Willy Gursky - Interview

Generation Gursky

In der Meisterklasse von Bernd Becher lernte Andreas Gursky, wie man ein Künstler wird. Das Handwerk brachte ihm sein Vater bei. Willy Gursky floh 1955 aus der damaligen DDR in den Westen, ließ sich in Düsseldorf nieder und wurde schnell zu einem gefragten Porträt- und Werbefotografen. art sprach mit dem 88-jährigen Willy Gursky über ein Leben zwischen Auftragsarbeiten und künstlerischer Fotografie, die verblüffende Entwicklung seines Metiers und über seinen berühmten Sohn Andreas Gursky.
Generation Gursky:Willy Gursky über sein Leben und die Fotografie

"Im Übrigen kann ich ja auch gar nicht, was er macht, und er kann nicht, was ich mache": Andreas und Willy Gursky in Düsseldorf

Herr Gursky, es gibt jetzt die dritte Generation von Fotografen in ihrer Familie.

Willy Gursky: Dass ich Fotograf werden würde, stand von Anfang an fest, da mein Vater diesen Beruf ausübte und ich schon als Kind immer in sein Studio hineingeguckt habe. Allerdings habe ich dann zunächst in Leipzig Malerei studiert. Das hat meine Handschrift geprägt, vor allem bei der Lichtsetzung.

Wie sah die Arbeit ihres Vaters aus?

Mein Vater hat vor allem Landschafts- und Industriefotos gemacht. Seine Bildauffassung war so wie bei Andreas und auch bei mir: einfach und klar. Wir wohnten in Taucha bei Leipzig. Da gab es eine Dropsfabrik namens Afrowerk, für die hat er sehr oft gearbeitet. Außerdem war er bei der Leipziger Industriefirma Rudolf Sack angestellt. Im Sommer ging er als Saisonfotograf an die See und im Winter in die Wintersportorte.

Haben Sie den Familienbetrieb übernommen?

Nein. Ich ging dann an die Bayrische Staatslehranstalt für Lichtbildkünste, dort hat man etwas ganz anderes gelehrt, als mein Vater machte. Sein Geschäft war mir auch zu klein. Ich wollte ein größeres Studio aufbauen und hatte später immer sechs bis acht Mitarbeiter.

Sie wurden in der DDR ermutigt, sich bei ihren Reisen in den Westen als Spion zu betätigen. Daraufhin sind Sie 1955 mit Frau und Kind geflohen.

Es war höchste Zeit, über die Grenze zu gehen. Wenn ich es nicht gemacht hätte, wäre ich vielleicht eingesperrt worden.

In diesem Jahr wurde ihr Sohn geboren.

Ich hatte einen Auftrag im Westen und habe mein Auto mit meiner gesamten Ausrüstung vollgepackt. Nach geglückter Flucht schickte ich meiner Frau ein fingiertes Glückwunschtelegramm. Sie ist dann mit unserem Sohn per Bahn gefolgt.

Wie schwierig war es, im Westen neu anzufangen?

Gar nicht. Ich war technisch sehr gut ausgebildet, legte meine Arbeitsmappe in den Werbeagenturen vor und wurde nach einem kurzen Zwischenspiel als Illustrator sofort wieder eingesetzt. Als ich rüberkam gab es vielleicht zehn namhafte Fotografen in der Bundesrepublik, die in der Werbung tätig waren. Charles Wilp gehörte dazu und natürlich F.C. Gundlach. Das hat sich grundlegend geändert. Heute würde ich den Konkurrenzkampf unter den Werbefotografen nicht mehr haben wollen. Es gibt ja Hunderte allein in Düsseldorf.

Hatten Sie ein Markenzeichen?

Das kann ich nicht sagen, das müssen Sie selbst beurteilen. Aber ich glaube die Lichtsetzung ist schon sehr interessant.

Sie haben gesagt, man müsse in ihrem Beruf immer neugierig bleiben. Ging das über neue Techniken?

Das weniger. Es geht um alles, was man sieht und erlebt. Man muss neugierig darauf bleiben, wie man das in Bilder übersetzen würde.

Dabei haben Sie oft auf Vorbilder der Malerei zurückgegriffen.

Ja, ich habe viele Genrebilder gemacht. Mit Rembrandt-Licht oder mit Arrangements à la Monet und Manet.

Und hinterher nachbearbeitet.

Ja, mit dem Pinsel verfremdet oder Reißlack drübergezogen. Das sah dann aus wie ein schönes altes Gemälde, das schon gerissen ist. Diese Technik war sehr gefragt.

Wo haben Sie für sich damals die Grenze der Bildbearbeitung gezogen?

So erheblich war die Nachbearbeitung auch wieder nicht. Ich habe mir bei den Porträts einfach überlegt, was ein Bild ergeben könnte. Sehen Sie hier, das ist wie gemalt, mit nur einer Lichtquelle fotografiert. Hinterher habe ich dann manchmal noch etwas Patina hinzugegeben.

Wo lag für Sie der Unterschied zwischen Schwarzweiß- und Farbfotografie?

Ausgiebig habe ich Schwarzweiß erst in den achtziger Jahren und dann meist ohne Auftrag fotografiert.

In der Werbefotografie war vor allem Farbe gefragt?

Es wurde beides gemacht. Meine Serie für Fulda-Autoreifen war reine Schwarzweißfotografie.

Was war ihre liebste Werbekampagne?

Es gab so viele. Außer Autos habe ich fast alle Produkte fotografiert.

Von Ihnen stammen auch die Werbefotos mit dem berühmten Lenor-Gewissen. Hatten Sie damals ein Gespür dafür, wie zeittypisch diese Arbeiten waren?

Nein, das haben wir damals nicht so wahrgenommen. Im Vergleich zu heute sind die Bilder einfacher, mehr gestaltet, nicht so bunt.

Wie war die Gewichtung zwischen Auftragsarbeiten und künstlerischer Fotografie?

In den siebziger Jahren habe ich sehr viele Porträtaufnahmen gemacht, wobei der geringere Teil Auftragsarbeiten waren.

Ihr Sohn hat erzählt, dass er im Studium kaum technische Hilfestellung erhalten hat und sehr froh darüber war, bei Ihnen nachfragen zu können.

Andreas kommt auch heute noch häufig mit seinen neuesten Bildern und fragt mich nach meiner Meinung. Wir tauschen uns weiterhin aus. Dafür bin ich ihm dankbar.

Gab es irgendwann konkrete Pläne, dass er den Familienbetrieb übernimmt?

Er ist immer seinen eigenen Weg gegangen. In den achtziger Jahren habe ich mich allmählich zurückgezogen, weil ich merkte, dass die Agenturen mit jüngeren Leuten zusammenarbeiten wollen. Es gibt zwar ein, zwei Fotografen, die auch noch mit Mitte 60 voll im Geschäft sind. Aber die haben eine ganz bestimmte Handschrift. Da gehört etwa Axel Gnad dazu. Der kann Sachen, die nur er kann.

Sind sie auch ein bisschen neidisch, dass ihr Sohn in einer Zeit arbeitet, in der die Fotografie eine ganz neue Wertschätzung erfährt.

Gar nicht. Ich bin froh, dass er den Weg gegangen ist. Er zählt zu den weltbesten Fotografen, und da bin ich schon sehr stolz. Das hält auch jung, wenn man das erleben darf. Im Übrigen kann ich ja auch gar nicht, was er macht, und er kann nicht, was ich mache. Solche Porträts sind einfach nicht sein Metier.

Hätten Sie sich in ihrer Zeit einen anderen, fotografiefreundlicheren Kunstmarkt gewünscht?

Das ging ja erst Mitte der achtziger Jahre los. Andreas ist mit der Becher-Schule in den Kunstmarkt hineingewachsen. Seine Bilder waren zunächst auch klein, und er war froh, wenn er etwas für ein paar Hundert Mark verkaufen konnte. Die Karriere, die er dann gemacht hat, verdankt sich seinem Wollen und seinem Fleiß. Seine Zielstrebigkeit und seine Vorstellungskraft haben ihn da hingebracht.

Wie viel konnten Sie denn aus ihrer Kunstfotografie in den Arbeitsalltag übertragen?

In technischer Hinsicht gab es so einiges, was dann auch in die Werbeaufträge einfloss. Zum Beispiel die Krakelee, die ich bei den Porträts verwendet habe. Da kamen die dann an und wollten das auch in der Werbefotografie haben.

"Willy Gursky - Retrospektive 1960-2010"

Das Buch kann unter folgender Adresse bestellt werden: Willy Gursky, Niederrhein Str. 117A, 40474 Düsseldorf

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