Radar - Pamela Axmann

Pamela Axmann über Florian Köhler

In unserer Serie "Radar" stellen Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker ihre aktuellen Lieblingskünstler vor. Diesmal: art-Redakteurin Pamela Axmann über den Hamburger Maler Florian Köhler.
Radar: Florian Köhler:Pamela Axmann über ihren Lieblingskünstler

Florian Köhler: "L'arrivage", 2000, Öl, Kohle auf Leinwand

Irgendwann stellt man fest, dass es nur wenige Kunstwerke gibt, die einen wirklich berühren. Florian Köhlers Malerei zählt für mich zu den seltenen wunderbaren Begegnungen. Seine Bilder vermitteln unmittelbar eine sinnliche Lust an der Malerei, an Farbe und Malprozess. Diese Könnerschaft kommt nicht von ungefähr, schließlich wurde Florian Köhler dieses Jahr 75. Seit seinem Studium steht er jeden Morgen auf und geht ins Atelier um zu arbeiten. Zurzeit bietet das Kunsthaus Hamburg einen Überblick über das Werk von Florian Köhler, und es begeistert.

Lust an der Malerei

Es sind die Farben, die einen schier umhauen, denn Köhler schöpft aus dem Vollen: Ein sattes, pastoses Maisgelb kontrastiert zu einem irisierend leuchtenden Türkisblau. Köhler übermalt ein dumpfes Schwarz mit rostigem Rot und bringt es so zum Leuchten. So lässt Köhler langsam aus der Malerei selbst, aus den Schichten und Verflechtungen der Farbe Figur und Raum entstehen. Am Ende arbeitet er mit Kohle die Umrisse der Figuren aus der Farbmaterie heraus, modelliert sie mit kräftigem schwarzem Strich. So erreicht er diese besondere "Tiefenspannung", die Hans Platschek 1995 in Köhlers Bildern entdeckte. Es ist dieser sichtbare Malprozess, der so fasziniert und so viel Sehgenuss verschafft.

Vom Barock zu Pollock

Köhlers malerische Wurzeln liegen zwischen Barock und Beckmann, Pollock und de Kooning. 1959 gründete er mit Heino Naujoks und Helmut Rieger in München die Gruppe "Wir", die für ihre Malerei die "Echtheit des Gefühls" gegenüber einer materialistischen Welt und der kläglichen "Originalitätssuche" der sogenannten Avantgarde proklamierte. In den sechziger Jahren fusionierte "Wir" mit der Gruppe "Spur" zu der legendären Gruppe "Geflecht". Sie war ein kollektiver Versuch, Malerei und Plastik in polyfokalen Raumgeflechten, den "Antiobjekten", zu überwinden. Nach der Auflösung der Gruppe 1968 zog Florian Köhler nach Hamburg, wo er seither lebt. In den siebziger Jahren versucht Köhler geradezu furios seine expressiven Bildräume mit Alltagsthemen zu verbinden: dem automobilen Wahn, Paarbeziehungen, Konsum und Fitnessfetischismus. In den achtziger Jahren dann die "Taucher", eine eigene Welt unter Wasser, und in ihr fand Köhler die Raumtiefe, die den Betrachter in das Bild saugt. Köhlers frühere Pop-Art-Reminiszenzen sind eher plakativ, sie meiden den Pinselstrich. Aber was Köhler in den achtziger und neunziger Jahren an Malerei entwickelte, ist Könnerschaft – wäre dieser Begriff nicht durch zeitgenössische Kunstformen diskreditiert.

Prinzipiell Arbeit

Es ist nicht die Könnerschaft aus der Farbtube. Köhler reibt meist seine Farben selbst an, um Konsistenz und Ton des Malmittels zu bestimmen. Er benutzt auch keine fotografischen Vorlagen, die auf die Leinwand übertragen werden. Köhler findet seine Sujets in sich und in der Realität. Dazu passt auch, dass er seit den neunziger Jahren immer wieder für längere Zeit auf der Atlantikinsel Oléron arbeitet, so wie Cézanne immer wieder den Mont St. Victoire malte. Austernfischer, Arbeitende, Figurengruppen vor weitem Horizont sind seine Themen. Sein Beharren auf der Autonomie des Malers und sein Festhalten an dem, was Malerei vermag, macht Florian Köhler so sympathisch. Ist so ein Maler altmodisch? Claus Mewes, der Leiter des Hamburger Kunsthauses, berichtet von Kunststudenten, die staunend vor diesem Werk stehen und entdecken: "Wenn der wie Franz Ackermann auf dreimal so großen Leinwänden malen würde, wäre er klar besser."

"Florian Köhler. Die Hamburger Jahre 1970 - 2010."

Termin: bis 25. April, Kunsthaus Hamburg. Öffnungszeiten: Di bis So von 11 bis 18 Uhr.
Die Galerie von Loeper stellt zeitgleich (bis 8. Mai 2010) frühe Bilder der Münchner Zeit aus.
http://www.kunsthaushamburg.de

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