Künstler, Themen, Orte - 5. Berlin-Biennale

Schau ohne Schatten

Im zehnten Jahr ist die Berlin-Biennale fest etabliert. Die Kuratoren der fünften Ausgabe vermeiden jede Ähnlichkeit mit Vorgängern und geben sich im Titel geheimnisvoll: "Wenn Dinge keine Schatten werfen". Zur fünften Berlin-Biennale, die am Samstag eröffnet, kommen viele ganz junge Künstler – und einige Veteranen, deren Werk nun wiederentdeckt wird. art stellt vorab die interessantesten von ihnen vor.
Alles über die Berlin-Biennale:Künstler, Themen, Orte

Piotr Uklanski, "Untitled (Fist)", 2007

Es war schon ein wenig irritierend, das erste Lebenszeichen der fünften Berlin-Biennale. Plötzlich tauchten in der Hitze des Kunstsommers 2007 entlang der Grand Tour in Basel, Venedig, Müns­ter und Kassel vier kreditkartengroße Sammelcoupons mit Strandmotiven auf. Sie versprachen Teilnehmern einer Gewinnlotterie eine Reise auf die Insel Sansibar. Welchen tieferen Sinn mochte dieser eskapistische Wink an alle Kunstenthusiasten im Rausch der Großereignisse wohl haben?

Solche kleinen Verwirrspiele mit etwas abseitigen Signalen sind die Spezialität des 1970 in Polen geborenen Kurators Adam Szymczyk. Seit 2003 agiert der introvertiert wirkende Mann äußerst erfolgreich als Direktor der Basler Kunsthalle. Mit prägnanten und exzentrischen Ausstellungen gab er der traditionsreichen Institution neuen Schwung: darunter eine Retrospektive der nahezu vergessenen New Yorkerin Lee Lozano, ein Projekt mit der dänischen Künstlergruppe Superflex und die erste Retrospektive des pol­nischen Provokateurs Piotr Uklanski. Im Oktober 2006 wurde er zum Leiter der fünften Berlin-Biennale berufen.

Bevor die Schweizer ihn nach Ba­sel holten, hatte der studierte Kunsthistoriker die Warschauer Foksal Gallery Foundation, an deren Gründung im Jahr 1997 er selbst beteiligt war, als Podium für damals aufstrebende polnische Künstler wie Wilhelm Sasnal und Artur Zmijewski etabliert. Heute sind sie längst international erfolgreich. Im letzten Frühjahr wurde schließ­lich bekannt, dass Szymczyk den Bien­nale-Job nicht allein erledigen wollte. "Der Dialog ist eine Grund­voraussetzung, um Dinge voranzubringen", erklärte er und holte die 1972 in Los Angeles geborene Kunstkritikerin und Ausstellungsmacherin Elena Filipovic als Co-Kuratorin dazu. Man kennt sie in der Kunstwelt vor allem als Mitherausgeberin des 2005 erschienenen, schwerwiegenden Theo­rie-Readers "The Manifesta Decade", der sich mit den Auswirkungen der politischen Verhältnisse nach 1989 auf die Organisation und Kultur internationaler Großausstellungen beschäftigt. Im Juli dieses Jahres wird die von ihr kuratierte Ausstellung "Marcel
Duchamp: A work that is not a work of art" in São Paulo eröffnet – die erste große Duchamp-Retrospektive in Lateinamerika.

Die Kuratoren müssen im zehnten Jahr nun vor allem eines tun: die Biennale wieder einmal neu erfinden. Man nähme es ihnen übel, wenn sie etwa versuchen würden, es dem Kuratorentrio Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnick gleichzutun, die vor zwei Jahren und entlang der Auguststraße eine düster-existenzialistisch angehauchte Gruppenschau inszenierten. Auch der Gropiusbau als Ausstellungsort, wie bei der dritten von Ute Meta Bauer 2004 geleiteten Biennale, verbietet sich. Zur Unbefangenheit der Premiere "Berlin/Berlin" von 1998 führt ebenfalls kein Weg zurück.

"Keine Übersicht vom 'Besten' der Kunstwelt"

Natürlich ist nichts von all dem zu befürchten. Weder vertrauen Filipovic und Szymczyk auf den Charme der letzten abgerockten Ecken von Mitte, noch möchten Sie eine Biennale mit sattsam bekannten Namen präsentieren. Statt dessen wird unter dem offenen Titel "Wenn Dinge keinen Schatten werfen" mit einer eigen­wil­­ligen Auswahl mehrheitlich neuer Kunst von rund 50 Künstlern das Eintauchen in das Leben der Stadt geprobt. Denn neben den traditionellen Kunst-Werken (KW) in der Auguststraße wird diesmal das Obergeschoss der Neuen Nationalgalerie am Potsdamer Platz Ausstellungsort sein, ebenso wie der unwirtliche "Skulpturenpark Berlin_Zentrum", ein ehemaliges Mau­erstreifenstück in Kreuzberg. Hinzu kommt der "Schinkel-Pavillon", ein privater Ausstellungsraum hinter dem Kronprinzenpalais am Boulevard Unter den Linden.

Die Idee eines inhaltlichen roten Fadens lehnen die Biennale-Macher strikt ab. Fragt man die beiden nach einem konkreten Thema oder einem Konzept, so sprechen sie von einer "offenen Struktur mit fünf Bewegungen ohne einer Erzählung". Kaum konkreter sind ihre Aussagen zur Künstlerliste: "Wir haben eine subjektive Auswahl getroffen und wollten keine Übersicht vom 'Besten' der Kunstwelt geben. Statt dessen waren wir neugierig auf Künstler, die für uns eine Herausforderung bedeuten. Ein Großteil der Arbeiten sind Neuproduktionen – wir wollten Zeugen des Produktionsprozesses sein und die Möglichkeit haben, darauf zu reagieren."

Neugier ist auch vom Publikum gefordert, dem neben der tagtäglichen Ausstellung mit "Mes nuits" – meine Nächte – ein gleichberechtigtes allnächtliches Performance- und Veranstaltungsprogramm geboten wird. Erst wenn Mitte Juni die Biennale zu Ende geht, so Filipovic, werde man über eine Art Gesamtbild sprechen können. Und vielleicht auch darüber, ob tatsächlich jemand die Reise nach Sansibar gewonnen hat.

"bb5 – 5. berlin biennale"

Termin: 5. April bis 15. Juni. Öffnungszeiten: Di bis Fr 10-19, Do 10-22, Sa, So 11-19 Uhr. Eintrittspreise: Kombikarte (alle Orte) 12 Euro, ermäßigt 8 Euro pro Person. Verkauf: Kunst-Werke, Auguststraße 69, Tel. (030) 24 34 59 60. Orte: Kunst-Werke, Neue Nationalgalerie, Skulpturenpark Berlin, Schinkel-Pavillon. Katalog: JRP Ringier Verlag, 32 Euro.
http://www.berlinbiennale.de/