Tim Lee - Arthur Boskamp-Stiftung

Das Spiel der ewigen Referenz

Im schleswig-holsteinischen Hohenlockstedt präsentiert die Arthur Boskamp-Stiftung in einer Einzelausstellung den kanadischen Crossover-Künstler Tim Lee. Seine Videos und Fotografien überraschen durch absurde Verzerrungen, spiegelbildliche Konfusionen und lassen beim Besucher so manches Rätsel offen.
Das Spiel der ewigen Referenz:Tim Lees humoristische Kunstspiele

Tim Lee: "The Move, The Beastie Boys, 1998", 2001, 3-Kanal Videoinstallation mit Ton

Wenn die Häuser immer roter, das Land immer flacher und die Luft immer windiger wird, ist man auf dem richtigen Weg ins ländliche Hohenlockstedt im Süden Schleswig-Holsteins. In einem ehemaligen Militärlager sitzt dort seit 2003 die Arthur Boskamp-Stiftung.

Die Stiftung, unter Leitung der neuen Kuratorin Katja Schroeder, präsentiert erstmals in Deutschland eine Einzelausstellung des 35-jährigen Crossover-Künstlers Tim Lee. Er verbindet Konzeptkunst, Aneignungsstrategien und Performance zu einem oft humoristischen ästhetischen Spiel. Zu den Themen seiner Arbeit gehören das Sehen, die Wahrnehmung und die Selbstspiegelung; kulturelle Ereignisse aus den Bereichen Film und Musik stellt er dar, reproduziert und interpretiert sie. Bei vollem körperlichen Einsatz kreiert er unterschwellig komische Bilder und parodiert dabei Schauspieler wie Musiker. Vor allem seine Fotografien geben bei aller Deutlichkeit des Sichtbaren spontan Rätsel auf: Eine scheinbar schlüssige Fotografie des Künstlers in Gitarrenpose, wie sie typisch für Neil Young ist, ist mittig geteilt und in zwei Rahmen übereinander gehängt. Zunächst eine ansprechende und ästhetische Bildkomposition, dennoch tauchen bei genauerem Hinsehen Rätsel auf: Warum hängt das abgebildete Gitarrenkabel der Schwerkraft folgend nicht auf den Boden, sondern flieht aus dem seitlichen Bildrand? Warum driftet sein Shirtärmel stark nach links und nicht senkrecht nach unten? Die Antwort: Der Grund, auf dem Lee steht, ist nicht der Fußboden, sondern die Wand. Er hängt seitlich in der Luft, und die Schwerkraft zieht Kabel und Shirt zum rechten Bildrand, dem eigentlichen Untergrund.

Bei fast allen Werken Tim Lees funktionieren die Wahrnehmung und Erklärung der Bilder nach diesem Muster: Zunächst betrachtet man das scheinbar makellose Werk, langsam tauchen Rätsel auf, man hinterfragt die Komposition und findet eine Auflösung durch Lees humorvolle Persönlichkeit und sein breites Spektrum an Referenzen. Auch die Kuratorin meint, dass "alles ganz einfach und keine Zauberei" sei, sobald man sich einmal ein bisschen mit dem Künstler beschäftigt hat. Die Ausstellung wird zum Spielplatz und der Rundgang zu einer spannenden Schnitzeljagd. Neben biografischen Hintergründen seien die Werktitel und Humor weitere wichtige Schlüssel für den Zugang zu seinen Bildern.

Doppelrolle und Hip Hop im Kanon

Tim Lee wechselt immer wieder zwischen musikalischen und optischen Themen, verkettet und überlagert unterschiedliche Referenzen auf absurde Weise. Seine Werke lassen den Betrachter oft im Raum stehen oder reißen ihm den Boden unter den Füßen weg. Wie kam beispielsweise die Videoinstallation "Roll on" zustande? Zu sehen ist der Künstler, der sich dreht und auf dem Boden seines Ateliers liegt, das sich dreht. Alles scheint im Fluss der Rotation zu verschwinden, als Betrachter schafft man es nicht, einen Horizont und die grundlegende Raumausrichtung auszumachen. Dabei liegt die Erklärung wieder ganz einfach auf der Hand: Während sich Lee wie wild im Uhrzeigersinn auf dem Boden um die eigene Achse dreht, filmen zwei Kameras die Szene, deren Drehung zusammen mit Lees Körpers eine suggestive Spiralbewegung ergeben. Er nimmt darin explizit Bezug auf Konzeptkünstler wie Dan Graham und Bruce Nauman und verwirklicht Kunst als alleinige Idee, zu der kein weiteres Konzept notwendig ist.

Derzeit arbeitet Tim Lee im Rahmen des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin und bringt sich ausschließlich für eine neue Arbeit das Spielen der Violine bei – obwohl er sonst wenig mit Musik anfangen kann. In der in Hohenlockstedt präsentierten Videoinstallation "The Move" parodiert er die Beastie Boys mit einem Stück seiner "favorite music", dem Hip Hop. In Form eines Kanons spricht Lee die drei Sängerstimmen auf drei unterschiedlichen Monitoren selbst ein, die danach aus den einzelnen Elementen ein zusammenhängendes Rapmusikstück ergeben. Metaphorisch spricht dies für sein künstlerisches Gesamtwerk: Aus den einzelnen Elementen, Referenzen und Bilddetails ergibt sich doch immer wieder ein rundes Bild und schließt den in der anfänglichen Wahrnehmung durchbrochenen Kreis.

Die Boskamp-Stiftung als Kunst- und Lebensraum

Ist die Ausstellung doch eher grotesk und komisch, scheint sie auf dem Land dennoch nicht zu gewagt. Die bisherigen vergleichbaren Veranstaltungen im Haus seien immer gut besucht gewesen und das "Interesse der Einheimischen ist enorm", wie die Kuratorin Katja Schroeder versichert. "Man zieht zwar keine Massen an, aber das tut man in der Stadt ja auch nicht". Schön findet sie vielmehr, dass sich die Besucher, die kommen, die Bilder genau ansehen, sehr interessiert sind und oft Fragen stellen – "ein sehr begeisterungsfähiges Publikum" also. Die Ausstellung kann dabei auch bewusst Fragen offen lassen, weil es für Schroeder "viel wichtiger ist, dass man was mitnimmt, statt nur genau beantwortet zu bekommen, warum es so ist und mit was es alles auf sich hat". Neben dem Ausstellungsprogramm werden auch zwei Filme zu Neil Young und Steve Martin, zwei der größten Referenzpersonen Tim Lees, gezeigt. Ein Publikum, das nicht unbedingt gleich Zugang zur konzeptuellen Kunst findet, soll dadurch angezogen und mit dem Haus vertraut gemacht werden.

Aus dem gleichen Grund plant Katja Schroeder, die Fußball-WM im Sommer auf einer Großleinwand im Kasernengebäude zu übertragen. Die Stiftungsräume sollen nicht nur Kunsträume, sondern auch Ort des geselligen Zusammentreffens sein. Neben dem Kuratorium in Hohenlockstedt leitet Schroeder seit 2009 den westfälischen Kunstverein in Münster. Für das kommende Jahr an der Boskamp-Stiftung ist ihr wichtig, ihren individuellen Schwerpunkt der zeitgenössischen Kunst in das Veranstaltungsprogramm einzubringen. Bisher sind als weitere Ausstellungen die Boskamp-Förderpreisträger zum Thema "Raumkonzepte" geplant sowie eine Gruppenausstellung von Künstlern, die sich nicht wissenschaftlich, sondern künstlerisch mit dem Thema Geschichte und Wirklichkeit beschäftigen. Im Herbst wird die schottische Künstlerin Ruth Ewan vor Ort sein und die Hohenlockstedter Räume füllen. Sie versteht Musik als Protest-Medium und hat beispielsweise einem Papagei revolutionäre Lieder beigebracht, die in der Ausstellung über eine Jukebox abrufbar sein werden.

"Tim Lee: Solo, Duo, Trio (2001 - 2009)"

Termin: bis 23. Mai, Arthur Boskamp-Stiftung, Hohenlockstedt
http://www.arthurboskamp-stiftung.de/?cat=1&img_id=589

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