Christoph Schäfer - Hamburg-St. Pauli

Man erzeugt eine Stadt der Angst

Die Bewohner des Hamburger Szeneviertels St. Pauli pflegen eine besondere Tradition: Sie wollen ihre Stadt selber machen und mischen sich ein in die Pläne von Politik und Investoren. Mitte der neunziger Jahre zog der Hamburger Künstler Christoph Schäfer bei einem Modellprojekt der Bürgerbeteiligung die Fäden. Heute, fast 20 Jahre später, nimmt er art mit auf einen Stadtteilspaziergang durch ein St. Pauli, das nicht nur für Kreative zum harten Pflaster geworden ist.
Hart umkämpft:Ein Stadtteilspaziergang Christoph Schäfer

Christoph Schäfer neben der Abrisskulisse der umkämpften Esso-Häuser im Hamburger Szeneviertel St. Pauli

"Ab wie viel Euro pro Quadratmeter wird Kreativität unmöglich?", fragt Christoph Schäfer. Wir stehen vor den Esso-Häusern im Hamburger Szeneviertel St. Pauli – besser gesagt, vor dem, was davon übrig geblieben ist. Bei seiner Frage geht es nicht allein um Kunst und Künstler, die in dem Stadtteil zu Hause sind, sondern um "alles, was drumherum passiert", sagt er. St. Pauli ist das Zuhause der Ideen, des kreativen Kapitals der Hansestadt. Auch Schäfer, ein Hamburger Künstler, wohnt in St. Pauli, dem wohl am härtesten umkämpften Stadtteil Hamburgs. Nirgends hat es in letzter Zeit stärker gebrodelt: Die Bewohner St. Paulis kämpften gegen ein Gefahrengebiet, forderten und fordern weiterhin ein Bleiberecht für die Lampedusa-Flüchtlinge und Garantien für die ehemaligen Mieter der Esso-Häuser. Dass St. Pauli sich einmischt, Stadt "selber machen" will, hat Tradition – in den neunziger Jahren erreichte eine Bürgerinitiative den Bau des "Park Fiction". Damals zog Schäfer die Fäden. Fast zwei Jahrzehnte danach nimmt er mich mit auf einen Stadtteilspaziergang durch ein St. Pauli, das für seine Bewohner zu einem harten Pflaster geworden ist.

"St. Pauli war lange der Ort für alles Abweichende, das in der zugeknöpften Hansestadt keinen Platz hat", sagt Schäfer. Auch Menschen mit wenig Geld waren hier stets Teil des bunten Miteinanders. Die soziale Vielfalt St. Paulis, die so elementar ist für seine Rolle als Hot-Spot der kreativen Szene Hamburgs, wird Stück für Stück zerstört – indirekt, durch den Wegfall bezahlbarer Wohnungen. Hierfür sind die Esso-Häuser ein drastisches Beispiel. Über viele Jahre hinweg hatten die Besitzer die zwei Wohntürme samt Ladenzeile verrotten lassen, weiterhin volle Mieten kassiert und den Plattenbau für einen Millionengewinn an einen bayerischen Investor verkauft. Der Abriss hat bereits begonnen. Schäfers Frage richtet sie sich an alle, Mieter, Vermieter, Investoren, Politiker: "Ab wann werden die Preise so hoch, dass das erfinderische Moment der Stadt gefährdet ist?" Bevor wir diese Frage werden klären können, wird der Komplex an der Reeperbahn bereits dem Erdboden gleich gemacht sein, mit seinen vergleichsweise günstigen Wohnungen und den kleinen, ortstypischen Läden und Clubs. Es wird keine drei Wochen mehr dauern, schätzt Schäfer mit Blick auf die Abrisskulisse.

"Der Raum wird zu einer Zone, die den Aufwertungsinteressen der Grundeigentümer dient"

Immer wieder begegnen uns seine Freunde und Bekannte. Er kennt jeden in St. Pauli, und jeder kennt ihn. Schäfer ist der Mann hinter einem Projekt, das St. Pauli zusammengeschweißt hat: Park Fiction. Mitte der neunziger Jahre, als auf einem Grundstück gebaut werden sollte, entwickelte er zusammen mit den Bewohnern des Viertels ein alternatives Bebauungskonzept. "Es gab einen runden Tisch mit unseren Leuten und sämtlichen Fachbehörden. Am Ende hatten wir erreicht, dass die Stadt sich auf unseren Planungsprozess eingelassen hat", erinnert er sich. St. Pauli wollte statt Büros einen Park und bekam einen Park. Ein Junge wünschte sich Palmen, heute stehen sie im Park Fiction. Die Bürger bündelten Ideen und Kräfte und schufen gemeinsam einen öffentlichen Raum, der für alle da ist. "Das ist genuin städtisch, dafür sind Städte da", sagt Schäfer und blickt auf das Gemeinschaftswerk. Auf das Stückchen Land, auf dem die Esso-Häuser stehen, haben die Initiativen St. Paulis jedoch weit weniger Einfluss. Diesmal gehört das Grundstück nicht der Stadt.

Dennoch: Die Politik sitzt am Hebel, der die Weichen für die städtebauliche Zukunft stellt. In drei Wochen könnte der Hamburger Senat ein Gesetz verabschieden, dass das Areal um die Reeperbahn zu einem "Business Improvement District" (BID) erklärt. Ziel des Gesetzes ist die Aufwertung der Gebäudesubstanz. Öffentliche Plätze können leichter privatisiert, Sanierungsmaßnahmen schneller durchgeführt werden. "Dann fängt der öffentliche Raum an, etwas ganz anderes zu werden. Es ist nicht mehr der undefinierte Raum, wo man durchgeht, sich aufhält, sich trifft – alles, was städtischer Raum sonst ist. Der Raum wird zu einer Zone, die den Aufwertungsinteressen der Grundeigentümer dient", erklärt Schäfer. Mit der Aufwertung der Umgebung steigen dann auch die Mieten. Allein die Grundeigentümer stellen den Antrag auf einen BID. Die Mieter, also die meisten Bewohner des Areals, können die "Disneyfizierung", wie er die BID-Interessen nennt, weder verhindern noch mitentscheiden.

"Die Vorstadt kehrt in die Innenstadt zurück"

"Als Stadt muss man sich die Frage stellen, ob es eines Tages vielleicht ein Standortvorteil sein könnte, niedrige Mieten zu haben", sagt Schäfer. Zumindest dann, wenn man als Stadt weiterhin aus seinem kreativen Kapital schöpfen möchte. Danach sieht es in Hamburg momentan nicht aus. Zwar fordert der Bezirk einen Sozialwohnungsanteil von 50 Prozent im Neubau auf dem Areal der Esso-Häuser, dieser sei laut Investor, der Bayerischen Hausbau, jedoch wirtschaftlich nicht realisierbar. Ein Drittel Sozialwohnungen bietet man dort an. Sollte die Bayerische Hausbau eine Baugenehmigung bekommen, könnte die Zukunft an der Reeperbahn trist aussehen, so wie ein paar Straßen weiter im Bernhard-Nocht-Quartier: Zwei seelenlose Glastürme reihen sich hier an neue Wohngebäude, die an eine Vorstadtarchitektur erinnern. In den Untergeschossen fehlen die für St. Pauli typischen kleinen, subkulturellen Läden oder, wie Schäfer es nennt, "das Leben". Für ihn haben Stadtplaner und Architekten hier an den Bedürfnissen vorbeigebaut. "Es ist wichtig, dass hier viele unterschiedliche Leute leben und nicht nur die obere Mittelschicht, die aus solchen Vierteln etwas Ruhigeres macht, einen Ort, wo es die städtische Reibung nicht mehr gibt", sagt er. Das neue Wohnidyll steht in starkem Kontrast zu allem, für das St. Pauli sonst steht: Rotlicht, städtische Reibung, städtisches Treiben.

"Die Vorstadt kehrt in die Innenstadt zurück. Das ist ein Phänomen, das wir inzwischen in vielen Städten sehen – zum Beispiel in Berlin, wo Gated Communities in die Innenstadt gesetzt werden." Obwohl das Bernhard-Nocht-Quartier sich mitten in St. Pauli befindet, ist es hier seltsam ruhig und aufgeräumt, es gibt kleine Hecken und Zäune. "Man erzeugt eine Stadt der Angst, die sich dann nicht mehr so viel traut. Und das ist natürlich der größte Feind von Kreativität", sagt Schäfer. Diese Seite der Davidstraße, im Schatten dem Turms des Empire Riverside Hotels, wirkt leer und verlassen. "Wenn das hier ein Vorbild wird für das, was auf der Reeperbahn passieren soll, haben wir ein Problem", sagt er, "hier hatte man die Chance, St. Pauli zu erweitern, aber es erinnert eher an ein Einkaufszentrum am Stadtrand." Ein lebloses Einkaufszentrum, sei hinzugefügt. Was nach den Esso-Häusern folgen wird, könnte ähnlich trist aussehen. Die meisten Ladenbesitzer werden sich die Rückkehr in den Neubau nicht leisten können. Auch für die alten Wohnungsmieter sieht es mit einer Rückkehr schlecht aus, wenn keine Sozialwohnungen durchgesetzt werden. Garantien von Seiten des Investors gibt es dafür bisher keine.

"Ich glaube, dass die Städte sich geschnitten haben"

Trotz der trüben Aussichten: Für Schäfer und all die anderen, die sich den Bürgerinitiativen S.O.S. St. Pauli und Initiative Esso-Häuser angeschlossen haben, die zunächst den Erhalt und jetzt 100 Prozent Sozialwohnungen auf dem Areal fordern, ist der Kampf noch nicht vorbei. Jedenfalls nicht ganz: "Wir beginnen demnächst mit einer interaktiven Baustellenbegleitung und einem parallelen Planungsprozess", sagt Schäfer. Mit verschiedenen Kunst-Aktionen, zum Beispiel einer "Hirschhornisierung" des Bauzauns durch die Jüngsten der Initiativen, zeigt St. Pauli weiter Widerstand gegen den Wandel durch Investoren. Im Stil des Schweizer Installationskünstlers Thomas Hirschhorn hüllten Kinder Teile des Bauzauns an den Esso-Häusern in Paketband. Wenn in ein paar Tagen die ganz großen Abrissbagger anrollen, sind weitere Proteste geplant. "Ich glaube, dass die Städte sich geschnitten haben, wenn sie denken, sie können einen Creative City bekommen, ohne dass die selbstbewussten Leute, die für sich selbst entscheiden wollen und widersprechen." In dem Widerstand St.Paulis sieht Schäfer aber auch die Chance des Stadtteils: Es ist der erfinderische Teil der Bevölkerung, der sich jetzt Gedanken macht, wie man St. Pauli noch retten kann.