In der Countdown-Metaphorik von ZERO deutet sich nicht umsonst ein Ingenieursverhältnis zur Kunst an, deren utopisches Potenzial mit dem des Raumfahrtprogramms zusammenfällt. Auch Mack greift nach dem Licht der Sterne, verbindet seine Technikbegeisterung aber mit naturromantischer Schwärmerei. Ein pulsierendes Lichtgitter aus Glühbirnen und zarten Kabelverästelungen ähnelt bei ihm den Adern eines Blatts. In diesem über ihre Zeit hinausweisenden Widerspruch liegt die Bedeutung und auch die Schönheit seiner Kunst.

Seit einem Jahr sieht das auch der internationale Kunstmarkt wieder so. Mit der großen ZERO-Retrospektive im Museum Kunstpalast 2006 deutete sich die neu erwachte Wertschätzung der rheinischen Avantgarde bereits an. Die spektakuläre Sotheby's-Auktion von Teilen der Sammlung Lenz Schönberg im Februar 2010 sorgte schließlich dafür, dass die Preise der lange unterbewerteten ZERO-Werke nun rapide anziehen. Gerade US-Sammler wollen mit Mack und Piene die Lücke zwischen Abstraktem Expressionismus und Minimalismus sowie Op Art schließen. Die Wiederentdeckung von ZERO hat Heinz Mack überrascht, aber nicht unvorbereitet angetroffen. Er betrieb die Gründung der ZERO foundation mit, deren vornehmste Aufgabe in der kunsthistorischen Aufarbeitung der Bewegung liegt. Neben der Stadt Düsseldorf beteiligen sich mit Otto Piene und Günther Uecker die beiden anderen ZERO-Künstler an der Stiftung. Selbstverständlich ist das nicht: 1966 trennte sich die 1958 gegründete Gruppe im Streit um die künstlerische Ausrichtung und ein bisschen auch ums Geld. Danach riss der Kontakt ab und wurde nur notdürftig wieder geknüpft.

Was nach der ZERO-Renaissance noch aussteht, ist die Wiederentdeckung von Heinz Mack. Obwohl sich seine Arbeiten in über 100 Museen finden, sind große Teile seines Werks weitgehend unbekannt, wie das in die Tausende gehende zeichnerische Oeuvre oder das kunstvolle, die Hierarchien unterwandernde Bürodesign für einen privaten Unternehmer. Seit 1952 engagiert sich Mack für die Kunst am Bau und dürfte mit gut 80 Skulpturen der im öffentlichen Raum präsenteste deutsche Künstler sein. Die besten Plätze haben seine massive Granitskulptur "Columne pro Caelo" auf der Kölner Domplatte und das aus drei Teilen bestehende Ensemble am Jürgen-Ponto-Platz in Frankfurt gefunden. Wer dem "Wegweiser zu den Werken von Heinz Mack", so der Titel eines Katalogs, folgen will, wird eher in Wochen als in Tagen planen müssen. Mack sagt ungern Nein und wagt sich auch in die "Niederungen" des urbanen Raums. In seinem Werkverzeichnis finden sich Lärmschutzwände ebenso wie ein Entlüftungsturm oder ein im Einkaufszentrum aufgestelltes illuminiertes Wasserspiel. Oft empfindet er seine Arbeiten selbst als Feigenblätter schlechter Architektur, aber keine Enttäuschung ist so stark, dass seine Liebe zur monumentalen Skulptur darunter leiden könnte. Als Student der Kunstakademie Düsseldorf wurde Mack vom Professor Ewald Mataré ermahnt, im öffentlichen Raum müsse alles doppelt so groß sein, sonst würde es sich verlieren. Mack versucht, der äußeren Größe eine innere Andacht zu verleihen.

Heinz Mack ist von der Fotografie bis zur Keramik in zahlreichen Kunstgattungen zu Hause und nennt sich selbst einen "spektralen Künstler". Mit leichtem Grausen zitiert er Ueckers Markenzeichen ("der mit den Nägeln") und würde sich wohl verbitten, als der mit den Lichtstelen vorgestellt zu werden. Vielleicht ist er auch deshalb nach jahrzehntelanger Pause zur Malerei zurückgekehrt. Statt monochromer Raster setzt er jetzt die Dynamik in Szene, die sich aus dem abstrakten Wechselspiel der Farben ergibt. Geblieben ist die Besinnung aufs Elementare, sei es nun das Licht oder die Materialist eines massiven Steinblocks. In Macks plastischem Werk bilden Schwere und Leichtigkeit die Pole seiner Kunst: Der aus dem Berg gehauene Granit symbolisiert die Beharrlichkeit der Natur, die schlanke Stele den aufrecht stehenden Menschen, der im gleißenden Licht seine Körperlichkeit verliert.

Auch wenn es dem "spektralen Künstler" Mack nicht gefällt, so bleiben seine großen Pioniertaten doch mit der ZERO-Bewegung verbunden. Die berühmten Lichtreliefs und -stelen gehören da nicht einmal dazu. Sie markieren eher einen Endpunkt; wie bei den Impressionisten ist das natürliche Licht bei ihm Ausdruck eines Lebens, das sich allenfalls für einen flüchtigen Augenblick festhalten lässt. Stilbildend ist dagegen seine Inszenierung des elektrischen Lichts geworden. Hier trieben ihn Ingenieursgeist und Technikbegeisterung ins Neuland; nicht nur Olafur Eliassons leuchtende Wasserfälle könnten geradewegs aus seiner Werkstatt stammen.

Schon 1958 entwickelte Mack den Plan zu einer Expedition ins Reich der Land Art. Im "Sahara-Projekt" wollte er die Wüste in 13 Etappen erobern und mit Lichtstelen, Spiegelmauern, Segeln, Sandreliefs und künstlichen Gärten ein zeitlich begrenztes Reservat der freien Kunst erschaffen. Angesichts von Finanzierungsproblemen schrumpfte das als Gemeinschaftsunternehmen gedachte Projekt auf zwei Fragment gebliebene Reisen zusammen. 1968 entstand der halbdokumentarische Film "Tele-Mack", 1976 ging der "Stern" mit Mack auf Fotosafari und kam mit einem teilweise spektakulären, teilweise aber auch nur kuriosen Bildband zurück.

Am 8. März wird der im hessischen Lollar geborene Heinz Mack 80 Jahre alt, die Kunstwelt beschenkt ihn das ganze Jahr. Seit Monaten pendelt der Jubilar zwischen Mönchengladbach und New York, wo die Galerie Sperone Westwater seine ZERO-Jahre vermarktet, dazu gibt es in Bonn, Düsseldorf, Mönchengladbach, Bielefeld und Bahrain große Ausstellungen. Gelegenheit also, das gesamte Mack-Spektrum zu entdecken und dazu einen Künstler, der in vielem beispielhaft für die Aufbruchsutopie der deutschen Nachkriegsgesellschaft steht. Bis heute liebt er schnelle Autos, führte in der ersten Hälfte seines Lebens schnell geschiedene Ehen und posierte im silbernen Raumanzug in einer nordafrikanischen "Mondlandschaft". Vor 50 Jahren zeigte sich erstmals, dass ZERO gemeinsam mit den Nouveaux Réalistes in Frankreich, Azimuth in Italien oder Gutai in Japan, obwohl unabhängig voneinander entstanden, zu einer weltweiten Avantgardebewegung zählte. Heinz Mack kokettiert deswegen damit, dass nur Engel zur selben Zeit an verschieden Orten sein können. Heute scheint sich wieder ein Engel umzutun, indem er Macks runden Geburtstag pünktlich mit der ZERO-Renaissance zusammenfallen lässt.

Der Jubilar dürfte sich dadurch bestätigt fühlen - auch in seiner Überzeugung, im eigenen Land bislang nicht ausreichend gewürdigt worden zu sein. Doch die Bitternis ist bei Mack stets schnell wieder vorüber und weicht dem Enthusiasmus. Ob in aktuellen Wissenschaftszeitungen oder im frisch gefallenen Schnee: Überall entdeckt er Rhythmen, Raster und Strukturen, und immer noch steckt er den Großteil seiner Einkünfte in neue Arbeiten. Sein Skulpturenpark auf dem Huppertzhof ist dafür der schönste Beweis. "Ich bin steinreich", sagt Heinz Mack schmunzelnd zum Abschied. Reich an Steinen und an Energie.

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